Roman "Wiener Straße":Ein Heimatroman also

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Auch die Ausstellungseröffnung wird ein Erfolg. Der Wein aus den Schraubverschlussflaschen ist zu warm, aber das macht Lehmann als Verkäufer durch Charme wett (den klasse schwachen Berliner Witz "Ick koof bei Lehmann" lassen wir mal). Auch ein Polizist, der eigentlich die Fällung eines Baums für die Installation (H.R. Ledigt fuchtelt gern mit einer Kettensäge herum) ahnden müsste, kann beruhigt werden. Ende gut, alles gut, auch weil Kächeles über die Zonengrenze angereiste Schwester die eher kläglichen Backversuche von Chrissie mit überlegener schwäbischer Apfelkuchenexpertise ausgleicht und die Morgenöffnung des "Einfalls" zum Erfolg macht.

Ein Heimatroman also. Nichts Weltbewegendes, außer der alten Zeit, an die ältere Leser sich noch gern erinnern. Das alte West-Berlin! Das alte Kreuzberg! Mauernah und still vor sich hinwuselnd, unendlich gemächlich, noch gänzlich unsmart. Kann man sich kaum vorstellen heute, dieses Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben, das Hoppen von Tresenjob zu Putzjob zu Taxi-Job, zu Kunst und Projekt, mit Staatsknete und Gemeineigentum von Bröckelimmobilien. Berliner Ökonomie, prä-neoliberal, dafür libertär. Konflikte gab's am ehesten, wenn die Freundin schwanger wurde und die Männer zur Gymnastik mitmussten. Kächele läuft einen ganzen Tag mit einem Schwangerschaftsimulator um den Leib gebunden herum.

Heimatliteratur: Da spielt, was passiert, keine allzugroße Rolle. Man liebt die Menschen, aber vor allem, ihre Art zu reden. Eigentlich ist "Wiener Straße" ein Soundtrack des endlosen Berliner Redens, des Zeitschindens mit Reden, des Sich-Beschnüffelns mit Gerede, des Redens, das wissen lässt: Noch der kleinste Handwerkertermin bleibt Verhandlungssache, und auch die Frau an der Kasse muss erst mal jarnüscht, und wenn die Schlange noch so lang ist. Sar'ick ma. - "Sar'ick ma", das sagen die Leute hier ununterbrochen, aber hallo. Kommt ein Handwerker, um die Kaffeemaschine des "Einfalls" zu reparieren - er kommt im vollen Bewusstsein seiner Unersetzlichkeit, wer kennt schon alte Kaffeemaschinen mit Dampf für Milchschaum und so? -, dann wird erst einmal ausgiebig geredet: "Dit is dit jute Stück, oda? Isset doch, oda?""Aba hallo! Sieht man nicht mehr oft. Ist mindestens dreißig Jahre alt, jibtet eintlé jané mehr."

Irgendwann werden die Leute aussterben, die noch wissen, dass das "Café Einfall" in Wirklichkeit das "Madonna" ist, dass die Wiener Straße erschreckend nah an der Mauer lag, dass ganz West-Berlin subventioniert war und in herrlicher Faulheit in den Tag hinein lebte.

Aber dann wird man immer noch mit Freude und Lust dem Gerede dieser Leute zuhören, dem Reden um des Redens willen. Das kennt die deutsche Literatur durchaus, wenn auch selten - man darf, dabei den Kopf tief in den Nacken legend, um nach oben zu schauen, an Autoren wie Wilhelm Raabe oder Eckhard Henscheid denken. Sven Regener ist ihr nicht unwürdiger kleiner Neffe.

Roman "Wiener Straße": Sven Regener: Wiener Straße. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2017. 297 Seiten, 20 Euro.

Sven Regener: Wiener Straße. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2017. 297 Seiten, 20 Euro.

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