Alben der Woche:Für das Leben, nicht für Instagram

RINs Texte sind zu kompliziert fürs Feuilleton, Camila Cabellos Pop ist völlig egal und bei The Who ist eine Hälfte der Band schon tot - die andere dafür umso lebendiger.

Von den SZ-Popkritikern

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The Who - "Who" (Polydor)

The Who

Quelle: Polydor

Die Hälfte der Band tot, das letzte Album 13 Jahre her - es war nicht gerade abzusehen, dass unter dem Namen The Who noch mal neue Musik in die Welt kommen würde. Aber Roger Daltrey und Pete Townshend, die alten Feindfreunde, haben ein Album produziert - ohne sich auch nur einmal im Studio zu begegnen. Das Ergebnis: "Who", ein erstaunliche runde Songsammlung mit starken Refrains und wuchtigen Akkorden. Klar, ein paar Durchhänger sind dabei, aber dafür auch Songs mit der Kraft und der Schlachtruftauglichkeit, die so nur Townshend schreiben - und nur Daltrey singen kann. Gut gebrüllt, ihr alten Löwen.

Max Fellmann

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Camila Cabello - Romance (Epic)

-

Quelle: SZ

Camila Cabellos Song "Señorita" mit Shawn Mendes ist auf Spotify der meistgestreamte Song des Jahres - damit lässt sie sogar Billie Eilish, Ariana Grande und Post Malone hinter sich. Um die 50 Millionen Hörer hören sich jeden Monat ihre Songs an. Manchmal fragt man sich, ob es bestimmte Künstler oder Künstlerinnen gibt, deren gigantischer Erfolg allein das Resultat von Karrierelotto ist. Gäbe es nicht ungefähr tausend andere Kandidatinnen, die diesen völlig egalen Pop genauso hätten performen können, aber zufällig hat sich die Masse zu Zeitpunkt x für Album y von Künstlerin z entschieden? Dabei ist die kubanisch-amerikanische Sängerin als Person durchaus sympathisch. Sie hat letztens publikumswirksam einen Stift im Kensington-Palast geklaut. Danach konnte sie wegen schlechtem Gewissen nicht schlafen. Jedenfalls erscheint das zweite Album des ehemaligen Fifth-Harmony-Mitglieds, "Romance" diesen Freitag. Viele viele Menschen werden es kaufen und hören.

Juliane Liebert

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Jim O'Rourkes - "To Magnetize Money And Catch A Roving Eye" (Sonoris)

Jim O'ROURKE - "to magnetize money and catch a roving eye"

Quelle: SZ

Jim O'Rourkes neues Album "To Magnetize Money And Catch A Roving Eye" ist insofern ein Weihnachtsalbum, als dass es einen in die außergewöhnliche Lage versetzt, sich vorzustellen, wie der eigene Bauch von innen nach einem Festgelage klingt. Es blubbert, es wabert, es experimentelt, es ambientet. Er hat wohl Field Recordings verwendet oder eher verwurstet. Sie sind so bearbeitet, dass man nur noch wenig von ihnen hört. Etwas leicht Buddhistisch-japanisches hat das Ganze auch, immerhin wohnt der Mann in Tokyo. Alles harmoniert atonal umher, interstellares Pfeifen zur Mitte hin. Jeder der Tracks ist über eine Stunde lang. Bis auf den ersten! Der dauert nur ultrakurze 49 Minuten.

Juliane Liebert

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RIN - Nimmerland (‎Division)

RIN Cover

Quelle: SZ

Der Rapper Renato Simunovic alias RIN aus Bietigheim-Bissingen veröffentlicht diesen Freitag sein neues Album "Nimmerland". Leider sind RINs Texte zu kompliziert fürs Feuilleton, aber wenigstens seine Referenzen sind klar: In "Nirvana" zitiert er "Rape Me" und mischt dabei fröhlich deutsch und Englisch "Rape me, rape me, rape me durch die Nacht". Seine Geliebte (die ihn vergewaltigen soll) verschlingt ihn "wie ein Eis", weint, wenn er nicht bleibt - und dann trällert RIN unvermittelt etwas das klingt wie "Anaaahaahaaal". So viele Fragen. Ist seine Geliebte traurig, weil er sie nicht . . . ? In "Keine Liebe (feat. Bausa)" hat sie ihn dann scheinbar verlassen, oder es geht um eine andere, die sich auf RINs Analding von Anfang an nicht eingelassen hat: "Baby sag mir / warum liebst du diesen Typen mit den Nikes? Warum schaust du mich nicht an und gehst nur vorbei?" Lustigerweise kann man das Album auch in einer Nike-Schuhschachtel kaufen. Da ist dann eine CD, ein T-Shirt und ein Poster drin. Aber keine Nikes! Weil die hat ja der andere Typ. Musikalisch klingt das Album sauber kalkuliert. Und obwohl er Dadatexte singt, wirken die derart sorgfältig ausgedacht, dass sie schon wieder einen tieferen Anspruch kommunizieren. "Wir leben für das Leben / nicht für Instagram" behauptet RIN — der 579000 Instagram-Abonnenten hat. Wer's glaubt.

Juliane Liebert

© SZ.de/qli
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