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Richard Powers: Das Buch Ich # 9:Das Buch der Bücher

Von beiden Seiten der Familie ist er mit einer Disposition zur Fettleibigkeit belastet - und trotzdem so dünn wie ein Strichmännchen: US-Autor Richard Powers hat sein Genom entschlüsseln lassen. Seine brillante Reportage erscheint nun als Buch.

Christopher Schmidt

Die Revolution hat eine Vorliebe für theatralische Gesten. An einem Augusttag, nach Monaten bangen Wartens, quälender Fragen und mühsam erkämpfter Triumphe der Selbstberuhigung, nach Phasen von Zerknirschung und Kulturpessimismus und einer geradezu anthropologischen Euphorie über die Aussicht auf eine unmittelbar bevorstehende Epoche molekularer Autonomie, nach all der Vorfreude, gespannten Erwartung, der Angst vor dem Unabänderlichen und - schließlich - nach einem "halbwegs gesunden Mittagessen" wird dem Schriftsteller Richard Powers im Harvard Club von Boston ein Kästchen aus Rosenholz überreicht.

Richard Powers

Als die Entschlüsselung seines Genoms im Briefkasten lag, war dem US-Autor Richard Powers zumute "wie jenen Jägern und Sammlern, als sie zum ersten Mal tiefgefrorene Lasagne sahen".

(Foto: dpa)

Das Kästchen enthält keine goldene Anstecknadel, keinen Schlüssel zu einem Bankschließfach und auch nicht die Geheimformel von Coca Cola, es beherbergt nur einen handelsüblichen USB-Stick, doch darauf ist etwas gespeichert, das kostbarer ist als alles andere: die sechs Milliarden Basenpaare seines individuellen Genoms.

Die Einzelinformationen, die bequem in einem kleinen Kästchen Platz finden, entsprechen 12.000 Bänden eines 250 Seiten dicken Buches mit 500.000 Buchstaben, und wäre das Genom eine Melodie, "die man im flotten Allegrotempo von 120 Beats pro Minute spielte, würde der Song knapp ein Jahrhundert dauern".

Das Genom der Geliebten

Richard Powers ist im Auftrag des Magazins GQ nach Massachusetts geflogen, um sein vollständiges Genom entschlüsseln zu lassen. Er soll eine Reportage darüber schreiben, wie es ist, als neunter Mensch auf Erden seine kompletten Erbanlagen zu kennen.

Die Wahl war auf ihn gefallen, weil Powers damals an einem Roman über die Existenz eines Glücks-Gens schrieb, der 2009 unter dem deutschen Titel "Das größere Glück" erschienen ist. Er überwindet die Angst vor den etwaigen Nachteilen bei der Krankenversicherung oder der Wahrscheinlichkeit, womöglich an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Er zögerte zunächst auch deshalb, weil die Daten weitergegeben werden.

Nach dem Wiki-Prinzip leistet jeder Probant einen Beitrag zu einer öffentlichen Bibliothek von genetischem Arbeitsmaterial. Wieder ist Powers also im Buchgeschäft, aber, so fragt er sich, was ist das für ein Buch mit seinen Hunderttausenden von Seiten? Ein "Pynchon-Roman des biokapitalistischen Zeitalters"? Lautet sein Titel "Die Versteigerung von Nr. 6000000000" und handelt er von der Konkurrenzwirtschaft zwischen den wie Pilze aus dem Boden schießenden Genotyp-Boutiquen?

Powers zweifelt: "Ein paar Jahre noch, dann haben die Leute vielleicht das Genom ihrer Geliebten als USB-Schlüsselanhänger bei sich". Dann ist die Gensequenz sowohl erotischer Fetisch als auch eine Versicherungspolice, ohne die keiner mehr seine Unterschrift unter einen Ehevertrag setzt. Und unsere genetischen Varianten werden zu Suchanfragen, unsere Haplotypen eine Art Facebook-Account für eine neue Art von Special-Interest-Networking.

Was geschieht, wenn Menschen, die ihre Zukunft auf Lotterielosen bauen, für einen demnächst volkstümlichen Preis ihr entschlüsseltes Genom kaufen können? Wie werden sie mit diesem Wissen umgehen? Wird bald schon eine durchschnittliche Gesundheit zur Krankheit erklärt, sodass wir alle zu Patienten im Wartestand werden, nur weil das Risiko besteht, dass wir eines Tages eine bestimmte Krankheit bekommen könnten?

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wieviele Krankheiten Powers bekommen könnte.

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