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Norbert Gstreins Roman "Der zweite Jakob":Kalte Wut

Nachts, in der Nähe der Grenze zwischen den USA und Mexiko, geschieht in Norbert Gstreins "Der zweite Jakob" ein Unfall mit Fahrerflucht, der Jahre später wieder zum Thema wird.

(Foto: Gregory Bull/AP)

In seinen Romanen fragt sich Norbert Gstrein immer wieder, ob man die Schuld, die einer im Laufe seines Lebens auf sich lädt, durch das Erzählen einholen kann. In "Der zweite Jakob" versucht er es noch einmal.

Von Hilmar Klute

Im Spätsommer 2019 veröffentlichte Norbert Gstrein in der NZZ einen seltsam erregten Essay, eine Schmährede auf den dreizehnjährigen Freund seiner Tochter. Man blickte darin auf das unverhohlen zornig skizzierte Porträt eines Besserwissers und Abmahners, der triumphierend das Marmeladenglas aus dem Mülleimer fischt und es seiner stolzen Mutter als Beweis für die ökologische Verantwortungslosigkeit des Hausherrn Gstrein präsentiert. Bei Tisch fragt der Junge altklug, ob man Trump nicht einfach ermorden dürfe. Gstrein schaut in das Gesicht der Mutter, "und ich schwöre, ich habe nie eine grössere Seligkeit und nie ein grösseres Glück gesehen, einen solchen Bastard auf die Welt gebracht zu haben". Dieser heftige Satz kehrt beinahe wörtlich in Norbert Gstreins neuem Roman "Der zweite Jakob" wieder.

Im Roman ist der zur Ermordung vorgeschlagene Tyrann Trumps republikanischer Amtsvorgänger George W. Bush, der überdies eine Stellvertreterfigur für das Hauptthema des Buches ist: die vielfache, reale oder gefühlte, Verstrickung in Schuld und die daraus resultierende, gelegentlich narzisstisch verdrehte Selbstverachtung. Der Mann, der all dies und zudem die Demütigung des Alters zu spüren bekommt, ist ein Schauspieler, sein Name lautet Jakob Thurner. Eigentlich hat er einen anderen Namen, einen "mit vier aufeinanderfolgenden Konsonanten". Seinem Regisseur hat er vorgeschlagen, sich "Gestirn" zu nennen, statt, natürlich: Gstrein wie sein Schöpfer, der 1961 in Mils in Tirol geboren wurde, dem Ort, aus dem auch die Rennrodlerin Helene Thurner und der Mediziner Josef Thurner stammen.

Man muss sich bei der Lektüre selbst ein bisschen zur Ordnung rufen, um nicht zum willfährigen Dekonstruktivisten des biografischen Fährtenlegers Gstrein zu werden. Denn Norbert Gstrein will mit diesem an historischen und literarischen Referenzen reichen Roman eigentlich kein postmodernes Spiegelkabinett aufmachen, sondern die Tragödie eines Mannes erzählen, der sich kurz vor seinem 60. Geburtstag den Wunsch erfüllen möchte, aus den Trümmern seines Lebens zu türmen. Die eigentümliche erzählerische Wut, die aus jeder Zeile des Essays über den kleinen Bastard blitzt, treibt auch die Dramaturgie des Romans an. Und aus der bewusst hergestellten Nähe der Hauptfigur zum Autor Gstrein - Jakob versucht sich zeitweise sogar als Romancier - wird ein Projekt der autobiografischen Annäherung, das nicht ohne Abweisungen auskommen will. Seine kaum bezwingbare Abneigung gegen den ambitionierten Jungen hat Gstrein im Roman auf zwei weitere Figuren verteilt. Die augenscheinlichste ist Mirko, der aus Bosnien stammende aktuelle Freund von Jakobs Tochter Luzie, "Mitglied einer Aktivistengruppe, die sich gegen den Transitverkehr engagierte". Die zweite Figur ist Mirkos kiffender Vorgänger, den Jakob mit 5000 Euro zum Verschwindibus gemacht hat.

Der Schriftsteller Norbert Gstrein, 1961 in Mils in Tirol geboren.

(Foto: imago stock&people)

Am Anfang will Jakob mit seiner Tochter Luzie in die USA reisen, um den Feierlichkeiten zu seinem Geburtstag zu entgehen, vor allem dem Fest in seinem steirischen Heimatdorf. Dort lebt noch ein alter Onkel, der den nächsten Stellvertreterposten für das schlechte Gewissen besetzt: Jakob, der von der Großmutter während der NS-Zeit in ein Heim gegeben wurde und dort nur knapp der Euthanasie entkam. Ihn, den beinahe Geopferten, als Kind verleugnet und verspottet zu haben, belastet das Gewissenskonto des "zweiten Jakob", wie sich Thurner, in gespielter oder echt empfundener Reumütigkeit nennt.

Zudem steht eine Reihe von Gesprächen mit dem in allen Facetten der Schmierigkeit gezeichneten Journalisten Elmar Pflegerl an, einem publizistischen Serientäter, der die neueste seiner routiniert hingeflegelten Prominentenbiografien über Jakob Thurner schreiben möchte. Pflegerls Übergriffigkeit, seine unverhohlene Sensationslust am privaten Desaster Jakobs, wird von Luzie, die bei den ersten Gesprächen anwesend ist, aggressiv korrigiert. Eine seiner Fragen lautet, ob Jakobs Verbrauch an Ehefrauen etwas mit dem Hang dazu zu tun habe, Frauenmörder zu spielen. Die Rolle des Wiener Mörders Jack Unterweger hat Jakob allerdings abgelehnt, weil er die hündische Liebe der Schickeria zu diesem in den Neunzigerjahren sehr bekannten Serienkiller und Pseudopoeten verachtet. Die Rolle übernahm, im Roman wie in der Wirklichkeit, John Malkovich.

Beinahe unbeabsichtigt erzählt Jakob Thurner seiner Tochter Luzie, dass er einmal als Beifahrer an einem Unfall mit Fahrerflucht beteiligt gewesen sei, bei dem eine Frau starb. Luzie bricht daraufhin mit dem Vater, und die Erzählung beginnt sich aufzufalten in die Geschichte einer von Anfang an problematischen Vater-Tochter-Beziehung, die klinische Züge annimmt, sowie in die Erinnerung an zehn Jahre zurückliegende Dreharbeiten bei El Paso an der Grenze zu Mexiko. Jenseits der Grenze wurden damals serienweise Frauen ermordet, Prostituierte vor allem. Mit einer von ihnen ist Jakob während des Filmdrehs selbst intim und wird damit auf vertrackte Weise schuldig an ihr. Die Schuld liegt in einem diffusen Zwischenbereich zwischen tatsächlich Geschehenem und dem vermuteten Fortgang des Schicksals. Verschwindet die Prostituierte, weil sie andere Kunden hat, wird sie ermordet? Und die Frau, die auf einer einsamen Landstraße überfahren wird - starb sie in dem Augenblick oder krepierte sie qualvoll am Straßenrand?

Das Denkmal für den Schriftsteller in der Steiermark trägt chinesische Züge

Gstrein nähert sich den Schlüsselszenen seines Romans mit einer raffiniert konstruierten Kameraführung. Annäherung ans und Abkehr vom Geschehen wechseln einander ab, bis irgendwann die schonungslose Nahaufnahme den letzten Zweifel ausräumt, dass hier jemand eine nicht mehr durch Erzählen tilgbare Lebensschuld auf sich geladen hat. Es ist beeindruckend, wie kalkuliert Norbert Gstrein seine literarischen Mittel wählt. Das Filmische wird zum literarischen Prinzip, während die Hauptfigur, eigentlich Schauspieler, mehr und mehr Wesenszüge und Techniken des Schriftstellers annimmt. Gegen Ende spricht er seine Verwunderung über die Wahrnehmung von Schriftstellern aus, "die ihren Blick einfach nach außen richteten, wenn ihnen gar nichts mehr einfiel, die Kamera auf Weitwinkel stellten und ihrer inneren Leere mit seiner Beschreibungswut begegneten". An anderer Stelle schimpft er über "Schriftsteller mit kitschigen Safthirnen", die sich für die Freilassung ihres als Kollegen begriffenen Mörders Unterweger eingesetzt hätten.

Überhaupt hat Gstrein seinen Roman mit literarischen Verweisen vollgepackt. Zwei Zitate von Onetti sind gekennzeichnet, den berühmten Vers "Bin gar keine Russin, echt deutsch" aus T. S. Eliots "Waste Land" legt er heimlich Jakobs Ärztin Frau Dr. Maier in den Mund. Apropos: Einen gewissen Makel an Gstreins fabelhaft komponiertem Buch bildet die Überbesetzung mit Nebenfiguren, deren Funktionen nicht immer einleuchten. Wozu braucht es das Kapitel über die verflossene Maja? Jakobs Verlorenheit ist längst augenfällig geworden.

Norbert Gstrein: Der zweite Jakob. Roman. Hanser, München 2021. 448 Seiten, 25 Euro.

Gegen Ende reisen Luzie und Jakob in sein Heimatdorf, und hier kehrt sich in merkwürdiger und auch nicht ganz schlüssiger Weise das Sorgeverhältnis der beiden um. Die vor Kurzem noch hospitalisierte Tochter wird nun zur Moderatorin, die ihren Vater zu erden bemüht ist, den in Hotelkellern vermuteten Onkel Jakob ausfindig macht und von dessen schönem, glücklichen Gesicht zu berichten weiß. Sie tröstet ihren Vater nun auch über die Peinlichkeit hinweg, dass die Gemeindeverwaltung ihm eine lebensgroße Statue im öffentlichen Raum spendiert. Das Denkmal stammt aus einer chinesischen Serienproduktion, der Bronze-Jakob trägt sogar asiatische Gesichtszüge. Jakob selbst hat sich die Groteske in einer rhetorischen Frage erklärt: "War ich eine ebenso tragische wie lächerliche Figur, bei der sich am Ende Kunst und Leben nicht mehr unterscheiden ließen?"

Der Hang zur Selbstzerschmetterung macht das brutale Spiel dieses Romans mit Identitäten zu einer beeindruckenden Kunstleistung. Es ist ein Spiel mit dem Runterkühlen, das sich im eiskalten Weißwein, den Jakob immer griffbereit hat, bis hin zum Bekenntnis entfaltet, Jakob sei immer ein Kind des Winters gewesen, das Wärme nur aushielt, wenn es zuvor lange genug in der Kälte war. "Der zweite Jakob" ist ein Schriftsteller-Roman, eine poetologische und autobiografische Standortbestimmung des Autors Gstrein und deshalb, weniger inhaltlich als prinzipiell, die Fortsetzung, besser: die Umkehrung seines Vorgängers "Als ich jung war". Jakob Thurner ist ein Mann, der zuschlagen möchte und Leuten an die Kehle geht, dem Journalisten Pflegerl zum Beispiel. Er ist ein Kombattant, der die Wucht des körperlichen Zugriffs genauso in sich trägt wie eine heiße, in Wahrheit durch nichts herunterzukühlende Wut auf die Gegenwart.

© SZ/masc
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