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Retropop von "Chromatics":Schuss ins eigene Tanzbein

Liebe zur vertonten Enttäuschung: Das neue Album der "Chromatics", deren Mastermind Johnny Jewel beim Soundtrack des Kinohit "Drive" mitmischte, ist nichts für den Rausch auf dem Dancefloor - sondern für die darauf folgende Taxifahrt ins leere Apartment.

Andreas Richter

Vor den Auslagen heutiger Popmusik fällt eines sofort auf: Kaum etwas ist gerade billiger zu haben als das Soundzitat. Es ist also alles da: Folk, der klingt wie Folk aus den Siebzigern, und Punk, der klanglich nicht von Punk aus den Achtzigern zu unterscheiden ist, oder auch Grunge, der so zerschlissen daherkommt, wie man das Genre an der Schwelle zu den neunziger Jahren in Erinnerung hat. Auch die Chromatics aus Portland erzählen erst mal kaum etwas von der Gegenwart.

Chromatics

Ruth Radelets Schwanengesang ist einer der Gründe, warum Chromatics-Songs auch als Statements gegen die Mittelmäßigkeit und Schnelllebigkeit des Pop gelten können.

(Foto: Richard Bernadin / Italians Do It Better)

Seit deren Mastermind Johnny Jewel seine Finger beim Soundtrack zu dem ebenfalls aus der Zeit gefallenen Film "Drive" im Spiel hatte, steht die Band allerdings unter besonderer Beobachtung. Und das zu Recht, denn ihr verwaschener, süßlicher Discosound läuft dem herrschenden Retro-Zeitgeist nicht einfach hinterher. Es geht den Chromatics - anders als so vielen - um mehr als nur darum, die Unsicherheiten der Gegenwart mit der wärmenden Hand des Bewährten zu überschreiben.

Im Gegenteil: Die Retro-Disco-Welt der Band ist nicht heil. Sie beginnt, wenn der großen Rausch vorbei ist. Das Maß der Dinge ist nicht, was in der berühmtesten aller Diskotheken, dem New Yorker Studio 54, die Tanzfläche füllte. Die Chromatics schreiben Songs für die Taxifahrt zurück ins leere Apartment. Mit ihrer Liebe zur vertonten Enttäuschung schießen sie sich natürlich hin und wieder direkt ins eigene Tanzbein. Aber genau darum geht es.

Alle Chromatics-Veröffentlichungen erscheinen und erschienen auf unabhängigen Kleinstlabels oder im Selbstverlag. Eine eigene Website gibt es nicht. Auf Konzerten werden nicht selten ganze CD-Versionen ihrer Musik als Teaser verschenkt. Die Vinyl-Schallplatte ist hier noch immer das Primärmedium.

Dem Do-it-yourself-Prinzip folgende Eigenbrötler

Dass all das derzeit so gut in die Zeit passt, dafür muss man die Chromatics aber fast in Schutz nehmen. Die Band beruft sich nicht auf Gestriges, weil ihnen heute nichts Besseres einfällt. So war es vielleicht ganz am Anfang, als sie noch etwas formelhaft und absichtlich chaotisch die No-Wave-Bands der späten Siebziger zitierte. Die Wende brachte das Jahr 2004. Ruth Radelet tritt ans Mikrofon - eine verhuschte Erscheinung mit abgründiger Stimme.

Viel wichtiger aber noch: Besagter Johnny Jewel stößt als Produzent zur Band und mit ihm ein ganz neuer Sound. Die Band wird Teil der Italians-Do-It-Better-Familie, einem von Insidern kultisch verehrten und von Jewel mitgegründeten Label, dessen Künstler und Bands auch allesamt von ihm produziert werden. Dort ist jetzt auch "Kill for Love", das zweite Chromatics-Studioalbum nach dem Stilwechsel, erschienen. Fünf Jahre hat es gedauert. Eine lange Zeit in der Musikindustrie. Aber eben wohl genau die Zeit, die nötig war, in der Welt dieser strikt dem Do-It- Yourself-Prinzip folgenden Eigenbrötler.

Mehr Absurde Zuspitzung als Zitat

Ebenso gegen die geltenden Regeln beginnt das Album nicht mit einer starken eigenen Komposition, sondern mit einer Coverversion von Neil Youngs "Hey Hey, My My (Into the Black)". Auch hier der bewusste Regelbruch: Andere covern unbekanntere Songs großer Stars, die Chromatics nehmen die Klassiker. Von Bruce Springsteen übrigens einst "I'm On Fire" und von Kate Bush gleich "Running Up That Hill".

Wie die beiden Versionen dieser fremden Hits ist aber auch die Neil-Young-Hymne auf dem neuen Album natürlich nicht einfach ein Zitat, sondern eher eine absurde Zuspitzung dessen, was das Stück einmal sein sollte. So wie dereinst Neil Young den großen Rock-'n'-Roll-Gott anrief, so demütig geben sich auch die Chromatics in ihrer Bearbeitung. Nur eben auf ihre Weise: Sie legen eine Grundierung aus Vinylknistern und sachten Synthie-Flächen, auf der sich die Gitarrenakkorde und Ruth Radelets Schwanengesang nun wirklich jede Zeit der Welt nehmen. Am Ende gelingt ein Update, das so zeitlos werden könnte wie das Original. Aber eben auch ein Update, das diese Bezeichnung wirklich verdient.

Material für die Engtanzfloors dieser Welt

Erstaunlich ist das, weil Jewel eigentlich nicht die Art von Produzent ist, die up to date genannt wird. In seinen Stücken hört man eher Produktionen von Giorgio Moroder und Harold Faltermeyer oder die Brian Eno-Ära von Roxy Music nachklingen als die Arbeit der Soundtüftler, die im Auftrag ihrer Majestät eines der letzten Madonna-Alben entworfen haben. Jewel greift immer wieder in dieselben Tasten, arbeitet ausschließlich mit analogem Equipment, mit Synthesizern, die mitunter älter sein dürften als er selbst.

Unter solchen Bedingungen besteht immer die Gefahr, etwas Überflüssiges abzuliefern. Chromatics-Songs hört man an, dass ihre Schöpfer das wissen. Sie sind immer auch Statements gegen die Mittelmäßigkeit und Schnelllebigkeit des Pop. Jewel und Co. bringen Wissen und Stil in ein Verhältnis, das am Ende nicht Langeweile, sondern Intimität erzeugt. "There's more to the picture than meets the eye." - so krächzte es Neil Young in "Hey Hey, My My", ohne zu wissen, wie treffend es den Charakter dieses Albums beschreiben würde.

Mit den Werkzeugen von gestern kann jeder rumspielen, die großen Songs aber muss man in sich haben. Auf "Kill For Love" befinden sich einige davon. Der Titeltrack des Albums mit seinen schleppenden Beats und den verhallten Soundschichten ist wahrscheinlich der bestgelaunte Ohrwurm des bisherigen Schaffens der Band, das darauf folgende "Back From The Grave" dagegen drückt direkt wieder auf die Tränendrüse - Material für die Engtanzfloors dieser Welt. Dann "The Page" - eine für Chromatics-Verhältnisse fast schon treibende Up-tempo-Nummer. So muss Glamrock aus Disco-Perspektive klingen.

Mit "The Streets Will Never Look The Same" wirft die Band ein Streiflicht über die Anonymität der Großstadt, das sogar die auf so was spezialisierten Dubstep-Romantiker blass aussehen lässt. Und dann, nach diesen größten Gesten des Albums, passiert etwas Unerwartetes. Es löst sich immer wieder in flächigen, atmosphärischen Arrangements auf. In etwa so, wie es sich sonst nur Soundtracks erlauben.

Ausgestreckter Mittelfinger für Zweifler

Und tatsächlich stand das letzte Album "Night Drive" seinerzeit ganz oben auf dem Zettel des "Drive"-Regisseurs Nicolas Winding Refn, als er die Stimmungstiefe seines Neo-Noir-Thrillers auslotete. Refn holte Jewel als Komponisten an Bord. "Drive" wurde dann doch eine größere Nummer, und der als Filmkomponist noch namenlose Jewel blieb wohl dank Hollywood-Geklüngel auf seinem Material sitzen. Lediglich ein älterer Chromatics-Song und ein Stück seiner Band Desire schafften es auf den Soundtrack des Films. Jewel machte es dann einfach wieder selbst, rief mit dem Chromatics-Drummer Nat Walker das Projekt "Symmetry" ins Leben und veröffentlichte überarbeitete Teile seiner Arbeit als "Themes For An Imaginary Film".

Nur logisch, dass auch den Chromatics der eine oder andere breitwandige dramaturgische Kniff verpasst wurde. Jewel soll in einem Interview einmal gesagt haben, die "Drive"-Produzenten hätten in ihm wohl nur einen 20-jährigen Hipster gesehen, dem außer ein paar Disco-Pop-Nümmerchen nichts zuzutrauen ist.

Da ist es kein Wunder, dass das knapp 80-minütige Werk "Kill For Love" in seiner sich alles erlaubenden Attitüde nun ein bisschen überheblich daherkommt. In manchen Momenten hält es den Zweiflern einen ausgestreckten Mittelfinger entgegen. Den bisherigen Fans schenkt es mindestens eine neue Klangwelt. Und allen, die die Band jetzt zum ersten Mal hören, ein echtes Pop-Erlebnis.

© SZ vom 03.08.2012/feko
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