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Renommierter Musikpreis:Königin der Viola

Tabea Zimmermann, die „schönste C-Saite der Welt“.

(Foto: Claus Schunk)

Die Bratschistin Tabea Zimmermann erhält den Preis der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung 2020.

Welche Wirkung Tabea Zimmermann,53, mit ihrem einzigartigen Spiel erreichen kann, davon zeugt die Anekdote mit dem ungarischen Komponisten György Ligeti, der sie nach der Uraufführung des Violakonzerts von Mark Kopytman in Köln so bewundernd wie scherzhaft ermahnte: "Frau Zimmermann, ich bin Ligeti. Wenn Sie so weiter spielen, kriegen Sie noch ein Stück von mir." Das geschah mit der Solosonate für Viola, die zuerst als unspielbar galt, bis sie Tabea Zimmermann glanzvoll realisierte. Ligeti hat sie dann auch, wahrlich zu Recht, als die "schönste C-Saite der Welt" bezeichnet. Ligeti war und ist nicht der Einzige, der sich vom außerordentlichen Spiel dieser Musikerin inspirieren ließ und lässt: Wolfgang Rihm, Heinz Holliger, Bruno Mantovani, Georges Lentz, György Kurtág, Peter Eötvös und viele andere wollten und wollen mit ihren Stücken für Zimmermann wissen, welche musikalischen Dimensionen man auf der Viola überhaupt entfalten kann, die geradezu grenzenlos erscheinen, wenn diese Virtuosin spielt.

Dass sie jetzt - übrigens erst als dritte Frau - den renommierten Preis der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung 2020 erhält, ist mehr als überfällig. Denn sie hat die Viola da braccia, die Bratsche, unüberhörbar im Zentrum des Musiklebens weltweit positioniert, wie es vor ihr die Portalgestalten des modernen Violaspiels mit unterschiedlichem Erfolg anstrebten: Lionel Tertis, William Primrose, Paul Hindemith und, als noch Aktiver, Yuri Bashmet. Wer erlebt hat, wie Tabea Zimmermann etwa Wolfgang Rihms 2. Bratschenkonzert "Über die Linie IV" als weit dimensionierten Bogen spannen kann, weiß, wie der Klang der Viola zu verzaubern vermag. Getragen von melancholischer Sinnlichkeit bleibt ihr unvergleichlich warmer Ton bei aller Bratschendunkelheit stets klar und voluminös. Was immer sie auch spielt - ihr Repertoire reicht von den Bratschenkonzerten eines Carl Stamitz und Franz Anton Hoffmeister über Hector Berlioz' einsamen Violawanderer "Harold en Italie" und Niccolò Paganinis "Gran Sonata" weiter bis zur Violasolosonate ihres Namensvetters Bernd Alois Zimmermann und bis in die unmittelbare Gegenwart - immer kann man erfahren, was es heißt, auf einem Instrument in allen Lagen, in dramatischen wie lyrisch-meditativen Passagen, auch in extremen dynamischen Gegensätzen "singen" zu können.

Tabea Zimmermann,1966 in Lahr geboren, ist nicht wie nahezu alle anderen Bratschisten von der Geige auf die Viola umgestiegen, sondern war von Beginn an, da war sie drei Jahre alt, in den "großen Klang" der Viola verliebt und hat so seit Kindesbeinen ihren ganzen Klangsinn auf ihrem Lieblingsinstrument bilden und ihre Klangfantasie entwickeln können. Sie studierte bei Dietmar Mantel, Ulrich Koch in Freiburg und beim sagenhaften Sándor Végh in Salzburg. Wettbewerbssiege folgten: Genf, 1982, Paris 1983, wo sie jene fabelhaft tönende Viola des Geigenbauers Étienne Vatelot gewann, die für den unverwechselbar großvolumigen "Zimmermann-Sound" gemacht scheint, und Budapest 1984. Dann kam der Weltruhm.

Neben ihrer internationalen Solistinnentätigkeit liebt sie die Kammermusik, die sie zur Basis echten Musikverstehens erklärt. Sie gründete das Arcanto-Streichquartett mit den Geigern Antje Weithaas, Daniel Sepec und dem Cellisten Jean-Guihen Queyras. Oder spielte Streichtrio mit Christian und Tanja Tetzlaff. Die Liste großer Namen, mit denen sie musiziert, ließe sich leicht verlängern. Als hochgeschätzte Professorin unterrichtet sie nach Stationen in Saarbrücken und Frankfurt an der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler und gibt weltweit Meisterkurse. Seit 2015 ist sie Präsidentin des Beethovenhauses in Bonn, sie hat viele internationale Auszeichnungen bekommen.

Sie sieht sich in der Tradition Paul Hindemiths, der viel neue Violamusik spielte und eindringliche Werke für die Bratsche schrieb, die "die" Zimmermann kongenial aufführt und eingespielt hat. In einem Gespräch mit der Neuen Musikzeitung betont sie: "Wir Musiker müssen insgesamt politischer werden und können uns nicht nur in unserer Nische einrichten." Die Skepsis gegenüber dem Musikbetrieb, dessen vermeintlich glamouröse Seiten sie mehr als "schmutziges Geschäft" sieht, die Sorge um die Musikbildung in Deutschland und die Forderung nach Offenheit gegenüber neuer Musik zeigen die unbedingte Seriosität, Integrität und Vitalität dieser grandiosen Musikerin.

© SZ vom 23.01.2020
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