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Reichstags-Reenactment:Wie man sich selbst regiert

Fotograf: Candy Welz, im Rahmen des Kunstfest Weimar

Weimar, 21. August 2019: Das historische Foto vom Auszug der Abgeordneten aus der Nationalversammlung vor hundert Jahren wird nachgestellt.

(Foto: Candy Welz)

Bürger, Schauspieler und Politiker eröffnen das Kunstfest in Weimar mit einer Wiederaufführung der Nationalversammlung des Jahres 1919.

Nachdem der Reichspräsident Friedrich Ebert den vorgeschriebenen Eid auf die Verfassung geleistet hatte, verließen am Donnerstag, dem 21. August 1919, die Abgeordneten der Nationalversammlung das Weimarer Theater, und auf dem Platz davor wurde gefeiert. Das Foto vom Auszug der Abgeordneten wurde seitdem vielfach veröffentlicht. Hundert Jahre nach dem Ereignis, am Mittwoch dieser Woche, stellten es Weimarer Bürger und Gäste auf dem Theaterplatz nach. Einige hatten sich zeitgemäß kostümiert, Schülerinnen trugen Kleider im Stil der Zwanzigerjahre, Schüler weiße Hemden und Schiebermütze. Hüte wurden verteilt, die Menge rings um das Goethe-Schiller-Denkmal nach dem historischen Vorbild auf dem Platz verteilt, mit modernen Apparaten und einer ehrwürdigen Plattenkamera fotografiert. Dann ging es hinein ins Theater, um Parlamentsreden zuzuhören.

Mit einem "Reichstags-Reenactment" begann das diesjährige Kunstfest Weimar, das erste unter der Leitung des Kurators und Dramaturgen Rolf C. Hemke. Werden längst geschlagene Schlachten wiederaufgeführt, bemühen sich alle um historische Treue, um das, was man Authentizität nennt. Für die Darbietung einiger Reden und Parlamentsdebatten hatte der Regisseur Nurkan Erpulat vom Berliner Maxim-Gorki-Theater eine bessere Idee. Er inszenierte die historische Distanz mit, eine Haltung zum Geschehenen. Als die verfassunggebende Deutsche Nationalversammlung am 6. Februar 1919 in Weimar zusammentrat, existierte die "Ballade vom Wasserrad" noch nicht, mit der Matthias Goerne das Reenactement im Theatersaal eröffnete. Der Bariton ist für fünf Jahre "Kunstfest-Botschafter" und sang die Brecht-Eisler-Ballade und dann noch "Vorwärts und nicht vergessen", als seien es für den Konzertsaal geschriebene Kunstlieder. Ein Verfremdungseffekt der besonderen Art.

"Das deutsche Volk ist frei, bleibt frei und regiert in alle Zukunft sich selbst". Erster Szenenapplaus

Und dann ereignete sich Unwahrscheinliches. Über Stunden folgte Parlamentsrede auf Parlamentsrede - und es wurde nicht langweilig. Neben Schauspielern trugen Schülerinnen und Schüler, Bürger der Stadt, auch Politiker Reden aus dem Jahr 1919 vor. Sie sprachen einzeln, zu viert oder siebt im Wechsel oder im Chor. Manchmal übernahmen Männer die Reden von Frauen, Frauen die Männer-Reden. Die Debatten der späteren Jahre blieben einem zweiten Teil vorbehalten. Da Nurkan Erpulat ganz auf die Kraft der Wörter und Argumente setzte, fühlte man sich als Zuschauer ernst genommen, nicht belehrt, sondern herausgefordert, sich einen Reim auf den Beginn der ersten deutschen Demokratie zu machen.

"Die Reichsregierung begrüßt durch mich die Verfassunggebende Versammlung der deutschen Nationen. Besonders herzlich begrüße ich die Frauen, die zum erste Mal gleichberechtigt im Reichsparlament erscheinen. Die provisorische Regierung verdankt ihr Mandat der Revolution; sie wird es in die Hände der Nationalversammlung zurücklegen." So sprach Friedrich Ebert zur Eröffnung des nach dem verlorenen Krieg, der Revolution des November 1918, inmitten von Unruhen und Straßenkämpfen gewählten Parlaments. Der Mehrheitssozialist Ebert hat, weil er mit der Obersten Heeresleitung zusammenarbeitete, Gustav Noske und die Freikorps bei der Niederschlagung von Aufständen gewähren ließ, keine gute historische Presse. Teile seiner Rede vom 6. Februar aber überzeugten nach hundert Jahren die Kunstfestbesucher in Weimar.

Den ersten Szenenapplaus gab es für den Satz: "Das deutsche Volk ist frei, bleibt frei und regiert in alle Zukunft sich selbst." Auf Begeisterung traf auch die Feststellung, der Militarismus sei in Trümmer gestürzt und werde nicht wieder entstehen. Auf den Satz: "Jetzt muß der Geist von Weimar, der Geist der großen Philosophen und Dichter, wieder unser Leben erfüllen" folgte, wenn es so etwas gibt, nachdenklicher Applaus. Ebert bemühte Traditionen, um zu beweisen, dass die Welt von Deutschland noch Gutes zu erwarten habe, er berief sich auf den 18. März 1848, den 9. November 1918, auf Marx, Lassalle und Fichte. Mit großem Pathos beschwor er die Demokratie und den Weg "vom Imperialismus zum Idealismus". Sobald von Pathos die Rede ist, heißt es meist, es sei uns fremd, aber die Reaktionen in Weimar lassen vermuten, dass das höchstens halb stimmt. Ein Bedürfnis nach Leidenschaft und Ergriffensein gibt es nach wie vor, ebenso nach klaren Positionen, wie sie etwa die Sozialdemokratin Marie Juchacz am 19. Februar 1919 als erste Frau in der Nationalversammlung vortrug.

Bodo Ramelow verlas eine dramatische Rede des SPD-Reichskanzlers Gustav Bauer

Für Weimar ist 2019 ein entscheidendes Jahr. Die Klassik Stiftung hat eine neue Präsidentin, Ulrike Lorenz, die vieles lebendiger, politischer gestalten will. Zwei neue Museen wurden eröffnet, das Bauhaus-Museum und, gegenüber vom Theater, das Haus der Weimarer Republik. Walter Gropius gestaltete die Gedenktafel, die am Theatergebäude an die Weimarer Verfassung erinnerte, bis SA-Männer sie abnahmen. Sie hängt wieder. Der Abend bot Ausschnitte aus vielen Debatten: über den Versailler Diktatfrieden, über Schwarz-Rot-Gold, über Monarchie und Republik, den 1. Mai, das Biersteuergesetz.

Mit großem Stolz würdigten Abgeordnete deutsche Kolonialtruppen. Einer ihrer Kommandeure, Paul von Lettow-Vorbeck, beteiligte sich 1920 am Putsch gegen die Republik. Gustav Noske rechtfertigte seinen Schießbefehl gegen Berliner Arbeiter mit dem Satz, der in Varianten immer wiederkehrt, wenn Gewalt gerechtfertigt werden soll: Er lasse sich auf juristische Tüfteleien nicht ein.

Viel war vom Volk und von der Ehre der Nation die Rede, von Sozialismus, Freiheit, praktischer Arbeit. Gregor Gysi trug eine Rede von Luise Zietz vor, die für die Unabhängigen Sozialdemokraten im Parlament saß, der Ministerpräsident Thüringens, Bodo Ramelow verlas eine dramatische Rede des SPD-Reichskanzlers Gustav Bauer zu den Friedensverhandlungen. Peter Kleine, Oberbürgermeister Weimars, nutzte einen Beitrag über die Farben der Republik zur Aufforderung, Schwarz-Rot-Gold nicht Verächtern der Freiheit zu überlassen.

Es hielten nicht alle im Saal bis zum Schluss durch, aber das "partizipative Projekt" war ohnehin auf Kommen und Gehen, Hören, Denken, Reden angelegt. Es weckte die Lust, die Parlamentsdebatten nachzulesen und den Wunsch, in der Erinnerung an die demokratischen Traditionen möge die parlamentarische Arbeit eine ebenso große Rolle spielen wie Streiks, Demonstrationen, Wahlkämpfe.

Auf das Debatten-Reenactment folgte ein Fest. Die Suedstadt Syncopators aus Leipzig spielten, und sofort tanzten die Leute vor dem Theater. Einen Spaziergang entfernt, ohne jeden Zusammenhang mit dem Fest, hatte eine Künstlergruppe Klopapierrollen vor Goethes Gartenhaus geworfen, um gegen den beschönigenden Umgang mit den "erotischen Hierarchien" in Goethes Werken zu protestieren. Ach. Es kümmerte die heiter Tanzenden wenig. An diesem Abend ging die Freundlichkeit über den Theaterplatz und lachte aller Verbiesterung frech ins Gesicht.