Pulitzer-Preise Free Jazz und Surfen

Was in den Staaten früher in die Nischen der Subkultur abgeschoben wurde, ist heute preiswürdig, von Einwandererliteratur bis zur Autobiografie eines Surfers. Die Pulitzer-Preise zeigen deshalb, wie sich der Kulturkanon ändert.

Von Andrian Kreye

Es ist ein später Triumph für Duke Ellington, dass der Jazzsaxofonist Henry Threadgill in diesem Jahr den Pulitzerpreis für Musik bekommen hat. In der Regel wird der Pulitzer in dieser Kategorie seit 1943 für ein Werk der zeitgenössischen Klassik vergeben. 1965 wollte die Jury den Preis Duke Ellington zusprechen. Das allerdings wollte der Stiftungsvorstand nicht. Ellington reagierte scheinbar gelassen. "Das Schicksal meint es gut mit mir. Das Schicksal will nicht, dass ich zu jung berühmt werde." Er war zu diesem Zeitpunkt 66 Jahre alt.

Der Jazzkritiker Nat Hentoff erzählte jedoch später, dass Ellington außer sich vor Wut war. Es tröstete ihn auch nicht, dass Hentoff im New York Times Magazine ein großes Porträt über ihn mit der Überschrift "This Cat Needs No Pulitzer Prize" (dieser Hipster braucht keinen Pulitzerpreis) veröffentlichte. War ja gerade Ellington einer der ersten, die dafür stritten, dass Jazz als die klassische Musik Amerikas anerkannt wird.

Threadgill ist aber nicht nur irgendein Jazzmusiker. Er stammt aus dem Kreis der "Association for the Advancement of Creative Musicians", einem Kollektiv in seiner Heimatstadt Chicago, das den Free Jazz nicht nur als musikalischen, sondern auch als politischen Befreiungsakt verstand. Wie so viele Free Jazzer verlegte sich auch Threadgill später darauf, das Komponieren mit freier Improvisation zu verbinden. Auch das Album "In for a Penny, in for a Pound", für das er nun den Pulitzer bekam, ist ein hochkomplexes Werk, das er mit seinem Ensemble Zooid einspielte.

Threadgill ist nach Gunther Schuller, Wynton Marsalis und Ornette Coleman erst der vierte Jazzmusiker, der einen Pulitzer bekommt. Wobei Schuller und Marsalis mit Arbeiten Pulitzer-würdig wurden, die der Klassik sehr nahe kamen. Es ist aber gerade der Kontext der anderen Preisträger 2016, der zeigt, dass sich der amerikanische Kulturkanon in diesen letzten 50 Jahren doch extrem geöffnet hat.

Den Pulitzer für Literatur bekam der vietnamesische Schriftsteller Viet Thanh Nguyen für den Einwandererroman "The Sympathizer". Als Theaterstück wurde Lin-Manuel Mirandas Hip-Hop-Musical "Hamilton" über Nationsgründer Alexander Hamilton ausgezeichnet. In der Kategorie Biografie war es der New Yorker-Autor William Finnegan für seine Autobiografie "Barbarian Days: A Surfing Life". In der Lyrik der armenischstämmige Schriftsteller Peter Balakian. Das Geschichtswerk des Jahres ist zwar "Custer's Trials" von T. J. Stiles, das Sachbuch "Black Flags: The Rise of Isis" von Joby Warrick. Aber es muss ja nicht jede einzelne Kategorie den neuen Kulturkanon Amerikas widerspiegeln, der nun vom Free Jazz über die Einwandererliteratur bis zum Surfen so viel umfasst, was früher in die Subkulturen abgeschoben wurde.