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Sizilien-Roman:"Komm her, mein Leopard"

Giuseppe Tomasi Di Lampedusa With His Wife

Giuseppe Tomasi di Lampedusa mit seiner Frau Alexandra von Wolff-Stomersee, genannt Licy. Der italienische Schriftsteller und Aristokrat starb 1957. Sein einziger Roman "Il Gattopardo" erschien im Jahr nach seinem Tod.

(Foto: Mondadori Portfolio/Mondadori via Getty Images)

Der Kanadier Steven Price erzählt aus der Lebensgeschichte Giuseppe Tomasi di Lampedusas, so üppig wie dieser selbst. Und das bedeutet: riskante Konkurrenz.

Von Maike Albath

Merkwürdig, wie unbefangen dieser Mann ist. Der Kanadier Steven Price, 1976 geboren, Lyriker und Romancier, Literaturdozent an der Universität von Victoria, ein Profi im Ausdrucksgewerbe, knüpft vollkommen ungebrochen an die literarische Tradition des 19. Jahrhunderts an und räkelt sich auf seinem erzählerischen Lehnstuhl, als wäre er Charles Dickens persönlich.

Vielleicht sieht er sich durch sein Sujet dazu berechtigt? Weil auch sein Held Giuseppe Tomasi, Fürst von Lampedusa und Autor des Klassikers "Der Leopard", durch und durch altmodisch war, dem Vorkriegsfeudalismus entsprungen? Price hat jedenfalls einen Narren gefressen am ursizilianischen Stoff dieser Biografie, der mit einer untergehenden Adelsdynastie, einem Muttersöhnchen und verhinderten Schriftsteller zu tun hat und im Italien der Fünfzigerjahre spielt.

Eine schlechte Spürnase kann man dem Kanadier nicht vorwerfen, denn in der Tat wäre Tomasi di Lampedusa einen Roman wert. Das Problem ist eher, dass das reale Leben des melancholischen Fürsten, seine Briefe, die Briefe seiner Ehefrau und seiner Mutter an und für sich romanhaft genug wären. Eine Literarisierung läuft zwangsläufig Gefahr, dahinter zurückzubleiben. Hinzu kommt noch Tomasis eigenes grandioses Epochengemälde, das - und das ist die eigentliche Tragödie - erst posthum erschien: "Der Leopard" mit seinen schillernden Tableaus ist nicht nur ein Beispiel an stilistischer Opulenz, sondern bietet auch eine subtile Analyse der politischen Verhältnisse. Die Latte liegt also ziemlich hoch, und Luchino Viscontis berühmte Verfilmung tut ein Übriges.

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Alain Delon und Claudia Cardinale in Luchino Viscontis Verfilmung von "Il Gattopardo" von 1963.

(Foto: Pathe - Titanus - Gaumont, via www.imago-images.de/imago images/Prod.DB)

Steven Price weiß das alles, ihm scheint ein universeller Künstlerroman, ein Sizilienfresko vorgeschwebt zu haben. Er lässt sich dazu von biografischen Materialien inspirieren, verdichtet bestimmte Dinge, lässt andere weg und scheint auch Auskünfte von dem real existierenden Adoptivsohn Tomasis, dem ehemaligen Opernintendanten Gioacchino Lanza Tomasi, eingeholt zu haben, wie die Danksagung verrät. Eine Bibliografie mit Quellen gibt es nicht.

Die Handlung seines Romans "Der letzte Prinz" setzt im Januar 1955 ein, als der kettenrauchende Fürst einen Termin bei seinem Hausarzt hat und mit der Diagnose eines Lungenemphysems konfrontiert wird. Wie Price es darstellt - Belege gibt es dafür keine - hält Tomasi den Befund vor seiner Ehefrau, der Psychoanalytikerin Licy von Wolff-Stomersee, einer baltischen Adligen, geheim. Das Wissen um seine eigene Endlichkeit verstärkt nach Prices eher banaler Interpretation Giuseppe Tomasis plötzlichen kreativen Rausch: Nach Jahrzehnten des Müßiggangs sieht er sich auf einmal befähigt, das Sizilien um 1860 aufleben zu lassen, als Garibaldi die Insel eroberte, die italienische Einigung bevorstand und ein seinem Urgroßvater nachempfundener Patriarch, ein Astronom, die alte Welt untergehen sah. Dessen Neffe Tancredi weiß die Zeichen der Zeit richtig zu interpretieren, schlägt sich auf die Seite der Freischärler und heiratet die Tochter eines Emporkömmlings, bricht also mit den adligen Traditionen.

Price legt da eine Parallele zu realen Geschehnissen an: Damals hatte Giuseppe Tomasi tatsächlich intensiven Umgang mit seinem entfernten Cousin Gioacchino Lanza, den der kinderlose Fürst sogar adoptierte, um ihm seinen Adelstitel zu vermachen. In seinem fröhlichen Draufgängertum weckte der junge Verwandte samt seiner Verlobten Mirella väterliche Gefühle bei ihm, und das schlug sich auch auf die charakterliche Gestaltung der Figur Tancredi nieder.

Das Licht in Sizilien: immer "golden"

Schlussfolgerungen dieser Art sind weder neu noch überraschend. Zu Beginn ist "Der letzte Prinz" zu statuarisch, weil Price eine Fülle an Informationen und kulturgeschichtlichen Details in die Erzählung packt. Der weitere Aufbau mit Rückblenden, Intermezzi über den Besuch eines Schriftstellerkongresses, einem Ausflug zu Tomasis Herzogtum und einer Landpartie zu seinen Cousins nach Capo d'Orlando, einer Coda über seinen frühen Tod in Rom und einer Schlusskadenz mit dem gealterten Gioacchino wirkt eher wie die Abwicklung eines Bauplans. Von mitreißenden künstlerischen Nöten keine Spur.

Am befremdlichsten aber ist Steven Prices Mimikry: der Versuch, genauso farbenprächtig zu erzählen wie Giuseppe Tomasi di Lampedusa selbst. Daran muss der Kanadier zwangsläufig scheitern. Sätze wie "Staub und Hitze in einem schenkelhohen Wirbelsturm in goldenem Licht" oder "Er arbeitete mit nüchterner Klarheit und wenn die Wörter langsamer wurden, ließ er sich Zeit und wartete, bis sie wieder in Gang kamen und seine Hand sich wieder regte, bewusst und stetig, glatt auf dem glatten Papier, die Fingerspitzen entflammt in der furiosen späten Stunde" japsen nicht nur unter der Fülle schiefer Bilder, sondern entfalten eine gewisse Kitsch-Aura. Das sizilianische Licht ist immer "golden" und der Himmel "tiefblau".

Besonders quälend sind Beischlafszenen, bei denen Licy ihren Mann allen Ernstes mit den Worten "Komm her, mein Leopard" lockt. Gerade weil es über Tomasi di Lampedusa und Sizilien etliche Zeugnisse gibt, von Fotografien bis zu Liebesbriefen, wirkt Prices Unterfangen manchmal so, als habe er nachträglich einen Stummfilm vertont. Die Stimmen - es gibt seitenlange Dialoge - passen einfach nicht zu den Figuren, um die es geht.

Man bekommt Lust auf den eigentlichen "Leoparden"

Und schließlich setzt der kanadische Autor mehr auf spektakuläre Beziehungstaten im familiären Umfeld von Tomasi, statt auf die Konfliktlinien unter seinen Hauptfiguren. Aus dem Konkurrenzverhältnis zwischen der psychoanalytisch gestählten Licy und Tomasis eifersüchtiger Mutter Beatrice hätte er viel mehr machen können.

Nach und nach verstärkt sich beim Lesen der Eindruck des Parasitären: Steven Prices Begeisterung für die Epoche und das Personal mögen echt sein, aber er bedient sich viel zu freimütig aus der Requisitenkammer des Melodrams. Vielleicht hätte ihm eine andere Tonlage genützt, eine bewusst kühle Annäherung oder mehr Selbstironie.

Es gibt ein glänzendes Beispiel für einen Roman über einen vergleichbaren Gegenstand in der zeitgenössischen italienischen Literatur: Daniele del Giudices Roman "Das Land vom Meer aus gesehen" (1983) über den geheimnisvollen Triestiner Intellektuellen Bobi Bazlen. Hier bezieht der Erzähler die eigene Recherche mit ein, geht mit großer Diskretion vor, befragt Zeitzeugen und arbeitet mit Brechungen. Steven Price reflektiert seine eigene Faszination nicht. Stattdessen setzt er auf ein ungebrochenes Wiederaufleben dessen, was war. Damit verschenkt er eine großartige Möglichkeit. Eines gelingt ihm allerdings: Man bekommt Lust, den "Leoparden" wieder zu lesen.

Steven Price: Der letzte Prinz. Aus dem Englischen von Malte Krutzsch. Diogenes, Zürich 2020. 366 Seiten, 22 Euro.

© SZ/masc
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