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Porträt:Das Ich ist eine Kegelbahn

Hay Festival 2018

Wer in Ägypten in eine Familie hineingeboren wurde, in der neben Französisch auch Arabisch, Italienisch und Griechisch gesprochen wurde, als Teenager nach Italien kam und jetzt in New York lebt, hält nicht viel von stabilen Identitäten. André Aciman im Juni 2018 beim Hay-Festival Hay-on-Wye, Wales.

(Foto: Getty Images)

Eine Begegnung mit dem in Alexandria geborenen Autor André Aciman in New York.

Man kann mit André Aciman bestens über Nichtigkeiten plaudern. Darüber, wie er seinen Kaffee zubereitet zum Beispiel. Darüber, wann und wie oft er seine Katze füttert. Und über die essenzielle Frage, wo genau im Central Park man am besten spazieren geht. Aciman wohnt in einem Apartment am nördlichen Ende des Parks, und der nördliche Teil ist der deutlich schönere und vor allen Dingen weniger besuchte.

Dass er so gern über Nichtigkeiten plaudert, liegt vielleicht daran, dass es stets um die ganz großen Themen geht, wenn man mit Aciman über seine Bücher redet, und es kann ja auf Dauer eher anstrengend sein, fortwährend mit Fremden über die Liebe zu reden. Spätestens seit 2017, seit der Verfilmung seines zehn Jahre zuvor veröffentlichten Romans "Call Me by Your Name (Ruf mich bei deinem Namen)", stapeln sich bei Aciman die Interview-Anfragen.

An diesem Freitag erscheint sein jüngster Roman auf Deutsch. Der Verlag hat sich für den Titel "Fünf Lieben lang" entschieden. Auf Englisch heißt das Buch "Enigma Variations", den Titel hat sich Aciman vom gleichnamigen Orchesterwerk des britischen Komponisten Edward Elgar geliehen. Seine Lieblingsfrage zu diesem Titel, erzählt Aciman, hat ihm ein deutscher Journalist gestellt, der wissen wollte, ob es sich um eine Anspielung auf den Zweiten Weltkrieg handele. Aciman verstand nicht ganz. Der Krieg? In dem Buch gehe es ja eher nicht um den Krieg, meinte er. Jaja, habe der Journalist gesagt, aber Enigma sei doch der Name der Verschlüsselungsmaschine gewesen, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg benutzten.

Aciman erzählt das als heitere Anekdote, aber man kann sich vorstellen, wie wenig er sich als Autor ernst genommen fühlte im Angesicht dieser Frage. Enigma bedeutet schlicht Rätsel, und in seinem neuen Buch geht es, verknappt gesagt, um das Rätsel, das die Liebe bedeutet. Wobei: "Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich das Wort Liebe nicht benutze", sagt Aciman. Aber würde er so weit gehen zu behaupten, dass es sich nicht um ein Buch über die Liebe handele? "Nein", sagt Aciman lächelnd, "das nun auch wieder nicht."

Aciman glaubt nicht an Hetero-, Homo- oder Bisexualität, sondern dass wir alle polysexuell sind

Im Buch berichtet der Ich-Erzähler Paul in verschieden langen Episoden aus seinem Leben. Die erste mit dem Titel "Erste Liebe" ist dabei die eindrücklichste, sie ist gewissermaßen eine abgeschlossene Novelle, die sehr an "Call Me by Your Name" erinnert. Paul reist nach Italien, um sich auf die Spuren eines Mannes zu begeben, in den er sich als Junge verliebt hatte. "Seinetwegen bin ich wiedergekommen", lautet der erste Satz des Romans, und das mag zunächst noch vieldeutig klingen, weil Paul vielleicht auch wiedergekommen ist, um sich seines Vaters zu erinnern oder seines jüngeren Ichs, aber es wird zunehmend klarer, dass es um Giovanni geht, jenen italienischen Handwerker, der in ihm ein ungekanntes Begehren auslöste.

In "Call Me by Your Name" ist es ein italienischer Teenager, der sich in einen etwas älteren Amerikaner verliebt. Im ersten Kapitel von "Fünf Lieben lang" ist es ein junger Amerikaner, der sich in einen etwas älteren Italiener verliebt. In beiden Fällen ließe sich etwas salopp sagen: Aciman kann Italien. Wie er die italienische Landschaft mit seinen Liebesgeschichten verwebt, ist meisterhaft.

Paul ist 22 Jahre alt, als er zurückreist nach San Giustiniano. Als er sich dort in Giovanni verliebte, war er zwölf. Aciman sagt: "Bevor der Junge irgendetwas über das Leben weiß, erkundet er diese Sache, die für ihn keinen Namen hat." Dieser Punkt ist ihm wichtig: dass der junge Paul keine Ahnung hatte, was sich da in ihm regte. Dass es etwas Neues war, das er nicht benennen konnte, und dem er ausgeliefert war. "Heute wissen ja schon die Sechsjährigen alles über Sex", sagt er.

Paul hingegen bleibt ein Suchender. In den weiteren Episoden liebt er Maud und Manfred und Chloe, lernt die Eifersucht kennen und die Sehnsucht, und immer bleibt ihm das Gefühl, nicht wirklich zu finden, was er gesucht hat, was viel damit zu tun hat, dass er nicht genau weiß, was er sucht. Aciman glaubt nicht an Hetero-, Homo- oder Bisexualität, er ist der Ansicht, dass wir alle ein "Wirrwarr von Ideen" sind, wie er einmal sagte. "Ich bin der Meinung, dass wir alle polysexuell oder polyamourös sind, oder welchen Begriff auch immer Sie verwenden wollen", sagt er. Für Aciman geht diese Vielfalt der Identitäten über die Sexualität hinaus. Er findet dafür ein etwas überraschendes Bild. "Es ist wie beim Kegeln", sagt er. Beim Kegeln? "Ja", sagt er, "da gibt es neun Kegel. Und wir haben neun Identitäten." Warum es gerade neun sind, bleibt dann etwas unklar.

"Französisch ist meine Muttersprache, aber Englisch ist meine beste Sprache."

Aciman führt sich selbst als Beispiel für die Vielzahl der Identitäten an. Er wurde 1951 in Ägypten geboren und sprach Französisch, in seiner Familie wurde auch Griechisch, Italienisch und Arabisch gesprochen. Als Teenager kam er nach Italien, später zog die Familie nach New York. Aciman besitzt sowohl die amerikanische als auch die italienische Staatsbürgerschaft. Er hat Komparatistik studiert, er arbeitete in der Werbung, in der PR, als Aktienhändler, und er lehrt französische Literatur.

Besonders Marcel Proust hat es ihm angetan, mit dessen Werk sein Schreiben öfter verglichen wurde. "Das alles ist Ausdruck meiner verschieden Identitäten", sagt er, "ich bin viele verschiedene Personen in einer. Und das geht jedem Menschen so, das ist unsere Natur. Wir sind fortwährend im Fluss, es gibt keine Stabilität. Wenn die Menschen zum Psychiater gehen, versucht der mit ihnen, ihre Kern-Identität zu finden. Ich bin der Ansicht, dass es so etwas gar nicht gibt. Wir haben schlicht keine."

Als vielsprachiger Autor hätte Aciman seine Romane auch auf Französisch oder Italienisch verfassen können. "Französisch ist meine Muttersprache und sollte damit meine Sprache der Wahl sein", sagt er, "aber Englisch ist meine beste Sprache." Deshalb schreibt er auf Englisch, hat aber eine große Freude daran, seine Bücher in französischer Übersetzung zu sehen. Er erkennt sich in diesen Übersetzungen wieder, wenn auch ein kleines bisschen verschoben, ganz leicht unscharf. Das bereitet ihm als Mann der vielen Identitäten natürlich besonderen Spaß.

Was nun die Nichtigkeiten angeht, über die Aciman so gern plaudert: Seinen Kaffee bereitet er in einer Bialetti-Maschine zu. Diese füllt er mit Illy-Kaffee. Es muss eine Bialetti sein, und es muss Kaffee von Illy sein. "Nur in dieser Kombination führt das zu einem ganz leicht verbrannten Geschmack, den nicht viele Menschen mögen. Ich aber schon."

Es führt in der Tat zu einem ganz leicht verbrannten Geschmack, den nicht viele Menschen mögen. Punkt zwei: Die Katze wird in der Theorie von einer Maschine gefüttert, die zu bestimmten Zeiten eine exakt portionierte Menge Futter in einen Napf gibt. Da die Katze aber zwischendurch auch dauernd Hunger hat, steht Aciman hin und wieder auf und gibt ihr eine Extra-Portion, was dazu führt, dass seine Katze vielleicht nicht das sportlichste Tier Manhattans ist.

Und wo man im Central Park am besten spazieren geht? Natürlich ganz im Nordosten, im Conservatory Garden. Dieser ist insofern ganz nach Acimans Geschmack, als es ein Garten mit verschiedenen Identitäten ist. Es gibt einen italienischen, einen französischen und einen englischen Teil, und man kann sich in diesem Garten aufs Schönste verlieren.