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Porträt:Altenglühen

Archivar und Artist: Guntram Vesper.

(Foto: Imago)

Für sein spätes Romandebüt "Frohburg" erhielt Guntram Vesper den Preis der Leipziger Buchmesse.

Von Christopher Schmidt

Als "endloses Zwiegespräch zwischen mir und den Fakten" hat Guntram Vesper sein monumentales Roman-Kompendium "Frohburg" am Donnerstag in Leipzig bezeichnet. Sieben Jahre hat er für die Aufzeichnung dieses Zwiegesprächs verwandt, Hintergrundmaterial archiviert, Kapitellisten, Lagepläne und Wohnungsgrundrisse angelegt, vor allem aber den Stimmen der Erinnerung gelauscht, die sich nun verfestigt haben zu einer tausend Buchseiten starken Herbeirufung der Vergangenheit. Wie ein Kurator wandelt Vesper zwischen den anekdotischen Fundstücken, die er zusammengetragen hat, und doch ist seine Lebensmitschrift mehr als nur ein privates Heimatmuseum. Sie ist zugleich ein Geschichts- und Deutschlandmuseum.

Mit diesem Roman, seinem ersten, ist der 74-jährige Vesper, der bislang kleine Prosa, Gedichtbände und Hörspiele geschrieben hat, der wohl dienstälteste Debütant der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. In ebenjenem Frohburg, einer Kleinstadt in der Nähe von Leipzig, wurde er 1941 geboren. 1957 übersiedelte die Familie in den Westen, Vesper studierte unter anderem Medizin in Göttingen, wo er noch heute lebt, entschied sich dann aber für die Schriftstellerlaufbahn. Als Republikflüchtlinge hatten er und die Seinen kaum etwas mitnehmen können aus Frohburg. Umso obsessiver erobert Vesper sich schreibend seine aufgegebene Herkunftswelt zurück - schon ein Lyrikband aus dem Jahr 2000 trägt den selben Titel wie der Roman -, ähnlich mythoman und enzyklopädisch wie Walter Kempowski, Uwe Johnson oder Uwe Tellkamp in ihren großen Erzählprojekten. Als Vorbild seiner ganz persönlichen Suche nach der verlorenen Zeit nennt Vesper Marcel Proust.

Es sind die Jahre zwischen Weltkrieg, Einmarsch der Roten Armee und DDR-Alltag, die im Mittelpunkt dieses vielstimmigen, weit ausgreifenden Panoramas stehen. Allerdings rekonstruiert Vesper seinen Mikrokosmos nicht chronologisch, sondern lässt sich assoziativ treiben im Strom der Zeit, den er gleichwohl nach einer festen Dramaturgie staut und rhythmisiert. Leicht macht es das Buch dem Leser nicht: Eine pointillistisch hingetupfte Stichwortsammlung zu Beginn geht über in monolithische Passagen ohne Absätze, Anführungszeichen und nur mit einem Minimum an Interpunktion. Jeder Abschnitt ein hochverdichtetes Kohleflöz der Erinnerung.

Wie seine Vorfahren, die Bergleute waren, steigt Guntram Vesper tief hinunter in die Stollen der Welt- und Familiengeschichte, um den Rohstoff des Erlebten zu Tage zu fördern. Und in diesem erzählerischen Bergwerk gibt es einen geheimen Verbindungstunnel zu dem Sieger-Titel beim Deutschen Buchpreis: Frank Witzels kaum weniger umfangreichem Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969". Guntram Vespers "Frohburg" ist so etwas wie das ostdeutsche Gegenstück zu Witzels westdeutscher Geisterbeschwörung. Die Jury in Leipzig, die Vesper den Preis der Buchmesse verliehen hat, hätte nicht besser hören können auf die Klopfzeichen der Zeit.

© SZ vom 19.03.2016

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