bedeckt München 21°
vgwortpixel

Popmusik-Diva Angel Olsen:Mit Leidenskieksern und Countryjauchzern

Angel Olsen

Ihr Stern steigt – die amerikanische Sängerin Angel Olsen.

(Foto: Cameron McCool)

Mit ihrem Album "All Mirrors" ist Angel Olsen beim Bombastpop angekommen, dabei ist sie wirkungsvoller, wenn sie die Reduktion sucht - ein Porträt.

Angel Olsen verschläft ihr Interview. Das sei ihr seit Monaten nicht passiert, schreibt sie, ob man es am Nachmittag noch mal versuchen könne. Um drei? Zehn nach drei? Warum nicht. Sie würde sich dann so lange der Gartenarbeit widmen.

Am Nachmittag klingt sie am Telefon immer noch ein wenig verschlafen. Dabei hat sie eine neue Espressomaschine, wie sie stolz verkündet: "Jetzt muss ich mein Haus gar nicht mehr verlassen!" Während des Gesprächs macht sie sich Kaffee, liest ein paar Seiten aus "The Dry Heart" von Natalia Ginzburg vor und erzählt vom Jung'schen Schatten. Sie ist 32 Jahre alt, stammt aus St. Louis, Missouri, und wurde mit drei Jahren adoptiert. Ihre Adoptiveltern mussten darum kämpfen, sie adoptieren zu dürfen — sie sind jetzt "ungefähr 76 und 85 Jahre" alt. ("Es fällt mir schwer auf dem Laufenden zu bleiben, was ihr Alter angeht, und ich frage ungern nach. Aber ich glaube, sie sind definitiv ungefähr so alt.")

Dieses 14-köpfige, schwelgerische Streichorchester - das könnte ein Fehler gewesen sein

Angel Olsens erstes Album erschien definitiv ungefähr 2012. Musikalisch war sie am Anfang eher folkig, auf Akustikgitarre und Einbezug traditioneller Formen hin orientiert. Später mehr verzerrte E-Gitarren, grungige Riffs, aber auch mehr Indie-Pop-Momente. Jetzt ist sie bei Bombastpop angekommen. Und ihr Stern steigt steil. Im Internetforum Reddit wurde jüngst diskutiert, ob sie die Verfasserin des Miley-Cyrus-Songs "Bad Karma" sei. Ist sie nicht, sagt sie, hätte aber auch nichts dagegen. "Ich glaube, Miley Cyrus ist ein nettes Mädchen. Ich würde liebend gerne einen Song für sie schreiben."

Von ihrem neuen Album "All Mirrors" hat Angel Olsen zwei Fassungen aufgenommen, erst eine reduzierte Akustikversion, dann eine schwelgerische mit einem 14-köpfigen Streichorchester. Sie hat überlegt, welche sie veröffentlicht, und sich für die Orchesterfassung entschieden. Zur Freude der einen, zum Leidwesen der anderen. Bombastpop ist ein Ausdrucksmittel, an dem sich die Geister scheiden. Bei "New Love Cassette" funktioniert es ganz gut, "What Is It" ist dagegen anstrengend, Rock 'n' Roll im gemächlichen Trott mit Schepperdrums, mehr künstlich als künstlerisch angereichert mit Gefiedel. "Impasse" klingt wie für James Bond geschrieben. Die Arme muss die ganze Zeit gegen sie bedrängende Hallwände, Gitter aus Geigenstahl und wie von überdimensionierten Dudelsäcken ausgefurzte Bässe ansirenen.

Im Video zu "Lark" setzt sie das eins zu eins visuell um: Angel läuft darin auf dunklen Straßen und sieht sehr traurig aus. Ihr Hintern wird prominent ins Bild gerückt. Ihre Knie sind schmutzig. Verzweiflung als Shakespearsches Naturdrama auf dem Hügel. Sie läuft einen Seidenschleier ziehend einen Strand entlang. Ihre tief verwundete Seele befreit sich am Hippielagerfeuer. Sie versinkt als Qualle im Wasser. Am Ende guckt sie, als hätte ihr gerade jemand gesagt, dass er sie zu dick findet. (Kein Witz über ihre Figur, sie schaut wirklich so, mit dem gerechten Zorn aller, denen das je vorgeworfen wurde.) Sie geht den Weg des Pathos bis zum bitteren Ende. Bis Minute 1'20 geht man auch mit, danach fühlt es sich an, als würde einen wer beim Abwaschen anschreien.

Im wirklichen Leben hat sie andere Sorgen. Milchschäumen etwa, und ihren Jung'schen Schatten. "Es ist schwer, mich selbst so richtig eindeutig zu sehen. Ich habe neulich viel zum Jung'schen Schatten gelesen, weil ein Freund mir beim Dreh zu unserem zweiten Musikvideo davon erzählte. Alle, einschließlich du selbst, haben einen geheimen Schatten, eine dunkle Seite, etwas, an dem sie arbeiten müssen. Und wir alle schleppen ihn mit uns herum und beeinflussen Leute damit. Und so gut wie alle können ihn nicht sehen."

Sie hat Freunde verloren in den letzten Jahren, erzählt sie. Andere waren für sie da, bei denen sie damit nie gerechnet hätte. "Als ich eine meiner besten Freundinnen hier kennenlernte, verlief eine unserer ersten Unterhaltungen so: 'Hi I'm Angel.' Und sie so: 'Ja, ich hab von deiner Musik gehört.' Und ich: 'Oh cool.' Dann sagte sie: 'Ich hab mir deine Musik aber ehrlich gesagt nicht wirklich angehört. Ich hab keine Ahnung, wie sie klingt.' Das hat geholfen. Und ich so: 'Ich würde mir meine Musik auch nicht anhören, wenn ich sie nicht machen würde.'"

Im Zuge der aktuellen Publicity-Tour gab es gab Momente, in denen Angel in Tränen ausgebrochen ist oder zu Leuten gemeine Dinge sagte, für die sie sich später entschuldigen musste. "Manchmal mache ich drei oder vier Fotoshoots am Tag. Leute bringen ihre eigenen Lasten und skeptischen Gesichter und weirden Vibes mit und halten sie mir direkt vors Gesicht. Ich bin Empathin. Die Scheiße, die von dir erwartet wird, um dein Album zu promoten, ist einfach anders als früher. Aber jeder, der nicht in meiner Position ist, hofft natürlich darauf, es eines Tages zu sein. Nur ich könnte zukünftig auch echt weniger davon vertragen."

Die reduzierte Version würde man auch gern von Angels neuem Werk hören. Eine theatralische Stimme ist oft wirkungsvoller in Kombination mit einem reduzierten Arrangement. Dabei kann sie beides - also eher "natürlich" singen, oder eben künstlerisch durchformt, mit Leidenskieksern, Countryjauchzern und Opernbühnenvolumen. "All Mirrors" lässt ihre Talent und ihre Songs in seiner Opulenz ertrinken - zum Glück ist die Veröffentlichung der Akustikfassung fest vorgesehen. Angel Olsens Jung'scher Schatten ist wohl dieses verdammte Streichorchester, ohne das sie echt besser dran wäre.

© SZ vom 04.10.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite