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Popmusik:Abgründe der Introspektion

Sharon Van Etten

Bekenntnistexte voller Geheimnisse und Fallen - die amerikanische Singer-Songwriterin Sharon van Etten.

(Foto: Jack Plunkett/Invision/AP)

Sharon van Etten ist die einzige Gitarrenfrau, die auch beim Traumlogiker David Lynch auftreten kann. Ihr neues Album "Remind Me Tomorrow" erzählt von ihrer möglichen Zukunft als Therapeutin.

Erst richtet ein kleinwüchsiger Killer in einer Büroetage ein Massaker an. Dann entdeckt ein Polizist rätselhafte Dokumente, die in der Türverkleidung eines Herrenklos versteckt sind. Als Nächstes stürmt eine Frau ins Revier des Sheriffs, schimpft sinnlos laut darüber, dass das Auto ihres Vaters kaputt sei. Und dann, als das Chaos am chaotischsten ist - dann kommt Sharon van Etten.

Es ist der Schluss von Folge sechs der dritten Staffel "Twin Peaks", mit der David Lynch im Jahr 2017 seine traumverdunkelte TV-Serie fortsetzte, und kurz vor dem Abspann tritt die Sängerin aus New York ins Bild, als musikalischer Gast. Bei Nacht, vor dem berühmten, allzeit roten Lynch-Vorhang. Mit Fender-Gitarre, in einer Art Batik-Kimono, sehr blass, sehr schwarzhaarig. Singt mit ihrer Band ein auf geradezu brutale Art erlösendes, schläfrig glühendes Liebeslied namens "Tarifa", Punk und Mitternachtsengel zugleich. Der Auftritt, den man hören und sehen wollen würde, wenn es im Jenseits eine lange, dunkle Autobahn gäbe und man genau dort in einer Fernfahrerkantine gestrandet wäre.

Völlig klar: Leute mit Gitarren, Frauen und Männer, gibt es derzeit eigentlich genug. Wir brauchen nicht noch mehr. Wir können uns kaum retten vor furchtbar wertvollen Liedern, gegen die man allein schon deshalb nichts sagen darf, weil ihre Macher sich auf die Technik der schmerzhaften Introspektion berufen - und ja alles, was man tief drinnen so findet, als poetisch unbestechliche Währung gilt, zumindest im Universum der Gebrauchsmusik.

Van Etten ist eine wundersame, alles andere als klar formatierte Künstlerperson

Trotzdem ist Sharon van Etten, 37, seit 2009 öffentlich aktiv, die einzige aus dieser riesengroßen Grammy-, Soundtrack- und oft sogar stadiontauglichen Singer-Songwriter-Generation, die völlig problemlos in "Twin Peaks" auftreten kann. Weil in ihren Bekenntnistexten so viele Geheimnisse und Fallen, Leerstellen und halbe Sätze stecken, deren fehlende Hälften man vielleicht auch in irgendwelchen Türverkleidungen finden wird. Weil die Verstörungen und logischen Brüche bei ihr trotz allem ähnlich tief in Melancholie, gelegentlicher Pastiche und Flackerlicht-Feierlichkeit verwurzelt sind wie die Bilder des oft zitierten Regisseurs Lynch. Weil der Schauer in ihrer Stimme genau deshalb so süß ist. Oder: das Süße so schaurig. Eine wundersame, alles andere als klar formatierte Künstlerperson.

Viele der typischen Rollen hat Sharon van Etten, Tochter einer Geschichtslehrerin und eines Computerprogrammierers aus New Jersey, in knapp zehn Jahren Karriere wenigstens kurz angespielt: die besessene, krankhaft konfessionelle Song-Dichterin mit Tagebuch auf dem Schoß. Die rastlose Folksängerin. Die elektrische, weit ausholende Country-Diva. Bei oberflächlicher Betrachtung wäre es nicht allzu schwergefallen, sie im Vorbeiweg in die popkulturell gut eingeübten Frau-mit-Gitarre-Raster zu stecken - aber dann singt sie eben Zeilen wie "Ich bin der Tornado, du bist der Staub" oder "Du lutschst so gern an deinen Träumen, deshalb schlaf ich lieber mit anderen Leuten ein", und ihre Stimme bröckelt kein bisschen dabei. "Viele sagen, ich wäre ein One-Hit-Wonder", textet sie an anderer Stelle, "aber was passiert, wenn ich einen zweiten habe?" In Wahrheit hatte Sharon van Etten natürlich noch überhaupt keinen Hit, aber zu den großen Namen gehört sie längst. Und umso tiefer reicht die Liebe der Fans und Experten. Umso eifriger drängeln sich die noch prominenteren Introspekteure wie Bon Iver, The National oder eben David Lynch darum, mit ihr zu arbeiten.

Das mit dem Hit scheint jetzt aber doch noch zu klappen. "Comeback Kid" heißt der Song, der seit dem Spätherbst 2018 auch bei einigen deutschen Radiosendern läuft. Und in dem nicht einmal eine Gitarre zu hören ist. Ein satanisch schnaufender Disco-Ohrwurm, der wahlweise klingt, als hätte man eine gotische Kirchenorgel in einen viel zu heißen Kellertanzclub gesperrt - oder als hätte die Gruppe Kraftwerk Anfang der Achtzigerjahre versucht, einen Song über einen Cowboy aufzunehmen. "Comeback kid, let me look at you!", befiehlt Sharon van Etten harsch, es hallt vielstimmig zurück, und man glaubt, den dicken schwarzen Lidschatten und das Blut an der Nase hören zu können. Düsterer Autoren-New-Wave, wieder ein Bruch mit ihren bisherigen Traditionen, aber ein Lied für die Ewigkeit.

Jetzt gibt es auch das zugehörige Album "Remind Me Tomorrow", ihr insgesamt fünftes, das erste seit 2014. Die längere Produktionspause hatte biografische Gründe: 2017 bekam Sharon van Etten ein Kind, ordnete das Privatleben, das bisher ähnlich flüchtig gewesen war wie ihre Poesie. Noch davor wirkte sie als Schauspiel-Novizin bei der Netflix-Mystery-Serie "The OA" mit, holte nebenher den seinerzeit verpassten Collegeabschluss nach, begann ein Psychologiestudium. Die vielen Problemgespräche, die sie nach Konzerten mit oft depressiven Fans führte, hätten sie über die Jahre inspiriert, erklärt Sharon van Etten in Interviews. Mittelfristig sehe sie sich eher als professionelle Therapeutin, nicht mehr als Musikerin.

Der introspektiven Song als Therapiemedium? Es wird Zeit für einen Praxistest

Eine in mehreren Hinsichten verblüffende Schlussfolgerung. Darüber, dass Pop im digitalen Zeitalter als Berufsbild und Erlösmodell immer problematischer werde, klagen derzeit ja viele - hier zieht nun jemand die unsentimentale Konsequenz, identifiziert einen möglichen Quereinstieg in andere Branchen. Dazu kommt noch, dass Sharon van Etten so den gern dahergeplapperten Gemeinplatz vom introspektiven Song als Therapiemedium endlich einmal dem Praxistest unterziehen wird, ein höchst willkommenes Experiment. Es ist schade, dass die besagte Gitarristen-Blase dadurch eine ihrer lebenstüchtigsten Gestalten verlieren könnte. Aber der weitere Verlauf der Geschichte wird interessant werden.

Hört man "Remind Me Tomorrow" das neue Leben der Sängerin schon an? Ja, aber es ist nicht etwa eine häusliche, familiäre, idyllische Platte geworden, im Gegenteil. Der musikalische Kosmos ist expandiert, Echoräume, Verfremdungen und elektronische Farben unterstreichen das, was an Sharon van Ettens Songs auch früher schon abgründig und traumlogisch war. Es ist eine ganz neue Inszenierung, die erstaunlicherweise auch den Gesang, die sonische Substanz ihrer Stimme noch stärker zur Geltung bringt, als es jedes Folkrock-Arrangement vorher geschafft hat. Als ob die Singer-Songwriterin Sharon van Etten erst eine Rolle finden musste, die so weit wie möglich von den üblichen Gitarrenkarpfen und Rauschebart-Knallchargen entfernt ist, um ihre eigene Kunst richtig entfalten zu können.

Aber wahrscheinlich sollte man auch diese Musik wieder nur als Zwischenstand verstehen, wie die nächste Staffel einer guten Serie, in der vieles neu ist, aber nichts endgültig. Bevor Sharon van Etten eventuell als Therapeutin anderen zuhört, wird sie hoffentlich selbst noch einiges loswerden wollen.