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Popkolumne:Träume, Diamanten, Gott

Diesmal mit neuer Musik von "The Voidz" und Azealia Banks - und der Antwort auf die Frage, wem das beste Elton-John-Cover des Jahres gelungen ist.

Es gehört einiges dazu, sich an "Candle In The Wind" zu trauen. Den Über-Schmachtfetzen hat Elton John 1973 im Gedenken an Marylin Monroe geschrieben und 24 Jahre später mit neuem Text beim Begräbnis von Lady Diana vorgetragen. Die ganze Welt sah zu, das Lied schien für immer mit diesem Moment verbunden zu sein. Vor wenigen Tagen aber ist das Album "Revamp" erschienen, auf dem sich viele Popstars vor Elton John verneigen und seine größten Hits interpretieren. Ausgerechnet Ed Sheeran, der blasse, so gar nicht eltonjohnhafte Ed Sheeran wagt sich da an "Candle In The Wind". Und spielt das Lied in einer überraschenden Up-Tempo-Version mit gut gelauntem Gitarrengeschrammel und großem Chor. Keine Spur von Staatsbegräbnis, eher Hawaii-Urlaub. Und hey: Man hört das Lied noch mal ganz neu, damit war nicht zu rechnen. Andere Größen dagegen bleiben auf "Revamp" den Originalen sehr treu, Lady Gaga kopiert "Your Song" brav, fast scheint es, als würde sie sogar Elton Johns Knödeln imitieren. Andere bemühen sich um Neuschöpfung, leider geht das nicht immer auf. Q-Tip und Demi Lovato nehmen bei "Don't Go Breaking My Heart"die Disco-Anteile raus und setzen auf einen leicht schleppenden Funkbeat - aber langsam Karussell fahren macht einfach weniger Spaß.

Überraschende Meisterleistung: die Coldplay-Version von "We All Fall In Love Sometimes". Die ist auf genau die Art schön, bei der viele Menschen gern schööööön sagen. Die ersten zwei Minuten nur Stimme und Klavier, so bescheiden vorgetragen wie ein ganz alter Chanson. In der Mitte ein kurzes Zwischenspiel, dann ebbt alles wieder ab, nur Klavier und Chris Martins behutsamer Gesang. Es ist einer der Momente, die zeigen, was bleibt, wenn man mal die Brillen, die Kostüme und das Haarthema ausblendet und sich nur auf das Handwerk von Elton John und seinem Texter Bernie Taupin einlässt: große Songwriter-Kunst. Der Auftrag dieses Albums war es, das zu demonstrieren - und Chris Martin erfüllt ihn im Alleingang. Es gibt gerade übrigens auch noch ein zweites Tribute-Album, "Restoration": gleiches Konzept, noch mehr Songs - in Country-Versionen von Miley Cyrus, Dolly Parton, Willie Nelson und anderen. Dazu schweigen wir aber lieber. Ist besser so.

Ob die Strokes irgendwann noch mal gemeinsam in ein Studio gehen, ist unklar. Vor ein paar Wochen hat der Strokes-Gitarrist Albert Hammond Jr. allerdings das Album "Francis Trouble" rausgebracht, das sehr nach den Strokes klang - nur ohne den typischen Strokes-Gesang. Der ist auf dem neuen Album "Virtue" (Cult/RCA) von Strokes-Sänger Julian Casablancas und seiner Zweitband The Voidz. Es erinnert stark an die Strokes - nur ohne die typischen Strokes-Gitarren. Casablancas' Musik ist düsterer, elektronischer, er wagt sogar Radiohead-Anklänge. Das weit charmantere Album aber, das mit den besseren Melodien, dem größeren Pop-Appeal und den Beatles-Momenten, ist das von Hammond. So. Und könnten jetzt bitte alle wieder zusammen weitermachen? Danke.

Schon länger ist ein neues Album von Azealia Banks angekündigt, es soll "Fantasea II" heißen. Jetzt steht ein erster Song online, Titel: "Anna Wintour". Sowieso schon sehr lustig, dass jemand ein Lied nach der berühmt-berüchtigten Vogue-Chefredakteurin benennt; noch lustiger aber, dass Azealia Banks dazu auch noch verkündet: "In diesem Lied geht es darum, wie ich mich selbst und zu Gott fand." Und: "Es soll das Gefühl wiedergeben, das man hat, wenn man sich mit dem Universum verbindet." Und das lässt sich am besten ausdrücken, wenn man über einem etwas hektischen Dancebeat mit viel Soul-Inbrunst singt "Diamonds and dreams / come true for girls like me". Diamanten, Träume und das Universum. Ob Frau Wintour das Lied schon hören konnte, ist nicht bekannt.

Aus dem Film "High Fidelity" soll jetzt eine Serie werden - mit dem sympathischen Dreh, dass der Plattensammler des Originals diesmal eine Frau ist. Der Film galt im Jahr 2000 eigentlich auch schon als Hakenschlag: Die Vorlage, Nick Hornbys Musik-und-Liebeskummer-Roman aus den Neunzigern, war eine ausgesprochen britische Angelegenheit, der Film spielte dann aber in Amerika. Jetzt also die nächste Veränderung, die Drehbuchautorinnen Veronica West und Sarah Kucserka, die auch die Serie "Ugly Betty" geschrieben haben, stellen in den Mittelpunkt die Betreiberin eines Plattenladens. Und schon der Gedanke tut gut, dass hier mit ewigen Klischees gebrochen wird. Am besten dürfte die Brechung Nick Hornby gefallen: Der war jahrelang der Chronist einer Männergeneration, die für Musik und Fußball lebte - und gilt heute als überraschend einfühlsamer Schöpfer von Frauenfiguren.

© SZ vom 11.04.2018
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