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Popkolumne:Tanz im Hochofen

"Algiers" zeigen, wie relevant eine Rockband heute sein kann, "Of Montreal" verhandelt erwachsene Themen im Autoscooter; 070 Shake wird zum Star des Emo-Rap; und Justin Bieber scheitert bei der Spotify-Manipulation.

Jedes neue Pop-Jahr braucht zu Beginn diesen einen Song, der einem die Januardrögheit aus Hirn und Knochen massiert. Für das Jahr 2020 heißt dieser Song "There Is No Year". Er eröffnet das gleichnamige Album (Matador) der amerikanischen Band Algiers. Eine synthetische Basslinie wummert voran, die Drummachine feuert im Viertelsekundentakt und Sänger Franklin James Fisher verkündet: "Now it's two minutes to midnight". Algiers lassen keinen Zweifel: Die Welt ist am Arsch. Das Land brennt, und die Gespenster der Vergangenheit haben uns längst eingeholt. Gleich der zweite Song "Dispossession" macht deutlich: Weglaufen ist nicht mehr drin. Stattdessen wird in den Hochöfen getanzt. Dort haben Algiers Post-Punk, Industrial und Dunkelkammer-Soul zu einem heiß glühenden Gemisch verschmolzen, das bisweilen so klingt, als hätte jemand einen Gospel-Chor in eine stillgelegte Fabrikhalle gesperrt. In ihren besten Momenten türmen Algiers all diese Versatzstücke der Pop-Geschichte so eindrucksvoll aufeinander, dass man überwältigt davon ist, wie niederwalzend und relevant eine Rockband auch im Jahr 2020 noch sein kann.

Wem das zu düster ist, der ist vielleicht mit "Ur Fun" (Polyvinyl Record Co.), dem neuen Album der amerikanischen Frickel-Formation Of Montreal, besser beraten. Die liefern mit dem Refrain von "Peace To All Freaks" den partyhedonistischen Gegenentwurf: "Hush, hush, don't let's be negative". Keine leichte Aufgabe. Seit 2007 jagt die Band um Songwriter Kevin Barnes dem Karrierehöhepunkt "Hissing Fauna, Are You The Destroyer?" hinterher. Auch auf dem 16. Album bleiben sie ihrer Indie-Electro-Mixtur treu, die um die letzte Jahrzehntwende der heiße Scheiß war und die mal Richtung Achtziger-Pop, mal Richtung Sixties-Psychedelic neigt. Barnes singt dazu von totalitären Systemen, rassistischen Verwandten und polyamourösen Beziehungen. Ganz schön erwachsene Themen. Die Musik dazu aber klingt wie eh und je nach Kindergeburtstag im Autoscooter.

Seit Streaming-Zahlen auch die Platzierung in den Charts mitbestimmen, haben sich ein paar merkwürdige neue Taktiken ergeben: Alben werden kürzer (damit alle Songs daraus in den Charts landen) oder länger (damit das Album an sich in den Charts landet). Der kanadische Sänger Justin Bieber hat nun seine Fans über Social Media dazu aufgerufen, seine neue Single "Yummy" bei Spotify über Nacht auf Repeat zu streamen, während sie schlafen, damit sie Platz 1 der US-Billboard-Charts erreicht. Bieber hat dabei an alles gedacht: Wer nicht in den USA lebt, soll bitte einen VPN-Client benutzen. Dieser Manipulationsversuch war einigen dann doch zu offensichtlich und verzweifelt, im Netz erntete Bieber Hohn und Spott. Und "Yummy" landete auf Platz zwei der Charts.

Im Frühjahr 2018 war die damals 20-jährige Sängerin und Rapperin Danielle Balbuena, besser bekannt als 070 Shake, zu Gast bei Kanye Wests Fünf-Alben-Recording-Sessions in Wyoming. Wo sie den älteren Herren mit ihren Beiträgen zu den West-Songs "Ghost Town" und "Violent Crimes" sogleich die Show stahl. Diese Woche erscheint nun ihr lang erwartetes Solo-Debüt. Auf "Modus Vivendi" (Def Jam Recordings / G.O.O.D. Music) brummen und ächzen die verzerrten Gitarren, während Balbuenas zähe Autotune-Lyrics langsam durch innere Gefühlswelten sickern. Es ist eben diese Verknüpfung aus Songwriter-Introspektion und der Produktionsfinesse des Cloud Rap, die den sogenannten Emo-Rap zu einer der spannendsten Entwicklungen des letzten Jahrzehnts gemacht hat. 070 Shake ist nun drauf und dran, der neue Shooting-Star dieses Genres zu werden. Nur konsequent, dass sie sich für "The Pines" beim Text eines Folk-Traditionals bedient, das der große Teenage-Angst-Dichter Kurt Cobain einst als "Where Did You Sleep Tonight" berühmt gemacht hat. "I did not come to impress you", singt Balbuena an einer Stelle. Tja, Mission gescheitert.

Zum Schluss noch ein kleiner Blick auf das schönste Paradox der Woche im Highscore-Pop. Halsey, die dieser Tage ihr neues Album "Manic" (Universal) veröffentlicht, hat ein Video zu ihrer Single "You Should Be Sad" gedreht. Darin tanzt sie im Nieten-Bikini als Rodeo-Girl durch eine Choreografie, die an die besten Tage von Jennifer Lopez oder Christina Aguilera erinnert. Allein: Bild und Ton wollen nicht recht zueinander passen. Zu hauchzartem Beat und perlender Akustikgitarre singt Halsey von einem Typen, der nur halb der Mann ist, der er zu sein glaubt. Wenn der wohlgeformte Mainstream-Pop weiter so viel Verfremdungseffekt wagt, dann wird 2020 ein gutes Pop-Jahr.