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Popkolumne:Schüttel dein Skelett

Neue Musik von Protomartyr, Orsons und den Dixie Chicks - sowie die Antwort auf die Frage, wie seinen rassistischen Bandnamen richtig ändert.

Von Ann-Kathrin Mittelstrass

Die Rassismusdebatte in den USA hat dazu geführt, dass zuletzt mehrere Bands ihre Namen geändert haben, darunter die höchst erfolgreiche Countryband Lady Antebellum aus Nashville. Die hat sich dafür entschuldigt, dass der Begriff "Antebellum", der auf die Ära der Sklaverei in den Südstaaten anspielt, schmerzhafte Assoziationen auslöst. Ab jetzt würden sie sich Lady A nennen. Blöd nur, dass es schon eine Lady A gibt: Anita White, eine Schwarze Blues-Sängerin aus Seattle, die seit Jahrzehnten Musik macht. Zuerst schien sich die Band mit der Sängerin geeinigt zu haben, dass beide den Namen nutzen, sogar von einem gemeinsamen Song war die Rede. Dann aber bekam White offenbar die Marktmacht des Country-Riesen zu spüren. Ihre Fans würden sie schon jetzt nur noch schwer auf den Streamingplattformen finden. Die Band lösche sie aus. Als Kompensation forderte sie zehn Millionen Dollar, wobei die Hälfte davon gespendet werden sollte. Nun gehen die weißen Country-Musiker gerichtlich gegen die Sängerin vor. Und tatsächlich: markenrechtlich hatten sie sich Lady A schon vor Jahren schützen lassen. Nur, was rechtens ist, ist nicht unbedingt klug. Ihre neu gewonnene Sensibilität gegenüber der Black Lives Matter Bewegung dürften ihnen viele damit nicht mehr abnehmen.

Auch die Dixie Chicks sind, pünktlich zur Veröffentlichung ihres neuen Albums, nur noch The Chicks. Wobei ihnen das "Dixie" im Namen schon lange verhasst war. Der Spitzname für die amerikanischen Südstaaten suggeriert weiße Vorherrschaft und ist eng verbunden mit der Country-Szene, die das Trio zuerst vergöttert und dann geschasst hatte. 2003, zu Beginn des Irak Kriegs, sagte Sängerin Natalie Maines bei einem Konzert in London, sie schäme sich dafür, dass Präsident George W. Bush wie sie aus Texas stamme. Daraufhin spielten die Countrysender ihre Musik nicht mehr, die Bandmitglieder bekamen Morddrohungen und den frühen Hass des Netzes zu spüren. Am Ende war es das Beste, was ihnen passieren konnte: die patriotischen Country-Fans trieben sie endgültig in die Arme des Pop, wohin sie ohnehin schon immer besser gepasst haben. Sie wurden Vorbilder für heutige Mainstreampop-Feministinnen wie Taylor Swift oder Grimes. Jetzt, 14 Jahre später, kommt das neue Album "Gaslighter". Produziert von Jack Antonoff, dem Indie-Nerd, dem die Frauen vertrauen (u.a. Lorde, Lana Del Rey, St. Vincent). Er unterstützte die Country-DNA der Band und lässt sie gleichzeitig vertraut und neu klingen. Immer da: der Twang in den drei Stimmen, die so unverschämt gut miteinander harmonieren. Der Titeltrack ist ein herrlicher stampfender Arschtritt für Natalie Maines betrügenden Ex-Mann, ihre Scheidung zieht sich durch viele der Songs. "Texas Man" besingt die Sehnsucht, mal wieder jemanden kennenzulernen, der es mit einer erwachsenen Frau aufnehmen kann, die schon ein Leben gelebt und auch ein paar Beulen abbekommen hat. Empowerment-Pop (nicht nur, aber endlich auch mal) für Frauen und Mütter, die auf die 50 zugehen. Gut, dass The Chicks wieder da sind!

Manchmal findet man den Sommer unerträglich. Den provozierend grellen Sonnenschein, den Druck, rausgehen und "das Leben genießen" zu müssen! Nee, lieber mal drinnen bleiben und das neue Album der Detroiter Post-Punk-Band Protomartyr anhören. "Ultimate Success Today" ist die perfekte Sommerverweigerungsplatte. "Summer in the City bring me low" knurrt Sänger Joe Casey an einer Stelle. Danke dafür. Auf dieser Platte herrschen Dunkelheit und Kälte. Postapokalyptische Szenen, Grübeleien über die Nichtigkeit der menschlichen Existenz, Schmerz und Angst entladen sich in formidablem Krach. Und zuweilen gibt's ein irres Saxofon, das die klaustrophobische Stimmung noch verstärkt. Gut so.

Die Stuttgarter Rapper und Produzenten Tua, Kaas, Maeckes und Bartek sind vier so liebenswerte wie durchgeknallte Typen - und die Orsons, die klügste und lustigste Hip-Hop-Band des Landes. Das neue Album "Tourlife4Life" ist ein Konzeptalbum über das Leben auf Tour, was, durch die Corona-Realität eingeholt, fast schon trotzig wirkt. "Meine Gang hat Energie, und die muss raus", ballert Tua am Anfang des Albums gleich mal los. Dass zwischen den Shows und der Party auch endlose nächtliche Busfahrten und viel Zeit zum Nachdenken liegen, hört man dem Album aber eben auch an. Der Orsons-typische Quatschfaktor ist zwar noch da ("Schüttel dein Skelett"), aber insgesamt wirkt das Album ungewohnt düster. Die wie immer hervorragend dichte, ausgefuchste Produktion erinnert stellenweise ("Schuhwurf3000") gar an Kanye Wests "Yeezus"-Album.

© SZ vom 15.07.2020

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