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Popkolumne:Die lustige Ironie der Traurigkeit

Neue Musik von Rhye, James Yorkston, Remy Banks und Bicep. Und die Antwort auf die Frage, wie man formvollendet damit prahlt, wie deprimierend gigantischer Ruhm sein kann.

Von Jens-Christian Rabe

Zu den ewigen Verdiensten des Indie-Folk gehört ja, die Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, die man hier und da so in sich spürt, so lange von allen Seiten zu besingen, bis man sie - wenigstens solange die Musik läuft - vielleicht immer noch nicht für die besten Freunde hält, aber doch zumindest für alte Bekannte. Schon bissl lästig, klar, aber sie lassen einen immerhin nie allein. Und überhaupt: Wer sagt denn, dass man deshalb gleich jeden Sinn für die lustige Ironie der Traurigkeit verlieren muss? Einer der britischen Großmeister der liebevoll-sardonischen Trost-Pop-Kunst ist seit nun auch schon wieder fast zwei Jahrzehnten der Sänger und Songwriter James Yorkston. Man höre auf seinem neuen Album mit dem Second Hand Orchestra, "The Wide, Wide River" (Domino), nur "A Very Old Fashioned Blues" oder "There Is No Upside". Und dann ist da ja noch die schönste Zeile in "Ella Mary Leather": "Ella Mary Leather / I regret ya' / but only on certain days of the year". Reue, aber nur an ganz bestimmten Tagen. Warme, weise Indie-Orchester-Hymnen, die man sich wie weiche Puscheln um die Ohren legen kann, ohne seine Gefühle an den Kitsch verraten zu müssen.

Mit diesem Gedanken im Kopf kommt man nun nicht ganz widerspruchsfrei zu einem kleinen Lob des kanadischen Sängers und Produzenten Michael Milosh und "Home" (Loma Vista Recordings), dem neuen Album seines Elektro-Pop-Projekts Rhye. Denn das Prinzip Ryhe ist gewissermaßen, die Komfortzone immer noch ein bisschen weiter zu polstern. Also den hübsch heiser-vernuschelten Kopfstimmen-Gesang Miloshs auf Synthie-Tupfern zu betten und dann alles auf leicht eingebremsten, ganz easy dahingepatschten Beats ein wenig in Zeitlupe herumschweben zu lassen. Wobei - vielleicht kommen wir so davon: Eigentlich kann man hier seine Gefühle gar nicht mehr an den Kitsch verraten, weil es eher darum geht, beim Hören zu einem völlig unbeschwerten wolkig-beschwingten Tagtraum zu werden. Dödeldösen deluxe. Ahhhh.

In vertrautere Verblendungszusammenhänge zurücklabern lassen kann man sich dann vom 32-jährigen New Yorker Intellekto-Straßen-Rapper Remy Banks und dessen neuem Album "The Phantom Of Paradise". Die Wolken sind hier eher dichte Rauchschwaden aus dem mobilen Cannabis-Fachhandel. Und mit zusammengekniffenen Augen wird hier nicht gedöst, es werden vielmehr die Sinne scharfgestellt. Wie sonst sollte man auch unsere ganzen Trugbilder vom Paradies in den Blick bekommen, diese alten Schlawiner.

Das DJ-Duo Bicep aus Nordirland hat für "Isles" (Ninja Tune) tief in der Rave-Rumpelkammer gewühlt und ein sphärisch-verwehtes, mit abgrundtief-stumpfen Beats, flatternden Synthie-Bässen und staubtrocken knallenden Rimshots unwiderstehlich schiebendes Album aus Chicago House, Breakbeats, Detroit Techno und Disco zusammengerührt. Man höre nur "Apricots". Geschichtsbewusst und kundig genug, um nicht zu billig zu klingen, aber billig ballernd genug, um sich damit vom Küchenteppich kurz in den Club träumen zu können.

Und was machen die Charts im Lande? Das Übliche, ganz wie es sich gehört: Gangsta-Rap, AC/DC, Paul McCartney und Helene Fischer. Ach ja, und auf dem dritten Platz der Single-Charts steht mit "Roller" mal wieder Volkan Yaman aus Ludwigshafen alias Apache 207, dem negativen Dialektiker unter den deutschen Rap-Superstars schlechthin. Wie kein anderer beherrscht er ja die Kunst, ernsthaft damit zu prahlen, wie deprimiert und müde ihn sein leider gigantischer Ruhm gemacht hat. Sehr zeitgenössischer Mann. Auf seiner soeben erschienenen neuen Single "Angst" finden sich die in diesem Sinne nachgerade genialischen Zeilen: "Telefon am Klingeln / Anfrage für ein Festival / Knapp dreihunderttausend Euro für 'ne Show / Und ich schwör' bei Gott, es ist nicht gelogen / Ich halte kurz diesen Anruf für einen Bro aus der Jugend / 'Schneidest du für fünfhundert Euro auf meiner Hochzeit den Kuchen?' / Und dann sagt das Management, ich soll doch bitte nicht 'Hurensohn' sagen / Wegen siebenstelligen Werbedeals soll ich nie mehr 'Hurensohn' sagen / Doch was soll ich so einem Hurensohn sagen?"

Apropos Hip-Hop und großes Geld. Der amerikanische Gangsta-Rapper Tauheed Epps alias 2Chainz, von dem auch bald wieder neue Musik erwartet wird, hat auf die Frage, wieso Gastauftritte von ihm für andere Künstler pauschal satte 100 000 Dollar kosten, geantwortet: Als Kunde bekäme man sein Charisma, und wenn es ans Videodrehen ginge, dann "wechsle ich die Klamotten. Du wirst mich im selben Video niemals mit demselben Outfit zweimal sehen. Ich liefere erstklassige Rap-Zeilen und trage todschicke Brillen und Halsketten, die du noch nie gesehen hast. I mean, I can help you". Rap als konkrete Hilfswissenschaft.

© SZ
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