bedeckt München
vgwortpixel

Popkolumne:Radikal verletzlich

Mit 72 Jahren ist Iggy Pop ganz Kunst-Körper geworden, ein Vehikel für Musik. Wanda baut Songattrappen, Lower Dens überwältigt mit Ausbruchsmusik, und Kindness gelingt es, das Konzept der "radical softness" zu vertonen.

Iggy Pop hat Journalisten immer wieder zu fantasievollen Beschreibungen aller möglicher Zustände menschlicher Haut beflügelt. Sein Körper, hieß es, sei "geschmeidig und ledrig, weniger aus Marmor geschnitzt als in Flankensteak gemeißelt". Die "Lederhaut" sei mal von der Sonne verbrannt, mal vom wilden Leben gegerbt. Das liest sich ganz spaßig, führt aber auf die falsche Fährte. Es gibt ja kaum einen Künstler, der es so frisch durch die Jahrzehnte geschafft hat wie Iggy Pop. Sein Lebenswerk ist keines, das sich durch beständige künstlerische Neuerfindung auszeichnete, klar. Aber eben doch eines aus schönen konzentrischen Kreisen, die sich mit den Jahren immer enger um das Zentrum seiner Kunst schlossen. Was uns zu "Free" (Caroline International) führt, dem neuen Album, das Iggy Pop zusammen mit dem Jazz-Trompeter Leron Thomas aufgenommen hat. "I wanna be free", raunt er da in die ersten Takte eines verwehten Bläser-Arrangements hinein. Und dann kommt erstmal: nichts. Die Songs auf "Free" mäandern zwischen Free-Jazz und Ambient. In weite Klanglandschaften spricht Pop Gedichte von Lou Reed und Dylan Thomas oder redet über Internetpornografie. Stagediving wäre hier in etwa so angebracht wie bei einer Dichterlesung. Was nun doch nach Neuerfindung klingt, ist Iggy Pop in seiner bislang reinsten Form. "Das ist ein Album, auf dem andere Künstler für mich sprechen, aber ich leihe ihnen meine Stimme", schreibt er in den Liner-Notes. Mit 72 Jahren ist Iggy Pop ganz zum Gefäß geworden. Ein Körper für die Kunst, ein Vehikel für die Musik.

Um sich dem neuen Album der österreichischen Band Wanda anzunähern, hilft simple Mathematik. "Ciao!" (Universal) ist ihre vierte Platte in fünf Jahren. Das wäre selbst für eine innovative Band eine ganz schöne Verausgabung. Um den Output zu stemmen, haben sich Wanda entschlossen, fortan Attrappen zu produzieren. Und wenn man nicht genau hinhört, dann klingt "Ciao!" beinahe wie ein echtes Album. Die Gitarren winden sich in Delay-Effekten, es gibt ein bisschen Psychedelic für Einsteiger ("Vielleicht") und Sänger Wanda dehnt die Silben bis kurz vor den Stimmbandriss. "Nix kann man repariaaaarrrhhhhn". Ihre Songattrappen hat die Band nach den Blaupausen der Beatles gebaut, die sind massentauglich und industrieerprobt. Auch textlich wird sehr professionell Tiefgründigkeit vorgetäuscht. In den Songs von "Ciao!" geht es ganz oft um das Letzte ("Ein schneller Tod", "Nach Hause gehen") oder das Erste ("Der Erste, der aufwacht", "Das Erste, an was ich denk"). Diese Bilder funktionieren gut, um ein Gefühl von ultradringlicher Sehnsucht hervorzurufen. Man darf nur nicht den Fehler machen, allzu genau hinzuhören. Denn dann fallen die Songattrappen in einem einzigen lang gezogenen Vokal zusammen, und es bleibt nichts als die Erkenntnis, dass irgendwem immer irgendwas weeeeeeeh tut.

Die Stimme der Woche gehört Jana Hunter von der US-amerikanischen Band Lower Dens. Zum finster verzerrten Synthbass singt er auf "I Drive": "You could have had me / But you wanted a daughter". Das dazugehörige Album "The Competition" (Ribbon Music) ist zu gleichen Teilen Dokument des persönlichen Kampfes einer Transperson und politisches Statement. Musik als Ausbruch. Aus einer Familie, die einen nicht als den Menschen akzeptiert, der man ist. Aus einem System, das alles auf Leistung und Wettbewerb ausgerichtet hat. Der Soundtrack dazu ist emotional überwältigender Synth-Pop, er flackert von einer Hookline zur nächsten zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Oder wie es Lower Dens selbst sagen: Widerstandspop.

Hingegen ist "Something Like A War" (Female Energy), das neue Album von Kindness, so etwas wie die Vertonung des Konzepts der radical softness, der radikalen Verletzlichkeit. Adam Bainbridge, DJ und Produzent*in mit asiatischen und britischen Wurzeln, hat ein unendlich sanftes Album geschaffen, manches Arrangement ist so filigran, dass man Angst hat, es breche auseinander, sollte man es der sicheren Umgebung eines Kopfhörers entreißen und über Lautsprecher hinaus in die Welt spielen wollen. Hier ein zarter Bläsersatz, da ein halbstummes Gitarrenpicking. Und in der Ferne schüttelt sich ein Schellenkranz. Diese Platte ist entweder die verträumteste Dance-Music oder der tanzbarste Dream-Pop der Saison. Nur eines ist sie nicht: schwach. Womit wir wieder beim Konzept der radical softness sind, dessen Leitspruch der Song "Softness As A Weapon" zitiert: Gefühle zeigen ist eine Stärke.