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Popkolumne:Oden an die Zwischentöne

Neue Musik von Busta Rhymes, Stella Sommer, Oneohtrix Point und WizTheMC - sowie die Antwort auf die Frage, mit welchen Marschtrömmelchen das softeste Orchester der Welt operiert.

Von Julian Dörr

Als "Extinction Level Event" bezeichnet man ein Massenaussterben, bei dem sich in einem kurzen Zeitabschnitt die Population einer Art drastisch verringert. Das bekannteste Extinction Level Event ist das Ende der Dinosaurier an der Kreide-Paläogen-Grenze vor 66 Millionen Jahren - ausgelöst vom Einschlag eines Asteroiden. Der amerikanische Rapper Busta Rhymes beschwört nun auf seinem neuen Album "Extinction Level Event 2: The Wrath of God" (The Conglomerate Entertainment) eine neue Katastrophe. Was nicht ohne Ironie ist, zählt Busta Rhymes doch selbst zu den Dinosauriern des Rap. Um sein eigenes Aussterben geht es hier aber nicht. Dafür um alles andere. Acht Jahre sind vergangen seit Busta Rhymes letztem Soloalbum, ganze 22 Jahre seit dem ersten Teil von "Extinction Level Event". Im Intro von Teil zwei wird wild verrührt, was Pandoras Büchse hergibt: Babylon, die Illuminati, 9/11, schmelzende Polkappen, ein Virus. Chris Rock heizt als heiserer Untergangsprophet die Menge auf für das "Second Coming" des "baddest" und "biggest" MC. Was folgt, ist die Apokalypse als Kasperletheater. Die Kulisse wechselt mit jedem Song, über die angestaubte Performance kann das aber nicht hinwegtäuschen. Seine berühmten Hochgeschwindigkeits-Raps packt Busta Rhymes nur dann aus, wenn er jungen Talenten wie Anderson Paak und Kendrik Lamar gegenübersteht. Dass in dieser übertriebenen Inszenierung des Höher-Schneller-Weiter inhaltlich im Grunde doch wachstumskritischer Krisenrap steckt, macht das Ganze paradox, aber irgendwie auch sympathisch.

Um sich von der Krisenstimmung dieser Tage zu erholen, sei "Northern Dancer" (Northern Dancer Records) das neue Album der Berliner Singer-Songwriterin Stella Sommer empfohlen. Sommer ist das kreative Zentrum der Band Die Heiterkeit, die schon seit einigen Jahren zuverlässig unscheinbare Meisterwerke des deutschsprachigen Pop liefert. Auf ihrem zweiten Solo-Ausflug singt Sommer auf Englisch. "A Lover Alone" und "The Ocean Flows Backwards" sind Songs, die mit sanft geschlagenen Gitarrensaiten und Klaviertasten beginnen und dann ganz vorsichtig anschwellen, mit Marschtrömmelchen und Hollywood-Geigen, zum softesten Orchester der Welt. So bleibt extra viel Raum für Sommers Stimme, der immer wieder teutonische Kühle unterstellt wird, was der Realität aber nicht ferner sein könnte. Keine Stimme in diesem Land streichelt liebevoller die Grenze zwischen Halbgedachtem und Nichtgesagtem. "Shadows come in all colours", singt Sommer. Eine Ode an die Zwischentöne, wie gemacht für diese Zeit.

Zwischentöne gibt es auch auf "Magic Oneohtrix Point Never" (Warp Records), dem neuen Album von Produzent Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never. Sie trennen die Platte als "Cross Talks" in vier Teile. Was beim Hören ein Gefühl erschafft, als würde man sich durch unterschiedliche Radioprogramme schalten. Ganz schön anachronistisch für einen avantgardistischen Künstler wie Lopatin, der in den vergangenen Jahren immer wieder die Grenzen des Pop ausgelotet hat. "Magic Oneohtrix Point Never" fühlt sich nun zum ersten Mal nicht nach Veränderung an. Man kennt die Versatzstücke, aus denen Lopatin seine eklektischen Songs baut. "Magic Oneohtrix Point Never" ist ein Best-of. Einerseits. Andererseits hält Lopatin alle Stücke in einem derart instabilen Aggregatzustand, dass sie sich quasi unter dem Ohr verflüchtigen. Aus dem Ambient-Fiepen von "The Weather Channel" erhebt sich für ein paar Sekunden Achtziger-Synthie-Pop, nur um zu verzerrtem Emo-Rap zu mutieren, der schließlich in "No Nightmares" mündet, eine Powerballade mit The Weeknd, die auch im Programm von Rockantennen nicht weiter auffallen würde. So viel Pop hat Lopatin noch nie gewagt. Was heißt das nun? Die Zukunft mag ungewiss sein, aber sie hat ein Herz für Kitsch.

Wer sich angesichts der grauen Tristesse des hereinbrechenden Herbstes nach den Pastelltönen des Sommers sehnt, sollte sich Videos von WizTheMC anschauen, der dieser Tage seine EP "What About Now" (TenThousandProjects) veröffentlicht. Die sind in ihrer Wes-Anderson-Ästhetik einerseits hoffnungslos retro, im Aufbrechen traditioneller Genregrenzen wiederum absolut gegenwärtig. WizTheMC wurde in Kapstadt geboren, ist in Lüneburg aufgewachsen und nach einem Stopp in Toronto nun bei einem amerikanischen Label unter Vertrag. Mit Handclaps, twangenden Gitarren und hochmelodiösen Rap-Parts bespielt der 21-Jährige genau die Räume, die Künstler wie Frank Ocean geöffnet haben. Mit einem neuen Verständnis von Männlichkeit, jenseits von Genre- und Geschlechterklischees.

© SZ vom 28.10.2020
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