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Popkolumne:Melodramatisch überhitzt

Das verblüffendste Album dieser Woche stammt vom Partyrock-König Andrew W. K., mit großer Ernsthaftigkeit wird darin am Party-Spaß gearbeitet. Außerdem vier weitere Alben.

Von Jens-Christian Rabe

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Nichts ist je zu Ende, und alle kommen irgendwann zurück. Jetzt sogar die Breeders. 1993 hatte die amerikanische Grunge-Band ihren großen Hit, den sehr feinen Stop-and-go-Indierock-Brecher "Cannonball". Da war die Band um Sängerin und Pixies-Mitglied Kim Deal für einen Moment das heißeste neue Ding im Pop - hatte sich aber nicht zuletzt wegen Deals Heroin-Problemen eigentlich schon wieder getrennt. Dann ging es viele Jahre eher glücklos hin und her, und was man nun halten soll vom neuen Album "All Nerve" (AD), das ist nicht leicht zu sagen. Im Grunde klingt die Musik nämlich zwar ganz wie früher, also ebenso kratzig wie poppig, aber innerhalb der absoluten Gleichzeitigkeit, in die sich der Pop in der Zwischenzeit manövriert hat, wirken die Breeders auch nicht wie aus einer völlig anderen Zeit. Einerseits. Andererseits fehlt ein Hit wie "Cannonball", und der machte am Ende eben irgendwie den Unterschied, den "All Nerve" dann doch nicht bietet.

Oha, die Debatte um die Geschlechtergerechtigkeit hat in der Musik echte Folgen: Auf Initiative der britischen PRS Foundation, einer Stiftung, die musikalische Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte verwertet, haben sich 45 Musikfestivals aus den Bereichen Klassik, Pop und Jazz verpflichtet, bis spätestens 2022 je zur Hälfte weibliche und männliche Künstler zu engagieren. Aus Deutschland ist nur das Berliner Pop-Kultur-Festival dabei.

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Den Preis für das verblüffendste Album der Woche gewinnt der amerikanische Partyrock-König Andrew W. K. mit seiner zehnten Platte "You're Not Alone" (Sony Music). Die Songtitel lauten: "The Power Of Partying", "Party Mindset", "The Party Never Dies" und so weiter. Es gibt sogar eine schier endlose einmütige Motivationsrede darüber, warum es existenziell wichtig ist, mit unseren Dämonen Party zu machen. Die Musik dazu klingt wie eine Parodie von Meat Loaf und Queen, Hochglanz-Hardrock-Balladen, für die in den Achtzigern einmal das schöne Genre "Hair Metal" erfunden wurde. Mit anderen Worten: Es ist alles so gewissenhaft schlecht gemacht, dass man beinahe Demut empfindet vor der Ernsthaftigkeit, mit der hier Party-Spaß gehabt werden soll. Oje, Hedonismus ist auch nur noch ein anderes Wort für harte Arbeit am Selbst.

Joan Baez, die Folksängerin, Gegenkultur-Ikone der Sechziger und zeitweilige Partnerin Bob Dylans, war in den Achtzigern auch ein paar Jahre mit Apple-Gründer Steve Jobs liiert. Dem Spiegel schilderte sie nun anlässlich ihres neuen Albums "Whistle Down The Wind" lakonisch, wie es so war mit dem Computer-Visionär: "(. . .) vor allem war er der größte Bob-Dylan-Fan. Im Grunde wollte er drei Jahre lang über exakt nichts anderes reden als über meinen Ex-Freund." Außerdem hätten sie ständig Streit gehabt, weil Jobs behauptet habe, er könne ein Trio von Brahms computerisieren und so verbessern."

Die amerikanische Soulsängerin und Tänzerin Janelle Monáe legte mit ihrer ersten Single "Many Moons" 2008 spektakulär vor. Und im irre aufwendigen Musikvideo präsentierte sie sich mit Smoking und majestätischer Tolle auch noch ultracool und superglamourös als eine Art hyperaktiver weiblicher James Brown. Aber obwohl auch ihr nächster Hit "Tightrope" unwiderstehlich war, wurde sie unfassbarerweise doch nicht der nächste Pop-Superstar. Noch unfassbarer erscheint einem das nur noch, wenn man jetzt ihre neue Single "Make Me Feel" hört und sieht, die klingt, als ob Prince versucht, eine Art ultracooler und superglamourös hyperaktiver weiblicher James Brown zu sein.

Und was bleibt jetzt noch zu sagen? Natürlich dies: In einem Interview mit dem amerikanischen Rolling Stone hat Funk-Guru George Clinton soeben die beiden wesentlichen Fragen zur jüngeren und jüngsten Kulturgeschichte der Menschheit beantwortet: Die funkigsten Menschen, die je auf diesem Planenten gelebt haben, sind demnach Pop Staples von den Staples Singers, der Motown-Studio-Bassist James Jamerson und Ray Charles: "Ray hätte sich (den Beatles-Song) 'Eleanor Rigby' schnappen und ihn funky klingen lassen können." Beim unfunkigsten Menschen gibt's im Moment selbstverständlich nur eine Wahl, aber so schön wie Clinton hat's noch keiner gesagt: "Can't be no funk in the Trump!" Ach, und zum Rassismus gibt's vom Meister gleich auch noch einen Satz für die Ewigkeit: "Vielleicht können wir unseren Planeten irgendwann verlassen, dann werden wir es mit Aliens zu tun bekommen. Du denkst, es wird dann noch ein Problem sein, ob man schwarz oder weiß ist? Warte einfach, bis wir auf Mistkerle mit drei oder vier Penissen treffen!"

© SZ vom 28.02.2018

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