bedeckt München 14°

Popkolumne:Mehr ist viel mehr!

Neues von der besten deutschen Rapperin Haiyti und den Folk-Punk-Pionieren "Violent Femmes".

Von Jan Kedves

Wer bis jetzt Probleme hatte zu verstehen, warum Ronja Zschoche alias Haiyti nicht nur die derzeit interessanteste, sondern tatsächlich die beste deutsche Rapperin sein soll, der bekommt diese Woche die nächste Chance. Ihre "Sansibar EP" (Universal) enthält fünf neue Stücke, sie ergänzen das kürzlich erschienene Haiyti-Album "Perroquet". Das war schon toll, mit Zeilen wie "Mein Herz ist am brennen, Bruder, Pyro, Scheine machen ist die Prio". Die EP fügt dem schrillen, herausgeratterten Autotune-Hip-Hop der 26-Jährigen eine neue besinnliche Note hinzu, oder: eine Ahnung von Depression. Haiyti rappt und singt in "Kein Empfang" oder in "Mann aus Eis" aus Perspektive des zu schnell zu reich gewordenen Stars, der zwischen Luxus, Drogen und falscher Liebe kalte Momente voller Einsamkeit und Paranoia durchlebt. Eigentlich sind es klaustrophobe Blues-Balladen, wenn es in der überdrehten Trap-Welt so etwas gibt. "Mama, tut mir leid, bin zu real, ich hab jetzt paar Scheine zu viel, doch bin viel zu breit für den Deal, und zu high auf den Heels", rappt Haiyti in "Mann aus Eis".

Das liest sich schon auf Papier sehr gut, perfekt ist es zu gebremsten Beats! Dass die Violent Femmes überhaupt weitermachen, erscheint als kleines Wunder. Die Pioniere des Folk-Punk aus Milwaukee, Wisconsin, hatten sich zerstritten, verklagt, aufgelöst, nachdem ihr Sänger und Songschreiber, Gordon Gano, den Song "Blister In The Sun" als Werbemusik an die Burger-Kette Wendy's verkaufte hatte. Was die restlichen Bandmitglieder punkgemäß frevelhaft fanden. Irgendwie haben sie sich aber wieder zusammengerauft und auch diverse Umbesetzungen am Schlagzeug überlebt. Das neue Album "Hotel Last Resort" (PIAS) macht streckenweise große Freude. Etwa wenn es gleich mit "Another Chorus" einsteigt, einem Song, in dem zu Torkelbeat und Honeytonk-Piano Zeilen wie "Please don't sing another chorus / That's the thing that really bores us" herausgebellt werden. Wir könnten auch einpacken, aber wir gehen euch noch ein bisschen auf die Nerven! - das ist so der Grundton. Im Titelsong gastiert Tom Verlaine von Television. Er singt von der Mehrdeutigkeit, dass das "Last Resort Hotel" vermutlich eben kein Hotel ist, sondern der Sarg oder die Hölle, also das Gegenteil von Optimismus.

Die schwedische Sängerin Lykke Li hat einen Lauf. Einige Songs ihres Albums "So Sad So Sexy" (2018) waren schon sehr schön, und kürzlich sang sie für Mark Ronson auf dessen neuem Album den bezaubernden Slow-Disco-Song "Late Night Feelings". Mit "Still Sad Still Sexy" (Sony Music) lässt die 33-Jährige nun eine Remix-EP folgen. Die kommentiert sozusagen selbstironisch Lykke Lis Schicksal, denn sie würde am liebsten nur puristische Soul-Songs singen, aber sie ist ausgerechnet immer dann am erfolgreichsten, wenn sich noch Dance-Beats zu ihrer Stimme gesellen. Und man muss sagen: Zumindest beim Remix von "Two Nights" geht die Kombination wieder sehr gut auf. Hier macht Sonny John Moore alias Skrillex mit, der eine Weile mit seinem schrillen Stadion-Dubstep die Personifikation des gesamten Übels der EDM-Welt war. In "Two Nights Part II" klingt Skrillex aber überhaupt nicht mehr brachial, sondern - man glaubt es kaum - tiefsinnig.

Ganz ungebremst geballert und geprotzt wird dafür auf dem Album "Carte Blanche" (Geffen) von DJ Snake. Der heißt bürgerlich William Grigahcine, ist ein 33-jähriger Franzose, hat Zigmillionen Follower auf Instagram und Facebook und ist das Pariser Pendant zu DJ Khaled. Er ist also ein Pop-Star, der sich nicht damit brüsten kann, einen eigenen Stil geprägt zu haben, der aber trotzdem die meisten Stargast-Auftritte auf seinen Alben hat. Aber warum muss man, wenn man sowohl mit der Rapperin Cardi B wie auch mit der Popsängerin Selena Gomez zusammenarbeiten kann, beide auf einem Song verbraten, wie beim unfassbar dreisten Ohrwurm "Taki Taki"? Na, weil man es kann, und weil noch genug andere Stars vor dem Studio Schlange stehen. Beim düsteren Trap-Hit "Enzo" etwa machen die Rapper Offset, 21 Savage und Gucci Mane mit. Das ist Feature-Maximalismus mit Multiplikator-Garantie, denn so vergrößert sich immer gleich auch die potenzielle Zielgruppe. Mehr ist viel mehr! Vermutlich legt sich DJ Snake deswegen auch nicht auf ein Genre fest: Reggaeton, EDM-Dubstep, französischer Böller-Electro à la Justice - er macht einfach alles. Aber auch nichts schlecht. Und doch ist es unmöglich, das Album am Stück durchhören, wegen Schockgefahr ob der, nun ja, Prallheit dieser Pop-Idee.

© SZ vom 24.07.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema