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Popkolumne:Kurhotels für die Seele

Grandiose neue Musik von "Car Seat Headrest", "Slut", Stephen Malkmus und den "Doobie Brothers" - sowie die Antwort auf die Frage, wo noch mal das Hospital für die Seele ist.

Der Indie-Tüftler Will Toledo hat das neue Album "Making A Door Less Open" (Matador) seiner Band Car Seat Headrest einmal in Bandbesetzung mit Gitarre, Bass und Schlagzeug eingespielt und einmal mit gänzlich synthetisch erzeugten Sounds. Ist leicht übermotiviert, klingt aber auf Songs wie "Can't Cool Me Down", "Hollywood" oder "Famous" tatsächlich ziemlich großartig.

Breitwand-Lo-Fi. Unermüdlich veröffentlicht der amerikanische Songwriter Damien Jurado Album um Album voller, immer schön heiser dahingecroonter skizzenhafter Wiegenlieder für Erwachsene. Nun also "What's New, Tomboy?" (Loose Music) mit Songs wie "Francine" oder "Fool Maria", die sich wie eine warme Decke um die Ohren legen.

Ungemütlicher kann man es sich dann mit dem neuen Album "I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep" (Play It Again Sam) des gefeierten britischen Spoken-Word-Sängers Obaro Ejimiwe alias Ghostpoet machen. Finstere Moritaten gegen die Pandemie der soziale Gleichgültigkeit im Westen, die noch wahr sein werden, wenn Corona längst Vergangenheit ist. Während man "Concrete Pony" hört, denkt man plötzlich, es gäbe gerade einen Bombenalarm in der echten Welt, weil man von weit her diese typische grausig singende Sirene hört. Ist aber doch bloß auf Platte. Urgh. Kalter Schauer des Realen.

Ellis Marsalis, Lee Konitz, Wallace Roney, Bucky Pizzarelli, Mike Longo, Henry Grimes - die Liste der an Covid-19 vestorbenen Jazz-Altmeister ist erschreckend lang. Das hohe Alter der Toten ist für die Chicago Tribune aber nicht die ganze Arbeit, als Berufsgruppe seien Jazzmusiker seit jeher im Stich gelassen worden. Abgesehen von den wenigen ganz großen Stars der Szene, so die amerikanische Tageszeitung, hätten Jazzmusiker in der Regel von Auftritt zu Auftritt gelebt und jahrelang - wenn nicht jahrzehntelang - keine vernünftige medizinische Grundversorgung genossen, und dafür müssten sie nun mit ihrem Leben bezahlen: "Die Gig-Ökonomie, die sich heute in den USA ausbreitet, kennen Jazzmusiker seit den ersten Tagen ihrer Musik. Sie haben sie gelebt, unter ihr gelitten und sind an ihr gestorben - seit mehr als 100 Jahren."

Wer hätte das gedacht? Sieben Jahre nach ihrem letzten Album "Alienation", das viel mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte, als es damals leider bekam, hat die nach Notwist mindestens zweitbeste deutsche Indierock-Band Slut eine ganz famose neue Single veröffentlicht. Sie trägt den schönen, bittersüßen Titel "For The Soul There Is No Hospital" und ist ein weiterer Beweis, dass es immer noch keine Band gibt, die Melancholie so hinreißend treibend vertont, dass man - während man in seinem Quarantäne-Quartier ermattet aus dem Fenster blickt - bloß denkt: Doch, mindestens ein Spital für die Seele gibt's doch jetzt: diesen Song!

Und vielleicht "Brainwashed" vom Pavement-Kopf Stephen Malkmus. Unbedingt in der virtuos verwackelten Version, die er solo mit Akustikgitarre für den Youtube-Kanal La Blogothèque eingespielt hat: "Brainwash me, brainwash me / Please, take these old thoughts away / Scatter and smother and cover them / Down where they lay / I could care less where they land / I'm on the open idea plan". So gehört scheint einem die Gehirnwäsche da doch fast als die im Moment vernünftigste Form der Selbstreinigung. Anders gesagt: Wenn eine ganze Gesellschaft zum Slacken verurteilt ist, braucht sie neue Hymnen wie diese.

Man kann aber auch mal wieder den Doobie Brothers lauschen. Sie Seventies-Softrock-Fürsten haben aus ihren Wohnzimmern eine kristallin-glasierte Akustik-Version ihres Songs "Black Water" eingespielt, samt der Unisono-Zeile: "And I ain't got no worry / Cause I ain't in no hurry". So kann man es natürlich auch sehen. Als Abwehrzauber dürfte es umso besser funktionieren, je häufiger man es ganz laut mitsingt.

Und danach dürfte man dann endgültig bereit dafür sein, sich von Nick Hakims unwiderstehlich verschlafen dahinruckelndem Dengel-Soul in Tagträumereien aller Art stubsen zu lassen. Man höre also die neue Single "Crumpy", sehe sich auf Youtube Hakims vor wenigen Tagen erschienenes "Tiny Desk Home Concert" an - und freue sich auf sein neues Album "Will This Make Me Good", das im Mai erscheinen soll und ein Kurhotel für die Seele sein wird. Wenn nicht ein Kurgrandhotel!

© SZ vom 29.04.2020

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