bedeckt München 20°

Popkolumne:Könige der Live-Konzerte

Die "Chainsmokers" haben die Songs, die sie im letzten Jahr veröffentlicht haben, gnädigerweise nachträglich zum Album kompiliert und auf CD gepresst. Und keiner verkauft so viele Tickets wie Ed Sheeran.

Oh ja, es hat sich viel verändert. Früher lief eine Plattenveröffentlichung so: Musiker nimmt Album auf, Musiker veröffentlicht Album, dazu gibt's das dann auch im Internet, eher so als Ergänzung und für unterwegs. Läuft natürlich längst nicht mehr so. Aber die Chainsmokers, das hypererfolgreiche Remix-Duo aus New York, dreht das Procedere jetzt endgültig um. Im vergangenen Jahr haben sie immer wieder einzelne Songs veröffentlicht, insgesamt neun, die liefen im Radio und vor allem bei Spotify, Apple Music und allen weiteren Streamingdiensten. Erst dann wurden die Songs zusammengekehrt, um ein weiteres Stück ergänzt und zu Weihnachten als Album veröffentlicht. Aber immer noch nicht als CD, sondern nur bei iTunes. Als physisches Produkt aber - und jetzt sind wir beim altmodischen Handel mit Tonträgern -, als CD kommt das Album "Sick Boy" erst jetzt in die Läden. Zumindest da, wo es überhaupt noch Regale für CDs gibt. Es werden sich vermutlich so um die fünf Exemplare verkaufen. Aber das interessiert die Band wohl wenig. Sie lassen über ihr Label ausrichten, dass die Songs des Albums längst mehr als eine Milliarde Streams im Internet erreicht haben. Warum also noch die Herstellung vorsintflutlicher Silberscheiben? Vermutlich reine Liebhaberei.

Meistens wird der argentinische Pianist und Komponist Bruno Sanfilippo der zeitgenössischen klassischen Musik zugerechnet. In die Ecke gehört er genauso (oder genauso wenig) wie Chilly Gonzales, Hauschka oder Keith Kenniff, der seine verträumten Klavierstücke unter dem Namen Goldmund veröffentlicht. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Klaviersolisten, die ihre Einflüsse durchaus aus der Klassik beziehen, vor allem Frédéric Chopin und Erik Satie sind als Paten oft rauszuhören, gelegentlich auch Philip Glass und Steve Reich. Ob man das aber jetzt im eigentlichen Sinne klassische Musik nennt oder eher Instrumentalpop oder noch mal ganz was anderes, ist eine sehr akademische Frage. Auf seinem neuen Album "Pianette" entwirft Sanfilippo Miniaturen, sehr zart, sehr behutsam, über ein freundliches Adagio geht es nie hinaus. Melodien doppelt er gern in Oktaven, darunter perlen sachte die Akkorde, manchmal steht er mit einem Bein schon halb im "Ave Maria". Er zeigt zwar weder den Mut von Hauschka, noch den Witz von Gonzales. Aber Romantiker, die sich an ihrem Soundtrack zur "Fabelhaften Welt der Amélie" langsam sattgehört haben, könnten mit "Pianette" glücklich werden.

Joe Jackson ist ein komischer Vogel. Dieses Jahr begeht der Engländer das 40. Jahr seiner Popkarriere, und während man bei anderen an so einem Punkt gern mal schaut, was für Höhen und Tiefen es in der langen Zeit gab, finden sich bei Jackson alle Hakenschläge gleich in den ersten zehn Jahren. Da wollte der Mann das Besondere um jeden Preis. Nach zwei, drei tollen Pop-Platten veröffentlichte er ein Swing-Album (als Swing gerade keinen interessierte); später eine Platte, die live vor Publikum aufgenommen wurde - alle Zuschauer mussten sich verpflichten, keinen Mucks zu machen; dann einen Filmsoundtrack; eine Klassikplatte; ein Doppelalbum, auf dem nur drei Seiten bespielt waren; später eins, bei dem alle Stücke zu einer durchgehenden Kette komponiert waren. Dann ging ihm die Puste aus. In den folgenden 30 Jahren veröffentlichte er weiter Musik, aber eher unauffällig. Auch auf dem neuen Album "Fool": abgeklärter Elder-Statesman-Pop, Melodien, die gut ins Ohr gehen, aber nie die Unvergesslichkeit seines einen Riesenhits "Steppin' Out" erreichen. Trotzdem, Joe Jackson ist einer von den Guten.

Zum Schluss noch ein Rekord. Ed Sheeran hat 2018 das höchste Live-Einspielergebnis aller Zeiten erzielt. Mit seinen Konzerten hat der Mann aus Halifax laut dem amerikanischen Branchenmagazin Pollstar im vergangenen Jahr 432 Millionen Dollar umgesetzt. 4 860 482 verkaufte Konzertkarten. Taylor Swift kommt auf einen soliden zweiten Platz mit einem Live-Umsatz von 345,1 Millionen (2 888 892 Tickets), auf Platz drei dann Jay-Z und Beyoncé mit ihrer gemeinsamen Pärchen-Tournee und gut 254 Millionen Dollar Einspiel . Nach wie vor hält die Band U2 den Rekord für den größten Tournee-Umsatz: Mit den Konzerten der "360°"-Tour bewegten die Iren 736,4 Millionen Dollar - dafür waren sie aber mehr als zwei Jahre unterwegs. Rein rechnerisch liegt Sheeran einsam an der Spitze. Und wenn man von den Millionen die Ausgaben für Technik, Security und den ganzen Ballast abzieht, hat Sheeran noch einen Vorteil: U2 musizieren zu viert, Taylor Swift reist mit Riesenband, der kleine Ed aus Halifax aber steht jeden Abend allein mit seiner Gitarre auf der Bühne - und muss mit niemandem teilen.