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Popkolumne:Knatternde Grandezza

Diesmal mit John Grant, Lady Gaga, dem Nino aus Wien - und der Antwort auf die Frage, wer anstelle von Britney Spears einst "Britney Spears" werden sollte.

Von ANNETT SCHEFFEL

Allen, die auf der Suche nach Songs sind, die zu exakt gleichen Teilen verstören und faszinieren, sei das neue Album von John Grant ans Herz gelegt. Auf seiner vierten Platte "Love Is Magic" (Rough Trade) hat der amerikanische Musiker nun die beiden Arten von Songs, die er am besten beherrscht, endgültig zu einem einzigen Sound verschmolzen: die Gefühlsballaden am Piano und die Elektro-Pop-Dramen, in deren flimmernden Räumen er seine schrägen Performances aufführt, wie die als geteerter, gefederter und pink beschienener Hühnermann auf dem Cover. Der fast sechsminütige Opener "Metamorphosis" ist ein Ausblick auf die Kurvenfahrt, die folgen wird. Eine Warnung: Das ist nichts für zarte Gemüter. Er beginnt mit knatternden Synthesizern aus Arcade-Games- und Soft-Cell-Zeiten und einer Art verirrtem, surrealistischem Spoken-Word-Theatermonolog, verwandelt sich in eine schwül-verträumte Ballade, und am Ende kehrt Gaga-Grant wieder zurück. Bei all der Exzentrik, schreibt John Grant aber tolle, kluge Zeilen über die Liebe, wie im Titelstück: "And this thing called intimacy / Is it what you always thought it would be? / (. . .) Do you feel like you are in control? / Did you find out that there's really no such thing? / Love is magic".

Zehn Alben in zehn Jahren hat der Songwriter Nino Mandl, bekannt unter dem Künstlernamen Der Nino aus Wien, veröffentlicht: An seinen Prinzipien hat der Österreicher zum Jubiläum zwar nichts mehr verändert, aber auf "Der Nino aus Wien" (Problembär Records), wieder aufgenommen mit Wanda-Produzent Paul Gallister, spielt er seinen smarten Austropop noch einmal in all seinen Formen und Farbtönen durch. Da sind die Wiener-Schmäh-Momente, aber auch die Anti-Folk-Momente. Da ist die Klavierballade "Bevor Du schläfst", die als eine Art österreichisches "Don't Look Back In Anger" mit heller, leicht hingerotzter Melancholie vom Ende des Sommers erzählt und von den kleinen und großen Geschichten, die sich darin Jahr für Jahr spiegeln: "Es wird bald wieder scheußlich / Und dann wird's immer schlimmer / Doch es hat immer noch gepasst / Weil all you need is love / Und meist gelingt's nicht ganz / Aber manchmal fast." Da sind seine Geschichten aus der Kneipe, in der der Zigarettenrauch kalt in der Luft hängt und Wolfgang Ambros aus der Jukebox tönt, bis alle nach einem letzten Wein im Taxi nach Hause fahren. Und diesem blumigen, batzweichen Dialekt kann man ja ohnehin stundenlang lauschen.

Bereits in der vergangenen Woche erschien zusammen mit dem Film "A Star Is Born" der Soundtrack von Pop-Superstar Lady Gaga und Hollywood-Star Bradley Cooper. Im Film überrascht Cooper damit, dass er neben dem Schauspiel auch das Regiefach beherrscht, und Gaga spielt die schönste Meta-Rolle, die das Hollywoodkino für jemanden wie sie zu bieten hat, und tut das, was sie selbst schon längst nicht mehr ist: Sie ist eine hadernde, aufstrebende Sängerin. In den Songs des Soundtracks überrascht Cooper sogar noch ein zweites Mal: Singen kann er auch, vor allem die warmen, runden Töne der erdigen Country-Rock-Songs seiner Figur. Für den nötigen Glanz sorgt dann aber doch Lady Gaga. Die ausladenden Power-Pop-Balladen wie "Shallow" zielen auf die gleiche emotionale Überwältigung wie "My Heart Will Go On" oder "I Will Always Love You". Und Gaga, diese Frau der hundert Genres, kann natürlich ebenso das: Tränendrüsen-Pop, vorgetragen mit größtmöglicher Grandezza. Songs für die Hochzeits-Playlist der nächsten 20 Jahre.

In ein paar Wochen erscheint endlich das erste Album von Robyn nach acht Jahren Pause. Und während man der Single "Honey" (Island) schon anhörte, wie fantastisch sich die schwedische Sängerin immer noch auf die Gleichzeitigkeit von Heartbreak-Song und pulsierendem Club-Wumms versteht, zeigt sich nun, wie anders alles auch hätte kommen können. In einem Porträt, das der britische Guardian über Robyn veröffentlichte, stieß man nun auf eine interessante, aber fast vergessene Fußnote der Popgeschichte: Robyn sollte Ende der Neunziger eigentlich die neue Britney Spears werden - oder genauer: Weil Robyn sich nach dem Erfolg von "Show Me Love" (das sie mit Max Martin schrieb) damals nicht vom US- Label Jive zum Superstar aufbauen lassen wollte, suchten die nach Ersatz und fanden: die 15-jährige Britney Spears, die sie dann wiederum nach dem Euro-Teenpop-Vorbild zur "amerikanischen Robyn" machten. Hätte es Britney ansonsten vielleicht nie gegeben?

© SZ vom 10.10.2018
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