bedeckt München 13°

Popkolumne:Die zornige Königin

Cover Popkolumne 22.8.2018

"Marauder" (Matador) von Interpol.

(Foto: Reproduktion SZ)

Die Popereignisse der Woche. Diesmal mit neuen Alben von Nicki Minaj, Interpol, Clueso und Blood Orange - und der Antwort auf die Frage, wie man über den Schock hinweg kommt, dass Michael Jacksons "Thriller" nicht mehr das meistverkaufte Album ist.

Die große Pop-Katastrophe der Woche: "Queen" (Young Money), das neue Album von Nicki Minaj ist nicht auf dem ersten Platz der amerikanischen Billboard-Charts gelandet. Das erzürnte die 35-jährige New Yorker Rapperin so sehr, dass sie sich augenblicklich auf die Suche nach Schuldigen machte. Zum Beispiel Travis Scott, dessen neues Album "Astroworld" an der Spitze steht. Scott, so Minaj, steigere seine Plattenverkäufe über billige Merchandise-Tricks. Und dann ist noch der größte Musikstreaming-Dienst der Welt Spotify schuld, weil der "Queen" nicht engagiert genug beworben hätte. Nun, schuld sind eben immer die anderen. Weil man dann auch so gut davon ablenken kann, dass "Queen" vielleicht deshalb nicht ganz oben steht, weil es ein doch ziemlich enttäuschendes und ziellos vor sich hinwummerndes Porno-Rap-Album geworden ist.

Eine mittelgroße Überraschung hingegen ist "Marauder" (Matador), das neue Album von Interpol. Was zunächst daran liegt, dass man die Stimme von Paul Banks, eine der wiedererkennbarsten Stimmen der jüngeren Popgeschichte, nicht wiedererkennt. So ungewohnt hoch und sanft legt sie sich über die ersten Takte des Eröffnungssong "If You Really Love Nothing". Das ist natürlich ein Trick, eine kleine Finte in den ersten Sekunden, denn was dann folgt, ist das interpoligste Interpol-Album seit mehr als einem Jahrzehnt. Auf "The Rover" klagen und winden sich die Gitarren in bester Post-Punk-Manier, das Schlagzeug klopft gnadenlos gradlinig voran. Und über allem diese Stimme, immer ein paar Meter über dem Rest des Songs, ein bisschen abgehoben, ein bisschen einsam. Nun war die Einsamkeit von Interpol zu ihren besten Zeiten niemals ein Rückzug vor der Welt, sondern eine Einsamkeit in der Welt, mitten im gleißenden Licht. Auf "Marauder" haben Interpol sie wiedergefunden, diese ganz besondere Einsamkeit, die man nur spüren kann, wenn man nicht alleine ist.

Die beiden französischen DJs und Produzenten Gaspard Augé and Xavier de Rosnay, besser bekannt als Justice, machen ja seit jeher elektronische Musik für Menschen, die eigentlich keine elektronische Musik hören. Durch ihre Kompositionen strömt das Blut der Rockmusik. Und deshalb leiden sie neuerdings auch an der Erbkrankheit der Rockmusik: der Retromanie. Für "Woman Worldwide" (Ed Banger) haben Justice nach einem Jahrzehnt Live-Erprobung noch einmal an ihren alten Songs gefeilt und neue Studioversionen aufgenommen. So glänzt nun zum Beispiel "Genesis" ein bisschen goldener, der Beat bröckelt nicht ganz so trocken aus der Produktion, aber im Grunde bleibt alles sehr nah dran am Original. Das taugt natürlich für eine leicht nostalgische, aber immer noch ziemlich unterhaltsame Tanzparty. Hat aber auch was von einem Klassentreffen zum zehnjährigen Abi-Jubiläum. Super nett und witzig für einen Abend, aber dann will man doch bitte wieder Menschen von heute sehen.

Mit der Musik von Clueso verhält es sich ein bisschen so, wie deutsche Touristen im Ausland zu beobachten. Dieser leichte Ekel, der einen überkommt, der auch ein Ekel vor der eigenen Überheblichkeit ist. Sprächen diese Touristen englisch, man würde sie als weniger unangenehm empfinden, obwohl sie ja immer noch dieselben Touristen wären. So ist es auch mit "Handgepäck I" (Vertigo Berlin), dem neuen Album von Clueso. Ein Reisealbum. Leicht mollig und immer ein bisschen schwermütig. Kopf am Fenster. Überall-nur-nicht-hier-Musik. Cluesos Songwriter-Pop arbeitet mit Klischees, er rührt aber eben auch an universellen Sehnsüchten. Und würde James Blunt oder Jack Johnson draufstehen, würde auch keiner lachen. Aber die singen ja auch auf Englisch.

Die anspruchsvolle, originelle Popmusik hat diese Woche einen herben Rückschlag erlitten: Die Eagles haben mit ihrer Greatest-Hits-Sammlung Michael Jacksons "Thriller" vom Thron des erfolgreichsten Albums aller Zeiten gestoßen. Weshalb man als Gegenmaßnahme unbedingt "Negro Swan" (Domino) des Sängers und Songwriters Dev Hynes alias Blood Orange hören sollte. Ein zart vibrierendes R'n'B-Album, von Orgeln umschmeichelt, von Pianos betröpfelt. "Negro Swan" ist dabei aber nicht seicht, sondern einfach bloß eine Offenbarung. Der 32-jährige Brite Hynes sinniert mit vielen Gaststars über Depression und Hoffnung, über Frust und Ängste, und darüber, was es bedeutet schwarz und queer zu sein. Ein Album als Übung in Empathie. Allzu viele klügere Platten wird dieses Jahr nicht bringen.

© SZ vom 22.08.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite