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Popkolumne:Affektklaviatur digitaler Endzeitromantiker

"Cyberpunk 2077" mag als Spiel enttäuschen - der Soundtrack ist aber famos. Dazu: Neues über die Hörgewohnheiten von Iggy Pop und David Bowie. Und sanft in die Fresse.

Von Juliane Liebert

Eigentlich könnten wir uns die Popkolumne diese Woche sparen, weil derzeit eh alle "Cyberpunk 2077" spielen und in den Pausen ihre riesige Enttäuschung im Internet abreagieren. Man muss Verständnis dafür haben. Der Hype war so groß, dass selbst ein skeptischer Randbeobachter erwarten musste, dass der Spieleentwickler CD Projekt Red mit seinem Opus magnum mindestens den Sex neu erfindet, die Corona-Krise beendet oder wenigstens die Existenz Gottes beweist. Ist dann alles nicht passiert. Dafür ist der Cyberpunk-Soundtrack eine Edeljukebox geworden. Nahezu alle Songs, die dieser Tage in zwei Teilen erscheinen, stammen von großen Namen und wurden extra für die fiktive Stadt Night City verfasst. Mit dabei Run The Jewels, Sophie, Grimes (ihr Song heißt "Delicate Weapon" und ist musikalisch näher an ihren frühen Aufnahmen als am aktuellen Album), Health, Nina Kravitz und so weiter und so fort. Ein Regenbogen durch die Genres: Im Spektrum zwischen "Blade Runner"-Ambient und robustem Industrial angesiedelt, spielt der OST souverän auf der Affektklaviatur digitaler Endzeitromantiker. Sehr fluide, trotzdem zupackend, futuristisch poliert, aber dreckig wie die Straßen der Nachtstadt. Sogar Zeitgenossen, die Videospiele für Teufelszeug halten, oder deren Hardware zu schlecht ist, um "Cyberpunk" zu spielen, können so in den Genuss von der Metropole der Zukunft kommen. Wenn man den Soundtrack hört, verwandelt sich sogar Aschaffenburg in eine pulsierende Megacity. Na ja, mit ein wenig Fantasie.

Wo wir einmal bei Städten und ihren Soundtracks sind. Bei Ace Records ist gerade "Café Exil - New Adventures In European Music 1972-1980" erschienen. Das namensgebende Café Exil befand sich in Kreuzberg. Wiener Künstler hatten es begründet, weil es in Berlin sonst "nur Currywurst und Erbsensuppe" zu essen gab. David Bowie, Iggy Pop und Brian Eno hingen dort herum, aber auch Künstler wie Joseph Beuys. Kuratiert hat die Compilation Bob Stanley von Saint Etienne. Er wollte der Frage nachgehen, was David Bowie und Iggy Pop dort wohl so gehört haben - und landete bei Michael Rother, Amon Düül II, Popol Vuh, Cluster und natürlich Brian Eno. Auch "Jennifer", einer der schönsten Tracks der deutschen Krautrockband Faust ist dabei. Dessen Lyrics bestehen nur aus zwei Zeilen: "Jennifer, your red hair's burning / Yellow jokes come out of your mind". Eine Gitarre wiederholt gelassen immer dieselben Noten, bis man eingelullt ist in jene Bedeutungsschwere, die ein anbrechender Morgen hat, wenn man gerade nach Hause geht, während die ersten Mitmenschen schon wieder auf dem Weg zur Arbeit sind und die U-Bahn einen langsam in den Schlaf ruckelt. Oder auch: Eine Platte für einen vollkommenen Winternachmittag. Auf dem Cover prangt in voller Schönheit der Steglitzer Bierpinsel in roter Bemalung, der Himmel in seinen Fenstern gespiegelt wie eine uneinlösbare Verheißung. Bleibt nur die Frage, was "gelbe Witze" sind? Man würde doch zu gerne mal einen hören.

Man mag es kaum glauben, aber auch in Portugal gibt es Rapper. Sie sind inzwischen einfach überall. Die Stilrichtung "Hip-Hop Tuga" hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Der aus Setúbal stammende Rapper Slow J jedoch macht jetzt trotzdem Fado. Nein, nicht wirklich. Aber immerhin mediterran-melancholische Musik. Das Jahr war am Rande Europas wohl mindestens so einsam wie im Rest der covidgebeutelten Welt. Vielleicht ist "sLo-Fi" deshalb ein Album mit sehnsuchtsvollen Gitarren über wiegenden Drumloops? Sanft grooven die Instrumentaltracks durchs erschöpfte Hirn. Seelenschutzklänge auf dem winterlichen Sofa, darin eine gute Dosis Hoffnung auf den Süden. Der Albumtitel ist kein Rechtschreibfehler, auch seine Songtitel schreibt Slow J eigenwillig, nämlich immer zusammen, "TryAndMeltMyFaith" oder "WhatDoesYourGodSoundLike". UnserGottHältEhrlichGesagtMeistensDenMund. SchonSeitJahrtausenden. Aber wenn er mal was sagen würde, dann bestimmt auf Portugiesisch!

Und wenn man es sich dann so richtig gemütlich gemacht hat, kommt Avenade mit "Vice Versa In Such Things" und macht einen wieder wach. "Vice Versa in Such Things" ist kohäsiver, epischer Noiserock mit pointierten Lyrics. Matt Hawkins, der Songwriter hinter dem Projekt, hat ein besonderes Gespür für den Moment, in dem der Gitarrenlärm zur Melodie wird, kurz verharrt, ein einzelner Takt gezupft wird, auf einmal erstaunlich sanft ... um einem dann wieder in die Fresse zu hauen. Aber seien wir ehrlich: Vermutlich haben wir es verdient.

© SZ/biaz
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