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Popkolumne:Blanker Eskapismus

Neue Musik von Justin Bieber, den Punkpop-Veteranen "Green Day", Lil Wayne und der gefeierten Neo-Psychedelic-Band "Tame Impala" - sowie die Antwort auf die Frage, mit welchem Album man fein feiern könnte, wenn Donald Trump doch nicht wiedergewählt wird.

Ach, der ewige Bub. Über Justin Bieber wird viel gespottet, weil er so verzweifelt versucht, endlich als Erwachsener wahrgenommen zu werden. Was ihm da so an Strategien einfällt, ist meistens kümmerlich. Aktuell: ein struppiger Schnurrbart, der aussieht wie angeklebt. Nun ja. Aber Ende dieser Woche erscheint sein fünftes Album "Changes", und zumindest die Vorab-Single "Intentions" verdient mehr als Witzeleien. Denn Bieber tut Gutes, meint es ernst, und das verdient Anerkennung. Im Video läuft sein Lied - zeitgemäßer Neo-R'n'B mit federnden Beats und Gastsänger Quavo - eher als Begleitung, vor allem ist das Video eine Kurz-Doku über die Schicksale junger schwarzer Frauen in den Hinterhöfen Amerikas, die versuchen, Armut, Arbeit und Kinder irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Bieber trifft sie in einem Sozialzentrum in Los Angeles, sie erzählen aus ihrem Leben - harte, berührende Geschichten. Und Bieber hat mit 200.000 Dollar einen Sozialfonds gestartet, der dieses Zentrum dauerhaft unterstützen soll. Guter Mann.

Als es mit Tame Impala losging, vor gut zehn Jahren, wurde die australische Band gefeiert für ihren psychedelischen Rock, der an die wilden Eskapaden der späten Sechziger erinnerte. Dann sattelte Kevin Parker (der im Grund Tame Impala ist, plus ein paar Live-Musiker für die Konzerte) auf verwaschenen Synthie-Pop um, der mit den Jahren immer klarer und gefälliger wurde - es ist, als sähe man jemandem über Jahre dabei zu, wie er extrem langsam aufwacht und zu sich kommt. Jetzt erscheint das neue Album "Slow Rush", und Parker traut sich gradlinige Songs, die in ihrer Achtziger-Synthie-Plastikhaftigkeit fast an Kool & The Gang erinnern (wirklich!). Psychedelisch ist da nicht mehr viel. Dafür könnte die Single "Lost In Yesterday" ohne weiteres bei einer Champagner-Party im Yachthafen laufen.

Man vergisst leicht, dass Lil Wayne einer der erfolgreichsten Musiker der Welt ist. Die Skandale überstrahlen zu oft die Verkaufszahlen, Polizeibesuch hier, Drogenfunde da, Streit mit anderen Rappern, dazwischen die Ankündigung, sofort mit der Musik aufzuhören, ein paar Tage darauf dann doch eine neue Single - ein ziemliches Karussell. Aber der Mann macht dann doch wenig falsch, angeblich hat er über 100 Millionen Platten verkauft, mit den Alben der "Tha Carter"-Reihe belegte er jedes Mal Platz 1 der amerikanischen Charts. Jetzt erscheint das lang angekündigte Werk "Funeral": 24 gut abgehangene Hip-Hop-Songs, die nach hier und heute klingen, aber doch nicht gerade aus der Flut der Neuheiten herausragen. Im Internet murren die ersten Fans schon, der Meister habe den Faden verloren. Da ist was dran. "Funeral" drückt und schiebt zwar an den richtigen Stellen, aber wie auf Autopilot. Immer ordentlich Autotune-Effekt auf der Stimme, aber gute Zeilen oder griffige Refrains muss man sehr suchen. Immerhin - wie Dwayne Michael Carter Jr. es schafft, seine High-Speed-Raps bei aller Hektik völlig entspannt, ja fast dahingemurmelt klingen zu lassen, das hat immer noch eine gewisse Souveränität. Aber etwas frische Energie könnte ihm nicht schaden.

Seit dem Erfolgsalbum "American Idiot" sehen viele das Trio Green Day als politische Band: Punkrock mit revolutionärem Herzblut und harten Worten für die Unfähigkeiten amerikanischer Präsidenten. Jetzt, während die Welt fassungslos zusieht, wie das Land auf die Wiederwahl von Donald Trump zustolpert, wäre also der ideale Moment, so etwas wie "American Idiot Part 2" zu veröffentlichen. Aber im Gegenteil, jetzt haben sie "Father Of All Motherfuckers" veröffentlicht. Blanker Eskapismus, Partypunk, zehn Songs, nicht mal eine halbe Stunde insgesamt, darunter Spaßtitel wie "Meet Me On The Roof" und "I Was A Teenage Teenager". Man könnte meinen, die drei Musiker, alle auch schon knapp 50, versuchen per Jugenderinnerung unter ihrer Midlife Crisis durchzutauchen. Falls es so sein sollte, kriegen sie das aber ganz würdevoll hin. Die Melodien sind gut, der Druck stimmt, und in den besten Momenten passt, was der NME vor Kurzem schrieb: Green Day wirken wie "the love child of AC/DC and the Arctic Monkeys". Sollte Trump die Wahl verlieren, wäre das hier eine gute Platte, um am 3. November zu feiern.

Übrigens: Nächste Woche erscheint ein neues Album von Ozzy Osbourne, und Ozzyaner, die es wirklich ernst meinen, dürfen es schon vorher bei "Pre-Listening Partys" hören. In mehr als 50 Städten können sich Fans Ozzy-Tätowierungen stechen lassen und dafür vorab die neuen Songs hören. Ob man sie gleich zweimal hören darf, wenn man sich dafür einen lebensechten Ozzy ins Gesicht tätowieren lässt?

© SZ vom 12.02.2020
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