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Popkolumne:Bitte sehr freundlich

Die Band "Gender Roles" behauptet, Punk zu spielen, ist aber weder aggressiv, noch anti und Songwriter Justin Vernon ist vom eigenen Erfolg überrascht.

Findet er allmählich seinen Frieden? Vor 13 Jahren hat sich der verschrobene Amerikaner Justin Vernon mit seiner Gitarre in die Wälder von Wisconsin verzogen und dann unter dem Namen Bon Iver das wunderschöne Album "For Emma, Forever Ago" veröffentlicht - behutsamer, sehr eigenwilliger Folk-Pop, mit dem er so viel Erfolg fand, dass der Waldschrat ein bisschen erschrak. In der Folge entfernte er sich vom Sound seines Debüts so weit er konnte, stellte die Gitarre weg, benutzte Synthesizer, zerhackte alles im Computer, bis jede Spur der Gefälligkeit getilgt war. Das war zum Teil sagenhaft lästig, weil man ja hörte: Der Mann hat klassisch schöne Songs geschrieben, traut sich aber nicht, sie geradeaus zu spielen. Auf seinem neuen Album "i,i" (Jagjaguwar), das jetzt als CD erscheint (als Download ist es bereits seit kurzem verfügbar), findet er endlich eine ganz entspannte Mitte. Sicher, hier und da knirscht's wieder digital, aber dann kommen auch Momente, in denen er sich die Dekonstruktion spart: "Hey, Ma" ist großer, schwelgerischer Pop, "U (Man Like)" eine verträumte Miniatur und "Faith" gerät ihm fast so hymnisch, dass es auch von Coldplay sein könnte (keine Sorge, er zerfasert es schon noch genug). Nach all den Jahren klingt Justin Vernon, als würde er sich gerade ganz wohl fühlen. Erfreulich.

Geht der Bandname Gender Roles noch als guter Gag durch oder ist das schon zu bedacht zu sehr Proseminar Gender Studies? Wie auch immer, das Debütalbum "Prang" (Big Scary Monsters) des englischen Trios hat zum Glück wenig mit Theorie zu tun, geht eher in die Vollen: scharfkantiger Gitarrenpop, den die Band selbst leicht irritierend als Punk bezeichnet. Dabei ist hier gar nichts aggressiv oder anti, im Gegenteil, manche der präzisen Songs klingen nach der Inspiration, auf die The Strokes seit Jahren warten. Viel Laut-leise-Dynamik, akzentuierte Gitarren, ausgetüftelte Breaks. Und große Refrains zum Arme-Ausbreiten, bei denen alles ein bisschen ins Fliegen gerät, vor allem im Hit "Hey With Two Whys".

Und noch eine Empfehlung: Wer wissen will, was Perry Farrell über Gesichts-Tattoos denkt, ob Courtney Barnett etwas mit Rugby anfangen kann oder wie es Billie Eilish mit, ähem, dem Stuhlgang hält, möge sich die schöne Rubrik "Over/Under" des amerikanischen Online-Musikmagazins Pitchfork ansehen. Da werden Menschen vor der Kamera nach allerlei Stichworten gefragt, verbunden mit der Bitte, das Genannte einzuteilen in "Überschätzt" und "Unterschätzt". Zwischen den einzelnen Fragen gibt es nicht den geringsten Zusammenhang, die Befragten sind oft verdutzt, was ihnen da so hingeworfen wird, aber finden dann immer zu überraschenden Antworten, Einsichten, Anekdoten. Und der Jubel, in den die umjubelte Billie Eilish beim genannten Stichwort ausbricht... nun, wie gesagt: selber ansehen.

© SZ vom 28.08.2019

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