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Popkolumne:Aus dem Gips ausbrechen

In der Krise wird mehr Musik gestreamt denn je, so eine Studie. Außerdem: neue Alben von Badly Drawn Boy, den Allesrechtmachern "The 1975" und Nídia.

Gute Nachrichten für die durch Covid-19 gebeutelte Musikindustrie. Die Menschen hören wieder mehr Musik! Zumindest streamen sie fleißig. Eine repräsentative Umfrage der amerikanischen Billboard-Charts und Nielsen Music stellte fest, dass während der letzten Wochen mehr Leute als sonst ein Streaming-Abo abgeschlossen haben. Aber damit nicht genug: Die Umfrage fand außerdem heraus, dass sich mehr Menschen als zuvor mit neuer und für sie unbekannter Musik beschäftigten. Spannend - angesichts des gerade überall hochkochenden Verlangens nach altbekannten und vermeintlich besseren Verhältnissen. Die Leute wollen also weiter neues Zeug. Gut. Dann müssen wir es nur noch schaffen, dass aus den Spotify-Streams, den Instagram-Live-Shows und den DJ-Abenden aus leeren Clubkellern mehr Geld bei den Künstlern und Künstlerinnen ankommt, bevor sie alle pleite sind. Das wären dann in der Tat mal gute Neuigkeiten.

Damon Gough, besser bekannt als Badly Drawn Boy, noch besser bekannt als schluffigster Wollmützenträger des Indie-Pops der Nullerjahre, hat ein neues Album veröffentlicht. "Banana Skin Shoes" (One Last Fruit/Rough Trade) ist seine erste Platte seit 2010 und sie fiepst, rumpelt und schwelgt wie zu besten "Born in the U.K."-Zeiten. Auch die obligatorische Wollmütze trägt Gough auf den aktuellen Pressefotos noch immer bis knapp über die Augenbrauen gezogen. Der DIY-Tüftler hat das vergangene Jahrzehnt dafür genutzt, um seine ohnehin schon eklektische Soundpalette noch ein bisschen aufzumotzen. Der Titeltrack klingt, als wäre mitten im Zusammenschneiden von drei unterschiedlichen Funk-Stücken die Musikbearbeitungssoftware abgestürzt. Es glitzert, quietscht und groovt, während Gough davon singt, aus dem Gips auszubrechen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ein schöner, überbordender Pop-Song. Und eine Mogelpackung. Denn das, was folgt, ist eine ganze Breitseite Vergangenheit. Auf "Banana Skin Shoes" verarbeitet Gough die vergangenen Jahre in Songs: Trennung, Alkoholismus, neue Beziehung, Geburt. Das Ergebnis ist ein Pop-Flickenteppich, der sich schnell als Staubfänger entpuppt. Und der zwischen nostalgischen Manchester-Episoden ("Tony Wilson Said") und phrasenschweren Texten keine echte Tiefe entwickeln kann.

Das sieht bei The 1975 ganz anders aus. Deren neues Album "Notes On a Conditional Form" (Dirty Hit/Polydor Records) geht gleich mit dem Intro in die Vollen. Zu tröpfelndem Piano warnt Greta Thunberg vor der Klimakatastrophe und fordert Handlungen: "There are no grey areas when it comes to survival." Es sei jetzt Zeit für zivilen Ungehorsam, schließt sie, Zeit für eine Rebellion. Und wie auf Kommando schreit Sänger Matthew Healy dann im nächsten Song "People" auch gleich los: "Wakeupwakeupwakeup!!!". Diese ersten Minuten von "Notes On a Conditional Form" fassen das Unbehagen mit dieser jungen und unglaublich erfolgreichen britischen Band sehr gut zusammen: Die Intentionen sind gut, aber die Umsetzung klingt bei The 1975 eher nach durchgeplanter Marketingstrategie statt nach Revolution. Der empörte Aufschrei zum Auftakt bleibt ein Einzelfall. Und der Emo-Rock von "People" löst sich auf in ein episches Hollywood-Streicher-Intermezzo. Es folgen, in der Reihenfolge ihrer Auftritte: Dubstep, Country, EDM, After-Hours-Lounge-Jazz, Gospel, Autotune-R'n'B. Apokalyptisch ist hier nicht nur Gretas Botschaft. "Notes on a Conditional Form" steht am Ende der Pop-Geschichte. Ein vermeintlich grenzüberschreitender Ritt durch alle erdenklichen Genres - aber jeweils fein säuberlich und trennscharf zum Einzelverkauf verpackt. Ein Band gewordener "Das könnte Ihnen auch gefallen"-Algorithmus. Greta hat recht. Es gibt keine Grauzone. Angesichts dieser Musik kann man nur erschaudern oder erstaunen.

Nídia hingegen spielt Musik zum Tanzen, auch wenn die in Lissabon und Bordeaux lebende DJ und Produzentin die Schlagfrequenz auf ihrem zweiten Album "Não Fales Nela Que A Mentes" (Príncipe) verringert hat. Im Zentrum steht noch immer Kuduro, ein energiegeladener angolanischer Tanz- und Musikstil, der traditionelle afrikanische Perkussion mit Techno- oder House-Beats verschmilzt. Auf ihrer neuen Platte intensiviert Nídia ihren Sound, indem sie Leerstellen lässt. Zwischen den rohen Beatstrukturen kann so in jedem Track ein anderer Bestandteil strahlen: die karibischen Trommeln in "Intro", die Arabesken von "Popo", die 8-Bit-Einsprengsel in "Tarraxo Do Guetto" oder die Fanfaren in "Emotions". Auch eine Reise durch Genres. Aber eine, die verbindet und dadurch Neues schafft.

© SZ vom 20.05.2020

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