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Popkolumne:Apathie und Wahnsinn

Mit neuer Musik des Rappers Danny Brown, der New Yorker Indie-Band DIIV und der kanadisch-kolumbianischen Sängerin Tei Shi - sowie der Antwort auf die Frage, wieso Frank Ocean im Moment am meisten das Lügen interessiert.

"It's gonna be a big deal", hatte schon vor zwei Jahren Danny Brown angekündigt, eine ganz große Sache sollte es werden, sein neues Album, eine Kooperation mit einer Hip-Hop-Legende. Auch wenn man nicht jede großspurige Aussage des Rappers für voll nehmen muss, in diesem Fall ist er den Erwartungen gerecht geworden: Produziert wurde "uknowhatimsayin¿" (Warp) von niemand geringerem als Q-Tip, Kopf von A Tribe Called Quest. Brown zeigt sich hier wieder als Gonzo-Großmaul des amerikanischen Hip-Hop: Auf den Zuhörer prasseln verquere Wortkaskaden ein, die in mal Cartoon-, mal in Stand-up-Comedy-haften und mal in komplett manischen Erzählsequenzen von Sex, Drogen und einem Alltag zwischen Apathie und Wahnsinn erzählen. Eingebettet wird die Erzählwut von Q-Tips Beats und Sample-Schichten, die gleichzeitig an den funky Oldschool-Sound der Neunziger anknüpfen und trotzdem herrlich herausfordernd sind, die brummen und sirren und stolpern und knarren wie alte Stoßdämpfer auf ausgebeultem Asphalt. In der Single "Dirty Laundry" etwa. Das ist vielleicht das Erstaunlichste an dieser Platte: Browns Fiebertraum-Raps vertragen ziemlich viel Funk.

Großes Theater hat unterdessen am Wochenende ein anderer Rapper in New York aufgeführt: Eigentlich war die Veröffentlichung seines neuen Albums "Jesus Is King" angekündigt worden, stattdessen gab Kanye West mit jener chaotischen Improvisationswut, die bei ihm mittlerweile zur Routine geworden ist, ein Happening ab, irgendwo zwischen Gospel-Sonntagsmesse und Listening-Session. Besonders deutlich zeigte sich darin noch einmal Wests Vision für den Pop der Zukunft: weg vom Tonträger, hin zum ultraspirituellen, ultraexklusiven Event, dass die Sehnsüchte des modernen, digitalen Menschen viel besser zu spiegeln scheint, vor allem aber auch Kanyes eigene psychische Instabilität. Ob das Album wirklich fertig ist, oder noch ein Work-in-Progress, weiß derweil womöglich nicht mal er selbst. Ernst meint er es auf jeden Fall gerade mit seiner Version zeitgenössischer Kirchenmusik: Kein einziges Schimpfwort, heißt es, soll in den Texten vorkommen.

Eine harte Zeit hat auch Zachary Cole Smith, Sänger und kreatives Schaltzentrum der New Yorker Band DIIV, hinter sich: Nach einem ordentlichen Debüt tat sich Smith erst vor allem als eifriger Heroin-Junkie nach Cobain'schen Vorbild hervor, dann als toller Melodienerfinder und Gitarrist, der seine Erfahrungen auf dem weitverzweigten, wunderbar launischen, abwechselnd warm- und kühlströmenden zweiten Album der Band, "Is The Is Are", verarbeitet, um dann in den vergangenen Jahren durch die Drogenentzugshölle zu gehen. Folglich ist die neue Platte "Deceiver" (Captured Tracks) um einiges düsterer und introspektiver geraten: Die Gitarren kreisen immer noch unermüdlich, diesmal allerdings mehr in Richtung Noise-Rock und Shoegaze. Manchmal klingt es, als könnte sich Smith nicht entscheiden, ob er eine Hommage an My Bloody Valentine aufführen oder die Band doch lieber bloß parodieren will. Trotzdem schaffen es nicht viele, wie etwa in "Blankenship", mit so viel Dringlichkeit von einem großen Unbehagen zu erzählen, und das im Grunde allein mit Gitarren.

Unbedingt erwähnt werden muss in dieser Woche aber auch "Even If It Hurt", die neue Single von Tei Shi. Für die erste Single ihres kommenden Albums hat sich die kanadisch-kolumbianischen Sängerin mit Blood Orange den Meister des zeitgenössischen, funky gurgelnden Slow-Disco-Grooves als Gast dazu geholt. Herausgekommen ist ein so federleicht schwebender und seidener Song, dass man das Gefühl hat, Tei Shi habe die moderne R'n'B-Ballade noch einmal so verschlankt, dass man sich einen noch zarteren, geschmeidigeren Popsong fast gar nicht mehr vorstellen kann.

Wann ist Popmusik eigentlich besser? Wenn sie ehrlich von Verletzlichkeit erzählt? Oder wenn sie für uns die allerschönsten Illusionen aufführt? Darauf hat Frank Ocean geantwortet. Ausgerechnet der amerikanische Rapper, der das Bekenntnis-Songwriting für die Internet-Generation neu erfunden hat, erzählte dem amerikanisches Modemagazin "W": "Ich habe lange daran geglaubt, dass Stärke darin liegt, Verletzlichkeit zu zeigen. Das tue ich nicht mehr. Stattdessen hatte ich eine andere Erkenntnis: Es ist alleine meine Entscheidung, welche Geschichte ich erzählen will. Um die Erwartungen der Fans zu erfüllen, müsste ich vor aller Welt mein Herz ausschütten. Im Moment interessiert mich das Lügen aber viel mehr. Was ich will, ist eine Fantasie, so groß wie ein ganzer Spielfilm."