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Popkolumne:An den Pforten der Coolness

Diesmal mit famoser neuer Musik von DJ Diaki, "Purr", Agnes Obel und dem einstigen "Sonic Youth"-Gitarristen Lee Ranaldo - sowie der Antwort auf die Frage, wie man auf der Tanzfläche bei maximaler Ekstase absolute Ruhe erfährt.

Von Julian Dörr

Man muss überhaupt nichts neu machen im Pop, um alles richtig zu machen. Den Beweis für diese Hypothese liefert einmal mehr ein Debütalbum aus New York. Es stammt vom Psych-Pop-Duo Purr und trägt den verschmitzten Titel "Like New" (Anti). Purr, das sind Eliza Callahan und Jack Staffen, zwei geborene New Yorker Anfang 20. Die beiden haben offensichtlich jede Menge The Shins gehört und ihr Harmonieverständnis an Shins-Kopf James Mercers melodischen Hakenschlägen geschult. Die zweite Pop-Regel, die Purr damit belegen lautet entsprechend: Wenn die Melodien stimmen, kommt man mit allem durch. Und wie die auf "Like New" stimmen! Die Wendungen in diesen Mid-Tempo-Indie-Schwofern sind fein gearbeitet und strahlen erhaben. Große Pophandwerkskunst - wie der famos fließende Refrain von "Gates Of Cool", in dem sich Callahans Stimme erst zu höchsten Tönen emporschwingt, dann in einen herzzerreißenden Dur-Moll-Wechsel kippt, nur um am Ende sanft auf einem lautmalerischen Ba-Ba-Ba-Bett zu landen. "I want to be here / The gates of cool / Will they receive me / or play the fool?" Die Pforten der Coolness sollten sich öffnen.

Die in Berlin lebende dänische Künstlerin Agnes Obel ist für ihr neues Album "Myopia" (Deutsche Grammophon) vom Indie-Label PIAS zum Klassik-Label Deutsche Grammophon gewechselt. Was ein perfektes Spiegelbild ist für den Spannungsraum, in dem sich ihre Musik bewegt. Die flimmert schließlich zwischen der Gefühlsüberwältigung des Singer-Songwriter-Daseins und den zwar mühevoll konstruierten, aber oft etwas verschlafenen Klangwelten der Neuen Klassik, die in etwa so viel Aufregung sind wie Farbe, die langsam auf einer Leinwand trocknet. Auch "Myopia" geht in seinen schwächeren Momenten als gefällige Soundtapete für dramatische Serienmomente durch - nicht umsonst sind Agnes-Obel-Songs mittlerweile Stammgäste auf den Soundtracks der Großproduktionen von Netflix bis Amazon. In den besten Momenten allerdings, etwa auf Songs wie "Island Of Doom" oder "Can't Be", wirft Obel ihre wirklich außergewöhnliche Stimme gedoppelt, verfremdet und aufgetürmt gegen das in mehrere Lagen dämmende Steinwolle eingeschlagene Piano. Und verschmilzt das Beste aus zwei Welten.

DJ Diaki aus Sanakoroba, einer Kleinstadt in der Nähe der malischen Hauptstadt Bamako, ist einer der Gründerväter von Balani Show, einer Spielart elektronischer Musik, die in den späten Neunzigerjahren in Mali entstanden ist. Balani-Show-DJs spielten Kassetten auf ihren Soundsystemen und mischten live Beats mit Hilfe von Drum-Pads und Drum-Computern dazu. Das ugandische Label Nyege Nyege Tapes, seit einigen Jahren Heimat für innovative elektronische Musik abseits der Clubkulturen des globalen Nordens, veröffentlicht nun Diakis neues Album "Balani Fou" (Nyege Nyege Tapes). Verrückter Balani, so nennt der DJ seine Musik, und so klingt sie auch: Tanzmusik in Höchstgeschwindigkeit. Die Drums krachen stoisch in atemberaubendem Tempo, Loops und Samples fliegen einem so schnell um die Ohren, dass man sie kaum wahrnehmen kann. "Balani Fou" fegt einem das Hirn leer und schafft einen dieser magischen Momente, nach denen man sich auf der Tanzfläche oft vergeblich sehnt: absolute Ruhe bei maximaler Ekstase.

Auf dem neuen Album Lee Ranaldos, das in Zusammenarbeit mit dem spanischen Produzenten Raül Refree entstanden ist, fehlt meist genau das, wofür der ehemalige Sonic-Youth-Gitarrist berühmt ist: Gitarren. Dafür gibt es auf "Names Of North End Women" (Mute) jede Menge Klänge aus dem musikalischen Geräteschuppen. Aufnahmen von knallenden Türen, zum Beispiel. Die hat Ranaldo - neben anderen Artefakten - auf alten Bändern gefunden und darum ein Album gebaut. Was nach langweilig-verkopfter Selbstmusealisierung eines alten Helden klingt, hat beim Hören doch einen ganz eigenen Reiz, weil "Names Of North End Women" neben all den Störgeräuschen, Field Recordings und Bandrauschen einen unbezwingbaren Willen zur Pop-Süße offenbart. Ranaldo und Refree verstehen ihre Songs dabei als Teamarbeit. In "Words Out Of The Haze" wird die Melodie wie ein Staffelholz weitergereicht. Erst wird sie von einer geklöppelten Marimba getragen, dann übernimmt der Sprechgesang von Ranaldo, der weiter gibt an eine der seltenen verzerrten E-Gitarren, bevor ein gesampleter Chor die Sache über die Ziellinie bringt. Das ist immer flüchtig und niemals konkret. Und trotzdem am Ende ganz schön Pop.

© SZ vom 19.02.2020
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