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Popkolumne:Auf die Zukunft, es lebe der Pop!

Es ist "List Season", Zeit für Bestenlisten und Jahresrückblicke also. Eine kleine Bilanz der großen Pop-Bilanzen.

Von Jens-Christian Rabe

List Season wird im Pop die fünfte Jahreszeit genannt, die letzten Wochen bis zum neuen Jahr, in denen die Kritiker der Musikzeitschriften und Online-Pop-Magazine ihre zehn, 20, 50 oder 100 Alben und Songs des Jahres küren. Keine Kunst führt so akribisch und kollektiv Buch über die Qualität seiner Jahresproduktion. Für manche ist das der Kleinkrämer-Horror des internationalen Pop-Geschmäcklertums schlechthin. Für die anderen die ganz große, unverzichtbare Kulturbilanzpressekonferenz. Wenn einen an Pop nicht nur der eigene, seit Jahrzehnten betonierte Musikgeschmack interessiert, dann ermöglicht es die List-Season in der Zusammenschau tatsächlich nicht nur, grandiose Musik zu entdecken, die man überhört hat, man bekommt auch einen tiefenscharfen Blick auf den Stand des Pop und seiner Rezeption. Blick man zurück auf die vergangenen zwei Jahrzehnte stellt man etwa fest, dass sich die Kritik über die auch heute noch als wegweisend betrachteten und populären Pop-Alben meist ziemlich einig war. Zauber der Schwarmintelligenz. Eine kleine Bilanz der großen Bilanzen - und ein paar Ergänzungen Ihrer Popkolumne des Vertrauens:

Im Indie-Pop war es unübersehbar ein großes Jahr der Frauen, die famosen neuen Platten von Soccer Mommy, Adrienne Lenker, Haim, Waxahatchee, U.S. Girls und Phoebe Bridgers landeten alle fast überall, von Guardian über Pitchfork bis zu Musikexpress und Rolling Stone, sehr weit vorne in den Listen. Und ganz vorne steht zudem meist Fiona Apples trotzige Introspektion "Fetch The Bolt Cutters", das vermutlich, würde man alle Listen aggregieren, so etwas wie das Album der Alben des Jahres werden würde.

Beim Song des Jahres ist die Lage unübersichtlicher. Die Versuche, aus der Corona-Krise einen Hit zu gießen, misslangen eigentlich allesamt. Dafür gab es mit "WAP" der Rapperinnen Cardi B und Megan Thee Stallion postpostmodernen Feminismus als Pussy-Power-Stadion-Trap-Sommerhit. Ein glorioses Zeichengewitter. Für die beste Playlist des Jahres sei dazu noch empfohlen Bon Ivers große Trosthymne "AUATC", Haiytis "La La Land", Anderson Paaks "Cut Em In", "Heat Waves" von den Glass Animals, "Overlord" von den Dirty Projectors und Brent Faiyaz' "Fuck The World".

In der Kategorie "Comeback eines Uraltstars" gewinnt in diesem Jahr ganz locker Bob Dylan, dem mit "Rough And Rowdy Ways" noch einmal ein ganz großes, grandios minimalistisch angerumpeltes, herzerweichend zärtliches Spätwerk gelang. Man höre nur "False Prophet" oder "My Own Version Of You".

Die beiden großen politischen, von den Black-Lives-Matter-Protesten inspirierten Alben waren ohne Zweifel "Untitled (Black Is)" des britischen Neo-Soul-Kollektivs Sault und "RTJ4" des New Yorker Rap-Duos Run The Jewels. Zornig, traurig, nachdenklich, funky - Musik die an der Gegenwart verzweifelt und doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht aufgeben mag.

Im Highscore-Superstar-Regal glänzten Taylor Swift mit ihrem durchaus geglückten Indiefolk-Pop-Versuch "Folklore" und die britische Sängerin Dua Lipa mit ihrem Neo-Disco-Album "Future Nostalgia", das mit "Don't Start Now" und "Levitating" mindestens zwei Gute-Laune-Monster-Ohrwürmer enthielt, die man sofort wieder vergisst, nachdem man sie gehört hat. Einerseits. Andererseits denkt man auch an nicht viel anderes, wenn man sie gerade hört. Dass sie in diesem Jahr sehr, sehr häufig zu hören waren, leuchtete völlig ein.

Mit Blick auf die am 31. Januar in Los Angeles stattfindenden Grammys, die dann so etwas wie der offizielle Abschluss des Pop-Jahres 2020 sind, sei zum Schluss noch auf ein grandioses Youtube-Video hingewiesen. Der Video-Essayist Harrison Renshaw alias Alfo Media hat sich gerade die Mühe gemacht, die Grammy-Nominierungen der vergangenen Dekade in der angesehensten Kategorie, dem "Album des Jahres", abzugleichen mit den im jeweiligen Jahr in der List Season von Kritikern und dem allgemeinen Publikum am höchsten bewerteten Alben. Die Bilanz ist ernüchternd und beweist den verbreiteten Eindruck, dass sich die Grammy-Jury über wirklich preiswürdigen Alben eines Jahres leider zu oft täuscht. So waren von der Kritik gefeierte und vom Publikum geliebte Alben wie etwa Kanye Wests "808 & Heartbreak" (2010) und sein Nachfolger "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" (2011), das unbetitelte Debüt von The XX (2010) oder D'Angelos "Black Messiah" (2015) seinerzeit nicht einmal nominiert.

Andere Pop-Meisterwerke des Jahrzehnts wie Beyoncés "Lemonade", Frank Oceans "Channel Orange" oder Kendrick Lamars "To Pimp A Butterfly" verloren gegen Alben, an die sich zu Recht längst niemand mehr erinnert. Nachdem es im vergangenen Jahr mit Billie Eilishs Debüt "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" mal wieder einen hochverdienten Sieger gab, sieht es nun wieder düsterer aus. Von den oben genannten Platten, sind nur Dua Lipas "Future Nostalgia" und Taylor Swifts "Folklore" nominiert. Beide sehr gelungen, keine Frage, die echten Akzente, siehe oben, setzten dieses Jahr im Pop trotzdem andere. Aber was soll's, mit "Kill Them With Kindness" von den Idles, der besten jungen Post-Punk-Band der Welt, kommt man auch darüber hinweg. Auf die Zukunft, es lebe der Pop!

© SZ/biaz
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