bedeckt München

Popkolumne:745, 94 Millionen

Cover Popkol 110718

Neue Musik von Mattiel Brown, Rick Astley und den Cowboy Junkies - sowie die Antwort auf die Frage, welche Pop-Rekorde Drake gebrochen hat.

Von Max Fellmann

Rekorde, Rekorde, Rekorde: "Scorpion", das neue Album des Rappers Drake, ist sein achtes Album in Folge, das in den USA direkt auf den ersten Platz 1 der Charts kam - er zieht jetzt gleich mit Kanye West und Eminem, nur Jay-Z liegt mit elf Mal Nummer eins in Folge noch vor ihm. Alle 25 Songs des Albums stehen in den Top 100 der Billboard Charts, sieben davon in den Top Ten. Die 25 Songs haben zusammen so viele Streaming-Abrufe wie nie ein Album zuvor: 745, 94 Millionen allein in den USA, in der ersten Woche. Weltweit waren es sogar mehr als eine Milliarde. Erstaunlich ist in dem Zusammenhang aber auch eine andere Zahl: Der Verkauf in traditioneller Form, also auf CD oder Vinyl, lag nach einer Woche bei 160 000 Stück. Nur mal so als Milchmädchenrechnung: Hätte Drake die Milliarde Streaming-Abrufe in Form von Tonträgern verkauft, dann wäre das eine Milliarde, geteilt durch 25 Songs, also 40 Millionen Alben. In einer Woche.

Dieses Wochenende könnte man mal wieder ins Atomic Café gehen. Ach nein, existiert ja nicht mehr. Seufz. Gäbe es den Münchner Club noch, dann müsste da bald Mattiel auf dem Programmzettel stehen. Eine Sängerin aus Atlanta, voller Name Mattiel Brown, aufgewachsen auf einer Farm, tagsüber Grafikerin, abends Musikerin, eine Frau mit großer Liebe zum Klang und zur Attitüde der Sechziger. Ihr Debüt heißt auch "Mattiel" (Heavenly Recordings) und klingt in den besten Momenten so, als würde Nancy Sinatra bei den Black Keys singen. Es rumpelt und pumpelt und raschelt und dengelt, Fuzz-Gitarren und fiepsige Orgeln, dazu die Stimme, die immer wieder mal wacklige Intonation mit umso größerem Enthusiasmus ausgleicht. Zum besten Song "Bye Bye", so eine Art Iggy-Pop-Schüttler, gibt's ein nettes Video, in dem die Sängerin mit zwei Freunden herrlich sinnlos in der Wüste herumfährt. Musik, die gut in einen etwas zu heißen Raum passen würde, mit mäßiger Beleuchtung und vielen tanzenden Leuten, dazu ein Wodka Orange in der Hand. Ach, dieses Wochenende könnte man echt mal wieder ins Atomic Café gehen.

Warum ausgerechnet Rick Astley zu einem der größten Witze im Internet wurde, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht lag es ja daran, dass er in seiner großen Zeit, den späten Achtzigern, als besonders weicher, harmloser Kerl galt, also: ein gutes Ziel für Scherze. In den vergangenen Jahren machten sich Programmierer und Webseitengestalter auf jeden Fall sehr oft den Spaß, mit einem Link irgendetwas Großartiges anzukündigen, wenn man dann aber draufklickte, landete man immer auf demselben Video: Rick Astleys Überhit "Never Gonna Give You Up". Das "April, April" des Internets. Er selbst äußerte sich zu dem Quatsch ratlos, aber amüsiert. Und dass der am besten lacht, der zuletzt lacht, bewies er dann im vergangenen Sommer bei einem Konzert der Foo Fighters: Da kam er auf die Bühne, die Band spielte ein Intro, das an "Smells Like Teen Spirit" erinnerte - und dann warfen sich alle zusammen mit dem größten Vergnügen in "Never Gonna Give You Up". Der Internet-Witz hatte seinen Weg auf die Bühne gefunden, und Tausende bejubelten Astley. Der Mann hat bei all dem eine so souveräne und sympathische Figur abgegeben, dass man sogar sein neues Album "Beautiful Life" (BMG) mit Nachsicht hört. Das ist beileibe kein Meisterwerk, ein paar mittelmäßige Tanznummern, erstaunlich viele Schmachtfetzen, so eine Art Playmobil-Version von Soul, bei der man automatisch Bilder vom ZDF-Fernsehgarten vor Augen hat. Aber am Ende gibt es doch nichts Sympathischeres als jemanden, der seine Grenzen kennt und über sich selbst lachen kann. Möge sich sein Album glänzend verkaufen.

Die Cowboy Junkies aus Toronto spielten schon Indie-Country-Folk, als noch niemand auch nur darüber nachdachte, Etiketten wie "Alt-Country" oder "Americana" zu erfinden. Seit vielen Jahren produziert die Band geschmackvolle Holzterrassenmusik, die immer sehr in Ordnung ist, und doch nie zu Freudensprüngen verleitet. Das gilt auch für das neue Album "All That Reckoning" (Proper Records). Sylvie Simmons, eine der wichtigen Stimmen der englischen Musikkritik, hat dem Album im Magazin Mojo gerade die volle Punktzahl gegeben - und dann geschrieben, das sei alles schön und gut und, äh, ja, viel mehr wusste sie dann eben nicht zu sagen. So hört man also diesen nicht mehr ganz jungen Menschen zu, wie sie behutsame Lieder über das menschliche Miteinander in die Luft tupfen, hier wird eine Gitarre gestreichelt, dort eine Trommel, Sängerin Margo Timmins lässt ihren dunklen Alt durch den Raum schweben, und manchmal gerät es so sakral, dass man denkt, man sollte dazu Kerzen in einer einsamen Kirche aufstellen.

© SZ vom 11.07.2018
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