Pop Zurück zur rechten Zeit

In ihrer großen Zeit waren die "Specials" viel mehr als die beste Ska-Punk-Band der Welt - sie waren Superhelden im Kampf gegen den Rassismus. Jetzt gibt es nach 18 Jahren ein neues Studioalbum.

Von Torsten Groß

Das Bild, das den Status der britischen 2-Tone-Veteranen The Specials während der vergangenen Jahre am eindringlichsten beschreibt, ist ein Foto einer Konfrontation, das um die Welt ging. Es zeigt die 20-jährige Aktivistin Saffiyah Khan, die sich im April 2017, während eines Aufmarschs der English Defence League in ihrer Heimatstadt Birmingham, Ian Crossland entgegenstellt, einem zentralen Mitglied der rechtsextremen Vereinigung. Khan scheut die Auseinandersetzung mit dem zu gleichen Teilen hasserfüllt und verdutzt guckenden Mann nicht. Sie lächelt, wirkt frei von Angst, weicht keinen Millimeter. Und sie trägt dabei: ein The Specials-T-Shirt.

Dass popkulturelle Symbole, ihrer eigentlichen Bedeutung enthoben, ein Eigenleben entwickeln, kennt man von den Ramones, Motörhead oder dem FC St. Pauli. Auch die Specials sind in den langen Jahren, in denen keine neue Musik von ihnen erschien, zu einer Art Marke geworden, was nicht zuletzt den ikonischen Designs geschuldet ist, die die Gestalter John Sims und David Storey damals nach den Vorgaben des Specials-Gründers Jerry Dammers entwarfen. Der Sportartikelhersteller Fred Perry widmete den Specials zu einer Zeit limitierte Sondereditionen, als diese gar nicht aktiv waren. Dennoch: Saffiyah Khan hat die Band bereits als Teenager entdeckt, sie hat das T-Shirt an jenem Morgen nicht ausgewählt, weil es so gut zu ihrer Jeansjacke passte.

In ihrer großen Zeit - also der eigentlich lächerlich kurzen, aber maximal aufgeheizten Phase zwischen 1979 und 1980 - standen die Specials für mehr als nur Ska-geschulten Post-Punk, wie er mit Hits wie "A Message To You Rudy" oder "Ghost Town" auf den Punkt gebracht wurde. Keyboarder Dammers hatte die Band 1977 in Coventry gegründet. Gemeinsam mit Madness, The Selecter, Bad Manners und anderen zunächst überwiegend auf dem ebenfalls von Jerry Dammers betriebenen Label 2 Tone veröffentlichten Bands vertraten die Specials - neben Dammers vor allem der Bassist Horace Panter, die Vokalisten Terry Hall und Neville Staple, der Gitarrist Lynval Golding - von Anfang an eine explizit antirassistische Agenda. Die zuvor ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe "Rock Against Racism" war für die Gründung von 2 Tone ein Initialmoment, das Label verstand sich als Reaktion auf die gesellschaftlichen Spannungen und den Rassismus im damaligen England. Die Szene basierte auf der kulturellen Zusammenarbeit der Nachkommen afrokaribischer Einwanderer und weißer Engländer, integrierte Punk, Ska, Reggae, Rocksteady und Post-Punk und wurde vor allem von linken Skinheads und sogenannten Rude Boys gehört.

"Als wir angefangen haben, gab es keine Teilhabe, keinen Zugang. Der einzige Weg, Gehör für politische Themen zu finden, war, eine Band zu gründen", sagt Terry Hall im Dezember 2018. Und vielleicht liegt es ja tatsächlich an dem aus diesen Worten sprechenden und für die Post-Punk-Generation so prägenden DIY-Geist, dass das politische Momentum der 2-Tone-Jahre für die heutige Generation junger Aktivisten überhaupt noch irgendeine Bedeutung hat. Zumal die Vorzeichen in Zeiten von Brexit, Trump und "Me-Too" vergleichbar sind.

Der aktivistische Kern der Band hat die Jahre jedenfalls unbeschadet überstanden: "You may call me a femi-nazi, a femoid and see if I give a stinking shit", mit diesen Zeilen beginnt "10 Commandments", ein Song auf dem neuen Specials-Album "Encore" (Universal), das zugleich die erste Platte der Band seit 38 Jahren ist, auf der Terry Hall singt.

Am Mikrofon hier ist allerdings nicht Hall, sondern besagte Saffiyah Khan, die eine feministische Spoken-Word-Replik auf einen sexistischen Rant des jamaikanischen Ska-Musikers Prince Buster aus dem Jahre 1967 vorträgt, eben die zehn Gebote der Saffiyah Khan.

Die Einladung zur Mitwirkung an dem Song geht auf das berühmte Foto zurück, "10 Commandments" bleibt aber, zumindest musikalisch und personell, der einzige Schulterschluss mit dem aktuellen Zeitgeist auf "Encore". Das Album markiert den vorläufigen Höhepunkt einer langjährigen Wiederannäherungsgeschichte: Nachdem sich die ursprünglichen Specials-Mitglieder zu Beginn der Achtziger hoffnungslos zerstritten hatten, anschließend aber periodisch in Kleingruppen wieder zusammenkamen, lud der Sänger von The Who, Roger Daltrey, die Originalbesetzung 2010 zu seiner jährlichen Wohltätigkeitsveranstaltung Teenage Cancer Trust ein. Zur Überraschung vieler sagten die Specials zu: "Die Probleme, die zwischen uns im Raum standen, hatten wir nie geklärt", sagt Terry Hall. "Nun eine versöhnliche Fortsetzung zu finden, fühlte sich gut an. Wir haben das Konzert sehr genossen und dann einfach immer weitergemacht."

Gut angefühlt hat es sich leider nicht für alle Specials: Ausgerechnet Jerry Dammers war an den ersten Proben noch beteiligt, ist nun aber nicht mehr dabei. Vor einigen Jahren bezeichnete Dammers die Neuformation der Specials als "feindliche Übernahme", er habe sich von den anderen hinausgedrängt gefühlt. Eine Darstellung, der Terry Hall im Interview widerspricht: "Jerry hat uns gesagt, dass er das aus irgendwelchen Gründen nicht machen könne. Wir alle hoffen, dass sich das eines Tages wieder ändert. Es gibt keinerlei böses Blut mehr zwischen uns."

In den vergangenen neun Jahren gaben die Specials immer wieder Konzerte, ohne neue Musik aufzunehmen. Neville Staple verließ die Band 2014 aus gesundheitlichen Gründen, der Gitarrist Roddy Radioation folgte 2014, der Schlagzeuger John Bradbury verstarb 2015. Und so sind es nun vor allem drei Männer, die mit "Encore" nach all den Jahren der sporadischen Live-Aktivität doch noch ein neues Album zustande gebracht haben: Lynval Golding, der Bassist Horace Panter und eben Terry Hall. Vor allem ihm verdankt sich die Aufmerksamkeit, die dieses Album aktuell erregt, er ist der einzige Specials-Musiker, dem mit zahlreichen Projekten und Soloarbeiten auch später noch eine Karriere gelang.

"Encore" basiert musikalisch auf den klassischen Specials-Zutaten, ist aber weniger minimalistisch als die berühmten Alben der Band.

Es beginnt mit einer Überraschung: Die Specials-Version des Equals-Klassikers "Black Skin Blue Eyed Boys" ist mehr Disco und Funk als Ska, auch das folgende "B.L.M." folgt einem zunächst beinahe identischen Disco-Groove. Der Titel steht für Black Lives Matter, Lynval Golding erzählt hier eine von Rassismus geprägte Biografie: Sein jamaikanischer Vater sei dem Ruf Winston Churchills zum Wiederaufbau des kriegszerstörten Englands gefolgt, gesellschaftliche Teilhabe sei dort aber nicht vorgesehen gewesen. Ein markantes Symbol für die Ausgrenzung der sogenannten Gastarbeiter war ein damals weitverbreiteter Aushang mit der Aufschrift: "No dogs. No Irish. No blacks", übrigens auch der Titel einer Biografie des Sex-Pistols-Sängers John Lydon von vor einigen Jahren.

"Johnny hat das Buch aus einer irischen Perspektive geschrieben, Lynval erzählt seine Geschichte aus einer schwarzen, alleine daran kann man sehen, was für ein absurdes, menschenfeindliches Konstrukt Rassismus ist", sagt Terry Hall. Der 59-jährige hat den Stürmen des Lebens getrotzt, das berückende "The Life And Times (Of A Man Called Depression)" erzählt von seiner bipolaren Störung, 2004 unternahm er seinen Selbstmordversuch. Der inzwischen psychisch deutlich stabilere Hall hat die meisten Texte für "Encore" geschrieben, aufgenommen wurde das Album in einem altmodischen Studio, auf demselben Mischpult wurde auch Bob Marleys Klassiker "Exodus" abgemischt. "Es sollte möglichst organisch sein", sagt Hall, "Computer kamen nicht zum Einsatz."

Die Specials kommen aus einer Generation, der die Betonung auf das vermeintlich Handgemachte, Echte wichtig ist. Der damit einhergehende Verzicht auf Computertechnologie gilt bei Hall auch für andere Lebensbereiche. In dem auf rührende Weise altväterlich-schlicht formulierten Song "Breaking Point" singt er: "Social media is a trend, that will send us all around the bend." Den Sänger zermürbt das digitale Dauerprasseln, der dröhnende Hass in den Kommentarspalten: "Was heute im Internet passiert, macht mir Angst", sagt Hall. "Das sollte doch eigentlich ein Ort der Freiheit, ein großartiger Zugang zu Kunst, Musik und Diskursen sein. Stattdessen schafft unsere Gesellschaft sich mit dieser Technologie ab." Vielleicht sollte er sich darüber einmal mit Saffiyah Khan unterhalten.