Pop Stellare Kraft

Nie zuvor und niemals danach hat er sich so in den Sound einer Band fallen lassen: Dylan 1976 während der Rolling-Thunder-Tour.

(Foto: AP)

Scorseses Dokumentarfilm von Bob Dylans sagenumwobener "Rolling Thunder Revue" ist gut, aber erst die große neue CD-Retrospektive der Tour offenbart ihre ganze Wucht.

Von Max Dax

Wenn das Leben aus Storys besteht und doch einen Anfang und ein Ende hat, dann ist die "Rolling Thunder Revue" - die eine Tour, die Bob Dylan Ende 1975 als Superstar in einem Zirkus voller Stars durch den äußersten Nordosten der USA, Toronto und Montreal führte - die Geschichte eines Aufbäumens gegen die Zeit. Dylan bricht, nachdem er im Jahr zuvor die größten Stadien des Landes in der bis heute am schnellsten ausverkauften amerikanischen Tour bespielte, mit aller profitorientierter Vernunft - einmal im Leben. Er begreift die Leerlaufzeiten zwischen Auftritten und die Fahrten zwischen den Konzerthallen nicht als wohlverdiente Pausen, sondern als entscheidende Momente, in denen ein schließlich viereinhalbstündiger Film mit dem Titel "Renaldo & Clara" entstehen wird: Die Rolling Thunder Revue macht Halt an vielen symbolisch aufgeladenen Orten, etwa am Grab von Jack Kerouac in Lowell, Massachusetts, bei Poetry-Lesungen im Folk-Kaffeehaus "The Other End" in New York oder bei einem Mah-Jongg-Turnier älterer Damen in einem Altersheim am Atlantik.

Vielleicht brauchte Dylan das finanzielle Risiko, um seiner Karriere neuen Sinn zu geben

Allen Ginsberg, der Tour-Poet und Kopf der Revue, verfasst jeden Tag ein neues Gedicht, das er als Show-Element neben den Auftritten der Musiker Abend für Abend vor Publikum verliest. Der Dramaturg Sam Shepard ist dabei, um auf Zuruf Impromptu-Dialoge für anstehende Filmszenen zu schreiben, ebenso der Journalist Larry "Ratso" Sloman, der wie Shepard ein Buch über die Ereignisse dieser Herbstreise schreiben wird. Vorbilder der Rolling Thunder Revue sind die italienische Commedia dell' Arte, die Medicine- und Minstrel-Shows im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein Jahr nach dem Fall von Saigon und ein Jahr vor dem 200. Geburtstag der USA erschafft Dylan aus einem alten Format ein neues. Mit der Tour erhebt er den Anspruch eines Gesamtkunstwerks, obwohl die Konzerte selbst nur per Mundpropaganda beworben werden und zu Beginn nur in kleinen Hallen stattfinden.

Vielleicht brauchte Dylan ja das finanzielle Risiko, um seiner Karriere einen neuen Sinn zu geben. Die Konzerte zählen bis heute jedenfalls zu seinen intensivsten Auftritten. Dylan verkörpert in diesen einen beseelten Kabuki-Schamanen, er trägt ein weiß geschminktes Gesicht, dazu einen breitkrempigen weißen Hut mit ausuferndem Blumengebinde. Immer wieder halten die Kameras der Filmcrew auf Bob Dylans Gesicht, um dessen Mimik bildfüllend einzufangen, wenn er seine Songs nicht nur zu singen, sondern zu durchleben scheint. In seinen großen, blauen Augen liest man Glück, Verzweiflung, Wut, Wahnsinn, Begeisterung. Ein Wechselbad der Stimmungen. Gerade auch dann, wenn der Schatten des Hutes im Scheinwerferlicht die obere Hälfte von Dylans Whiteface in undurchdringliche Schatten taucht.

Vorbild der Maske war der Pantomime Jean-Louis Barrault, der in Marcel Carnés Film "Kinder des Olymp" den weißgeschminkten, unverdorbenen und naiven Baptiste spielt. Im Vorfeld der Tour unterhalten sich Allen Ginsberg und Bob Dylan lange über Carné. Das Gespräch ist kürzlich im Internet aufgetaucht - wie zufällig nur wenige Tage vor der Ankündigung, dass Martin Scorseses neuer Film "Rolling Thunder Review - A Bob Dylan Story" am 12. Juni auf Netflix anläuft. Im Gespräch beschreibt Dylan den Künstler, der es ernst meint, als Figur, die imstande ist, die Zeit anzuhalten. Das gelingt ihm, indem er Ideen fixiert - auf Papier, auf Schallplatte, auf Zelluloid oder als Moment einer Performance, die freilich nur überlebt, wenn sie denn auch dokumentiert und somit nacherfahrbar gemacht wird. Allen Ginsberg fragt Dylan schließlich, ob er unsterblich sein wolle, und Dylan antwortet: "Ich möchte, dass mein Werk überlebt." Und das gelänge nur, wenn er imstande sei, mit seiner Musik die Zeit anzuhalten.

Die 31 Rolling-Thunder-Konzerte, die die Musiker zwischen dem 30. Oktober und dem 8. Dezember 1975 spielen, folgen trotz aller Improvisation einem straffen dramaturgischen Konzept. Ramblin' Jack Elliott, Joan Baez, Roger McGuinn und Joni Mitchell, die sich der reisenden Gruppe im November spontan anschließt und bis zum Schluss bleiben wird, haben ihre eigenen Zeitfenster innerhalb der Konzerte, mal singen sie solo, mal werden sie von Dylans Band namens "Guam" begleitet. Oft finden sich die Musiker zu unwiederbringlichen Duetten zusammen, die mit großer Hingabe vorgetragen viele kleine Höhepunkte im über dreistündigen Abendprogramm markieren.

Doch ein elektrisierter Dylan stiehlt ihnen allen die Show. Er spielt Katz und Maus mit den Erwartungen des Publikums. Er verweist auf seine Anfangszeit in New York, wenn er sich zu Songs wie "Mr. Tambourine Man" allein auf die Bühne stellt, oder wenn er mit Joan Baez im Duett traditioneller Balladen wie "Wild Mountain Thyme" oder "Dark As A Dungeon" mit an Intimität und Intensität nicht zu überbietender Konzentration darbietet. Beide transzendieren in diesen Moment jahrhundertealtes Liedgut in die Gegenwart des Jahres 1975, und Dylan und seine in anderen Momenten schwer rockende Band lassen seine neuen Songs so klingen, wie sie nie klangen. Und wenn der Vorhang fällt, schwenkt die Kamera in Scorseses Film auf ein junges Mädchen, das in Tränen ausbricht, ungehemmt.

Fünf komplette Konzertmitschnitte der Tour sind jetzt parallel zu Martin Scorseses Film in einer 14-CD-Box unter dem Titel "The Rolling Thunder Revue: The 1975 Live Performances" (Columbia Legacy) erschienen. Die Musik der Tour ist darin in ihrem facettenreichen, dynamischen Sound beeindruckend festgehalten. Schade nur, dass einige Aufnahmen fehlen. Das beginnt mit Tonaufnahmen aus dem Sommer 1975, als Dylan im "The Other End" Hof hielt und neue Lieder spielte, die er erst ein Jahr später auf seinem Album "Desire" veröffentlicht, darunter die schmerzlich auf "Desire" vermisste Ballade "Abandoned Love". Es fehlt aber auch die Tonaufnahme eines berührenden Auftritts Dylans in dem TV-Special "The World of John Hammond" aus dem September 1975. In diesem spielt er unter anderem seinen gemeinsam mit dem Dramaturgen Jacques Levy komponierten Hit "Hurricane", in dem er die Geschichte des Mittelgewichtsboxers Rubin "Hurricane" Carter erzählt, und wie dieser, von einem rassistischen Richter verurteilt, unschuldig im Gefängnis landet - als Strafe für einen Mord, den er nicht begangen hat. Bob Dylan stellte die Tour unter das Motto der Rehabilitierung Rubin Carters und ließ seine Truppe nicht zuletzt im Trenton State Prison in Upstate New York spielen, wo Carter seine Haft absaß. Und leider fehlen auch sämtliche Tonaufnahmen der Soloauftritte der mitreisenden Musiker, ohne die das komplexe Format der Rolling Thunder Revue nicht komplett nacherlebbar ist.

Man ahnt, weshalb diese Intensität von Dylan später nie wieder erreicht worden ist

Getröstet wird der Hörer indes mit vielen anderen Schätzen und Funden. Alleine drei CDs widmen sich den Bandproben mit Guam. Eine Arbeitsweise tritt ans Licht. Dylan spielt seiner neuen, sich noch im Zusammenfinden begriffenen Band neue und alte Songs vor. Die schwungvolle Ballade "Isis" etwa wird erst als Klavierwalzer mit Schlagzeugbegleitung geprobt, um kurze Zeit später mit kompletter Band und elektrisch verstärkter Violine eine radikale Wandlung zu erfahren. Die Box bietet außerdem noch sechs ausgearbeitete, amphetamingetriebene Hardrockversionen des Stücks, und in Scorseses Film sehen wir parallel dazu den Schamanen, wie sich die in dem Song erzählte Geschichte von Isis und dem versuchten Grabraub in der Pyramide in seiner Mimik nachvollzieht.

Dylans Auftritte bei den Konzerten in Montreal, Boston, Worcester und Cambridge sind Darbietungen von stellarer Kraft. Nie zuvor und niemals danach hat er sich so in den Sound einer Band fallen lassen. Hört man die Band-Arrangements laut, ist der peitschend-energetische Druck heute ebenso mitreißend, wie er vor 44 Jahren wahrgenommen wurde. Martin Scorsese spielt in seinem Film mit der Dynamik dieser Aufnahmen. Er nimmt den Rhythmus seines Schnitts aus dem Beat der Musik. Gelegentlich zerschneidet er Songs, montiert Sprech- und Road-Movie-Szenen dazwischen, nur um im selben Beat wenig später dem Zuschauer die brachiale Wucht dieser Musik im Laut-Leise-Kontrast erneut um die Ohren zu hauen.

Zugleich ahnt man als Betrachter aber auch, weshalb diese Mensch, Songs und Material verschleißende Intensität von Dylan selbst später nie wieder erreicht worden ist: Die Dauerpower der Musik ebnet die Songs zu einer konstant überwältigenden Wall-of-Sound ein. Für einen Sänger, dem die Worte ebenso wichtig sind wie die Instrumentierung, konnte dies auf lange Sicht nur bedeuten, zu einer neuen, introvertierteren Form zurückzufinden, die dem Gesang im rhythmischen Vortrag seiner Lieder mehr Gestaltungsraum zuweist. Doch das ist eine andere Geschichte, deren Bedeutung in Martin Scorseses Film bloß angedeutet wird: Im Nachspann führen Standbilder mit endlosen Listen akribisch die Konzerte auf, die Bob Dylan seit der Rolling Thunder Tour 1975 bis heute gegeben hat. Von 1988 an ist er offiziell konsequenterweise auf der "Never Ending Tour". Genau genommen wirft die Netflix-Story also einen fulminanten Blick auf ein ziemlich kurzes, nicht enden wollendes Kapitel in Bob Dylans Leben. Andere Filme über andere Kapitel des Lebens dieses unermüdlichen Sängers, Dichters und Songschreibers stehen also - vielleicht, hoffentlich - noch aus.