Neues Album von Giorgio Moroder "Der arme alte Mann. Fällt ihm nichts mehr ein?"

Der Hit ist eindeutig "Déjà Vu". Doch der Song hat für empfindlichere Menschen ein Problem: Wenn der Refrain hereinplatzt, muss man seine Anlage leiser machen. Fast alle Songs des Albums haben diese irrsinnig penetranten Momente. Aber genau deswegen werden sie natürlich das ganze Jahr in den Hitradios laufen.

Der bessere Song ist "Tempted". Hier reist Onkel Giorgio in den Soulpop. Der Witz ist: Das Stück ist so vielschichtig orchestriert, dass man es auch mit einer Big Band als Swing-Version spielen könnte. Immer dann, wenn eine Komposition so gelungen ist, dass man sie auch in ganz anderen Stilen interpretieren kann, fängt es ja an, interessant zu werden.

"Déjà Vu" ist nichts weniger als eine Lehrstunde in Sachen Pop-Produktion

Noch besser ist "Right Here, Right Now". Es könnte lohnend sein, den Song von einer Bebop-Band interpretieren zu lassen. Songs wie "I Do This For You" oder "Back And Forth" sind dagegen ödester Technorock für Großraumdiscos. Über eine schnelle synthetische Basslinie, die auch die Grundlage vieler Donna-Summer-Hits war, baut sich bei "Right Here, Right Now" ein treibender Groove auf. Klar, dass auch hier der Gesang das Stück wieder in die Gute-Laune-Ecke manövriert. Spätestens, wenn die prägnante Vocoderstimme einsetzt, die in den frühen Achtzigerjahren so modern war, wird das Stück aber noch den Letzten zum Tanzen animieren. Die erbarmungslose Euphorie, die fast jedes Stück ausstrahlt, wird durch immer wiederkehrende Streicher ausgelöst. Clever arrangiert ist das. Und äußerst effektiv.

Aber das war ja immer schon die Spezialität der Münchner Disco-Produzenten. Die barocke Verzierung des geraden Discobeats mit kunstvoll phrasierten Geigenläufen. Moroders Münchner Kollege Michael Kunze und sein Projekt Silver Convention landeten mit so einem Song in den USA einst einen Nummer-eins-Hit: "Fly, Robin, Fly". Auch Supermax oder Boney M machten erfolgreich in München (und Wien) diese Art von Disco für die Clubs der Welt. Neben den von Munich Disco inspirierten Stücken stehen die beinahe unhörbaren Kirmestechnostücke. Sie heißen "4 U With Love", "Diamonds", " I Do This For You" oder "74 Is The New 24". Furchterregende Variationen von Bubblegum-Pop. Mit den typisch affektiert-tragischen Gesängen. Dazu billige Melodien, ein dumpfer Technobeat und diese verkratzten Bassläufe, die Amerika so liebt. An den ödesten Stellen des Albums herrscht hochenergetischer Ohrwurmterror: Lala-Gesänge, explosive Breakdowns mit Trommelwirbeln. Musik für Leute, die keine Musik mögen.

Die Mitbewohnerin kommt wieder in die Küche. Es läuft "Set Fire To Me". Sie setzt sich zu mir und summt mit. "Das ist Adele", sagt sie und zündet sich eine Zigarette an: "Wer hat denn das geklaut?" Ich: "Giorgio auf seinem neuen Album." Und sie schließlich: "Der arme alte Mann. Fällt ihm nichts mehr ein?"

Picasso hat ja auch seine Nasen bei den Griechen gestohlen

Moment! Ich schalte um auf Youtube: Sie hat recht. Adeles "Set Fire To The Rain" klingt in der Tat verflixt ähnlich. Aber das war bei Moroder ja immer schon das Konzept. Das Wiederkäuen erfolgreicher fremder Ideen. Streng genommen erinnern viele der Harmoniefolgen an bekannte Hits. Als über 30-Jähriger glaubt man, die Hälfte der Melodien schon irgendwo einmal gehört zu haben. So wurden allerdings immer schon Hits gemacht. Händel übernahm eine komplette Arie von Bononcinis "Polifemo". Richard Strauss verwendete in "Aus Italien" die Melodie eines italienischen Komponisten (der ihn daraufhin verklagte). Und Picasso hat seine Nasen bei den Griechen gestohlen. Aber heißt die Platte nicht auch "Déjà Vu"?

Mit anderen Worten: Das Album ist eine Lehrstunde in Sachen Pop-Produktion. Und ganz objektiv betrachtet, ist es perfekt. Moroder weiß, wie es geht. Und für alles, was er nicht selbst kann, holt er sich die besten Leute. Früher den passenden "funky Drummer", Arrangeur oder Co-Komponisten. Heute die Sound-Ingenieure und Beat-Bastler, die den aktuellen Standard kennen. Dazu, fürs größtmögliche Pathos, die Profitexter mit den höchsten Gagen, die sogenannten Top Liner. Und die berühmtesten Sänger. Perfekt.

Nur vielleicht nicht fantastisch. Fantastisch wäre das Album, wenn man es auch als Musikliebhaber lieben könnte. Dafür müsste man bloß die Hälfte der Songs löschen und bei den verbleibenden den gesamten Gesang, die Lead-Synthie-Stimmen und die Kratzbässe rausdrehen. Das Brillante und das Unmögliche liegen in der Popmusik sehr nahe beieinander.

Der Autor ist Produzent, Musiker und DJ und betreibt in München das Avantgarde-Pop-Label Gomma Records, auf dem zum 15. Geburtstag soeben die Compilation "Pop Futuro" erschienen ist.