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Pop:Sampling Teheran

Der österreichische Musiker Andreas Spechtl von der Band "Ja, Panik" verarbeitet auf seinem zweiten Soloalbum einen Aufenthalt in Iran, wo er für ein paar Monate lebte.

Aus dem Burgenland über Wien und Berlin nach Iran: Andreas Spechtl verbrachte im vergangenen Winter einige Monate in Teheran.

(Foto: Matthias Koch)

In der westlichen Gegenwart sind Orte existenzieller Exotik rar. Es ist gar nicht so einfach, eine radikal andersartige Erfahrung zu machen. Selbst eine Reise auf einen anderen Kontinent wird schnell zu einem launigen Besuch im Themenpark einer sonst vereinheitlichten Lebensweise. Einige Enklaven haben sich jedoch gehalten, unter ihnen die sogenannten Schurkenstaaten. Nach westlicher Lesart lauert hier das Böse, gewissermaßen der Gegenpol zur Standardeinstellung.

Der Musiker Andreas Spechtl verbrachte im vergangenen Winter einige Monate an solch einem Ort, in der iranischen Hauptstadt Teheran. Dank eines Stipendiums konnte er für längere Zeit dort wohnen, "wo die diffuse westliche Angst lebt". Seine Erfahrungen - die Menschen, Instrumente und Klänge Irans - haben sich durch Samples und Field Recordings in sein Album "Thinking About Tomorrow, And How To Build It" eingeschrieben. Durch befreundete Musiker fand er Eingang in eine Szene, die weit davon entfernt ist, Konzerte, Performances und Ausstellungen auf Plakaten bewerben zu können. Ein Hinterhof, zweite Tür links, dritter Stock: So in etwa lesen sich die Anfahrtsbeschreibungen zu privaten Räumen mit einem quasi-öffentlichen Charakter, denn erst hier wird freier Austausch möglich. Diese Raumgefüge jenseits der Unterscheidungen "privat" und "öffentlich" sind zersplittert und segmentiert: Geht eine bestimmte Person, darf der Schleier gelüftet werden, geht eine weitere, kommt der Alkohol auf den Tisch.

"Die Textarbeit auf meiner neuen Platte bestand darin, den Text wegzulassen."

Abgesehen von einem einzigen, bürokratisch reglementierten öffentlichen Auftritt an der Teheraner Kunstuniversität waren Spechtls Konzerte Teil einer kleinen, aber eingeschworenen Subkultur. Dass er mit einer befreundeten Musikerin gleichberechtigt auf der Bühne stand oder auch nicht vom Regime goutierte Sounds und Texte zum Besten gab, war für den privilegierten Westbürger nicht annähernd so bedrohlich wie für seine Gastgeber. Zwar nimmt seit Präsident Hassan Rohanis Amtsantritt 2013 die Toleranz für kleine Enklaven zu, "es ist in den letzten Jahren viel mehr möglich geworden, es wird nicht mehr so schnell exekutiert und über gewisse Formen von Devianz hinweggesehen." Doch ist ein Besuch der Polizei stets möglich. In dem Moment, wo ein Gesetz als gottgewollt über Jahrzehnte praktiziert wird, ist eine Gesetzesänderung viel mehr als ein schlichter bürokratischer Akt. Warum setzen sich die Einheimischen dieser Gefahr aus, anstatt das Land zu verlassen? Spechtl bekam vor allem zwei Antworten auf diese Frage: "Wenn alle gehen, blutet das Land komplett aus, nichts wird sich ändern". Und: "Wir wollen nicht im Ausland die vermarktbare Rolle des widerständigen Exilanten einnehmen müssen."

Die Zwölf-Millionen-Metropole Teheran wird vornehmlich mit dem Taxi durchquert, von Wohnung zu Wohnung, oft mehrere Stunden am Tag. Wie Jafar Panahis Film "Taxi Teheran" eindrücklich zeigte, ist das Taxi in Iran ein sich im Schritttempo durch die Stadt schlängelnder privater Ort, in dem "andere Gespräche geführt werden": Eine "Art Balkon" wie Spechtl sagt, mitten in der Stadt und doch ein Schutzraum. An diesen Gesprächen konnte er nur im anglophilen studentischen Milieu partizipieren, sonst überkam ihn eine ungewohnte Sprachlosigkeit. Diese gab ihm die Zeit, sich der überbordenden Menge nicht-sprachlicher Codes zu öffnen, das Aufnahmegerät wurde zum akustischen Tagebuch. In "Africa Blvd" heißt es zum Beispiel: "Ich versteh kein Wort und trotzdem too many answers".

Als Sänger und Gitarrist der Band Ja, Panik zog Spechtl einst aus dem Burgenland über Wien nach Berlin. Dort gründeten seine Kollegen und er eine gemeinsame WG und nahmen eines der besten deutschsprachigen Alben der letzten Jahrzehnte auf ("DMD KIU LIDT"). Nach zehn Jahren Bandgeschichte widmen sich die Musiker derzeit eigenen Projekten: "Ich musste raus aus diesem Korsett, damit ich irgendwann auch wieder zurückgehen kann", so Spechtl. Mit dem ungestümen Indierock seiner Band - dem sprachlich maximal erhitzten Anrennen gegen die Widrigkeiten unserer Zeit samt diversen Manifesten - haben seine Soloalben recht wenig zu tun. Wo das Politische wie momentan in der Kunst zum Verkaufsargument wird, sieht Spechtl dies "mindestens skeptisch". Der Wahlberliner wendet sich daher vom Expliziten, dem "Textungetüm Ja, Panik" ab: "Die Textarbeit auf meiner neuen Platte bestand darin, den Text wegzulassen".

Der ihm so eigene, deutsch-englische Duktus - einst Mittelpunkt des Geschehens - wird zum Beiwerk. Die Sehnsucht nach einem anderen Morgen war stets der Fluchtpunkt seiner Texte, doch nun liegt der Fokus nicht auf einem sprachlich festgezurrten Bild von Widerständigkeit, dass der geneigte Hörer ausmalen darf: "Mein Ziel war es, 40 Minuten Musik aufzunehmen, ohne die Leute mit Proklamationen vollzuplärren und ihnen die einzig mögliche Interpretation vorzuschreiben. Eine kritische Haltung, die Werkzeuge, Umstände und Beweggründe können einem künstlerischen Werk eingeschrieben sein, ohne dies hinausposaunen zu müssen."

Diese neue Ästhetik des introvertierten Laptop-Frickelfiebers geht wunderbar auf: Ein treibender, dann stolpernder Beat, oszillierende Synthesizerflächen, hörspielartige Versatzstücke und unzählige musikethnologische Samples fegen durcheinander. Es ist nur auf den ersten Blick sein bislang unzugänglichstes Werk, denn die Geschichten auf diesem vielschichtigen Album gilt es zu erhören.

Nach seiner Heimkehr lebte Spechtl in den ersten Wochen sehr zurückgezogen in Berlin-Neukölln. Auch wenn Berlin nur ein Viertel so groß wie Teheran ist, wirkte der öffentliche Raum auf ihn nun wie ein großer Tumult: "Es kam mir alles etwas seltsam, anonym und unverbindlich vor. In Teheran passten alle aufeinander auf, die sozialen Beziehungen dort sind sehr kostbar."

© SZ vom 12.12.2017
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