bedeckt München 22°

Pop:Roboter haben keinen Akzent

Eine Ausstellung in Paris zeigt, wie Frankreich und Deutschland elektronische Popmusik prägten und damit ihre musikalischen und sprachlichen Minderwertigkeitsgefühle gegenüber England und Amerika überwinden konnten.

Man stelle sich das vor: In der Berliner Philharmonie oder der Elbphilharmonie in Hamburg gäbe es ein Deutsches Musikmuseum, das mit öffentlichem Geld eine Ausstellung mit dem Titel "Techno" zeigt. Das Museum macht nämlich ein erstaunlich zeitgenössisches Programm. "Techno" ist umfangreich, überzeugt nicht in jedem einzelnen Punkt, ist aber sehr gut gemacht. Einer der berühmtesten deutschen DJs, sagen wir Sven Väth, hat den offiziellen Soundtrack zur Ausstellung gemischt, und Kraftwerk haben einige Live-3D-Videos, unter anderem von ihrem Klassiker "Musique Non-Stop", zur Verfügung gestellt. Das würde man sich ansehen wollen, oder?

In Frankreich gibt es genau so eine Ausstellung gerade, in der Philharmonie de Paris, die architektonisch auf jeden Fall schon die geeignete Signalwirkung hat (Zukunft, Raumschiff, Hypermoderne!). Dort zeigt das staatliche Musée de la musique eine Ausstellung über elektronische Musik. Sie heißt "Electro", nicht "Techno", was keinen großen Unterschied macht. Man läuft also draußen an der Ring-Stadtautobahn "Périphérique" auf diesen riesigen Aluminium-Blob mit dem Glitzer-Gitter-Flechtwerk des Architekten Jean Nouvel zu. Drinnen pumpen die Sub-Bässe durch abgedunkelte Ausstellungsräume, zucken Lichtinstallationen im Rhythmus der Musik. Den Soundtrack dazu hat der Pariser DJ-Star Laurent Garnier gemischt.

Man muss keine Angst haben, dass elektronische Musik in "Electro" zum französischen National-Kulturerbe erklärt, oder der Beitrag französischer Musiker zum Siegeszug der elektronischen Musik überbetont würde. Nun gut, Jean-Michel Jarre kommt zwischen den verschiedenen Abteilungen (Synthesizer-Historie, Club-Mythologien, Rave-Kultur, Vinyl-Archäologie, Kunst und so weiter) vielleicht wirklich zu oft vor. Aber dass Daft Punk ihren eigenen Raum bekommen haben geht schon in Ordnung. Das Pariser Duo, bestehend aus Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo, hat aus jenem elektronischen Sound, der in den Neunzigerjahren mal "French Touch" genannt wurde, ein hocheffizientes Konzentrat destilliert: Härte in den Beats, Poppigkeit in der Melodie und vor allem: grandiose Visualisierung.

Es gab einen Bewegungsdrang in der Gesellschaft, wie etwa auf der Love-Parade vor 30 Jahren

Für die Ausstellung haben Daft Punk eine Art begehbaren roten Schrein für ihr eigenes "Technologic"-Video aus dem Jahr 2005 gebaut. Darin stehen ihre beiden Puppen-Stellvertreter mit den verspiegelten Space-Biker-Helmen, und das diabolisch grinsende Roboterbaby aus dem Video rattert all die Kurzbefehle herunter, die aus dem "Technologic"-Song eine so tolle Hymne auf die geplante Obsoleszenz von Massenprodukten und den Konsumkapitalismus im Allgemeinen machten: "Buy it, use it, break it, fix it, trash it, change it, mail - upgrade it!" Das ist schon sehr toll. Auch weil einige Meter weiter in jenem Raum, in dem Kraftwerk aus Düsseldorf ihre in 3D umgerechneten Live-Videos zeigen und dann eine Nähe zwischen beiden Gruppen erkennbar wird, die man so vielleicht noch nie gesehen hatte: Männer, die sich in Roboter-Kostümen entmenschlichen und anonymisieren, aber doch wie Rockstars frontal auf der Bühne stehen. Und vor allem: Männer, die in ihren Sounds den Aufbruch in die digitale Zukunft feiern, dies aber mit einem recht traditionellen Kompositionsverständnis tun: Song, Lied, Chanson, wie man es nennen will.

Kraftwerk arbeiteten von Beginn an aus dezidiert westdeutscher Wirtschaftswunder-Perspektive an der Idee einer neuen maschinellen, deutschen Volksmusik. Und in Bezug auf die Geschichte elektronischer Musik in Frankreich erklärte kürzlich Jean-Yves Leloup, der Chef des Musée de la musique, in einem Interview: "Den Franzosen wurde immer gesagt, dass sie nicht gut Englisch singen können oder dass Französisch und Rock'n'Roll nicht zusammenpassen, also fühlen wir uns wohl daher zu elektronischer Musik hingezogen." Frankreich und Deutschland liegen hier ziemlich nah: Synthesizer und Roboter-Gesang stellten hier wie dort eine Möglichkeit dar, das Minderwertigkeitsgefühl zu überwinden, vom anglo-amerikanischen Mainstream in popkultureller wie sprachlicher Hinsicht zu abgehängt zu sein. Roboter haben keinen Akzent.

Daft Punk und Kraftwerk bilden in dieser Ausstellung dann räumlich die Mittelachse. Links davon gibt es gleich nach dem Eingang eine zu statisch geratene Musikinstrumentenabteilung, rechts danach so etwas wie die Kulturabteilung. Erstere ist mit "Man & Woman Machine" überschrieben, was an sich schön und wichtig ist, weil es ja anzeigt, dass die Ausstellungsmacher den Anspruch hatten, die weiblichen Pionierinnen der Synthesizermusik nicht zu vergessen. Wobei dann die Britin Daphne Oram zwischen einem Exemplar des analogen Trautoniums (1933) und einem Foto des ersten digitalen Fairlightsamplers (1979), zwischen Karlheinz Stockhausen und Pierre Henry doch zu kurz kommt.

Oram war eine Pionierin der Musique concrète in Großbritannien. Sie experimentierte mit Tape-Loops und gründete Ende der Fünfzigerjahre den BBC Radiophonic Workshop in London mit. Elektronische Musik war in Europa damals vor allem in den Experimental-Studios der öffentlich-rechtlichen Radiosender zuhause. In Köln zum Beispiel im Studio für elektronische Musik des WDR, wo Karlheinz Stockhausen arbeitete, oder in Paris im Studio d'Essai der Radiodiffusion-Télévision Française. Dort wirkte Éliane Radigue, eine weitere Pionierin der elektroakustischen Komposition und wiederum der Tape-Loop-Musik.

Mit dem Mauerfall kamen ein neuer Kapitalismus, neue Drogen Zukunftseuphorie und Befreiung

Radigue ist in der "Electro"-Ausstellung präsent, und zwar in Form einer ziemlich kleinen Aluminium-Statue des französischen Künstlers Xavier Veilhan. Einerseits ist das schön, weil es eben Eliane Radigue ist, also: eine weitere Frau und Pionierin. Andererseits irritiert diese Statue. Nicht allein, weil es schon ziemlich merkwürdig anmutet, in einer Ausstellung über elektronische Musik Nachbildungen von Menschen zu bestaunen, statt, beispielsweise, ihre Musik zu hören. Die Statue irritiert vor allem, weil Xavier Veilhan auch Giorgio Moroder, Brian Eno und Daft Punk nachgebildet hat. Letztere Statuen stehen ebenfalls in der Ausstellung, lebensgroß, während jene von Radigue eher klein ist. Über den Maßstab kommt dann also doch wieder die leidige Frauenbenachteiligung mit in die Ausstellung hinein. Das ist ärgerlich.

Dann geht man doch lieber hinüber in die andere Abteilung, in der es um das Soziokulturelle geht, die zeigt, wie sich um die elektronische Musik herum Szenen, Stile und Bewegungen gebildet haben. Unter anderem gibt es hier die großartige dokumentarische Fotoserie von Tina Paul zu sehen, "New York Nightlife, 1986-1994". Alles in schwarzweiß: Ein Foto des 2014 verstorbenen legendären House-DJs Frankie Knuckles, wie er in der DJ-Kanzel des Clubs Red Zone seinen noch halb pubertären, noch nicht steroidbemuskelten Kollegen David Morales fest umarmt. Ein Blick auf die Tanzfläche in der letzten Nacht vor Schließung des Clubs Paradise Garage im Jahr 1987. Queere Club-Kids in ihren wildesten Ausgehkostümierungen. Voguing-Kids, die auf Lautsprecher-Boxen die extravagantesten Verknotungen vorführen. Und ja, hier sieht man endlich einmal: tanzende Menschen!

Hier fällt einem dann auch auf, dass es in der "Electro"-Ausstellung eigentlich ganz genauso ist wie fast immer, wenn elektronische Tanzmusik historisch aufgearbeitet wird: Das Tanzen kommt, wenn überhaupt, erst zum Schluss. Weil Tanz so schwer auszustellen ist? Weil man so wenig gutes historisches Material findet? Oder weil man Tanz vielleicht gar nicht so wichtig findet? In "Electro" lautet die Erzählung jedenfalls auch: Erst kamen die Maschinen und die Synthesizer, dann die Musiker (und wenigen Musikerinnen), die anfangs eher wie Ingenieure aussahen und mit vielen langen Kabeln hantierten. Dann wurden Platten auf Vinyl gepresst, und dann entdeckten die Menschen in den unterschiedlichen Ecken der Welt, dass man zu diesen futuristischen synthetischen Sounds super tanzen kann. So erst bekam die Musik also ihre soziale Bedeutung und auch ihren Look: Baby-Schnuller, Flokati-Hose, Plateau-Sneakers und Ufo-Frisuren, wie am Beispiel der europäischen Neunziger-Rave-Mode, die aktuell in der Mode gerne wieder aufgegriffen wird.

Dabei könnte man die Geschichte auch genau andersherum erzählen. Dass elektronische Musik nämlich nur deswegen so erfolgreich werden konnte, weil es bereits einen enormen Bewegungsdrang gab, gesellschaftlich, individuell. Die Menschen dürsteten längst nach neuen Sounds, die ihren Drang zu etwas Neuem spiegelten. In den in Paris ausgestellten Video-Aufnahmen der frühen Love-Parade-Umzüge im gerade wiedervereinten Berlin wird dies ganz besonders deutlich: Wahnsinn, diese Energie, gespeist aus Mauerfall, Systemwechsel, neuem Kapitalismus, neuen Modelabels, noch neueren Drogen, völliger Zukunftseuphorie, bestimmt auch Zukunftsangst, queerer Emanzipation, Sexpositivismus, und vielem, vielem mehr. Die Energie entlud sich auf den Straßen im krassesten Stampfen von Beats und Beinen (siehe auch Kasten auf der Seite 1)

. Bilder wie diese hätten sicher auch gut als Eröffnung solch einer umfassenden Ausstellung funktioniert. Man könnte natürlich auch versuchen, in entgegengesetzter Richtung durch die Räume zu laufen, vom Ausgang zum Eingang. Anders gesagt: Die Themen sind ja alle da, und das Material ist stark. "Electro" könnte aber einen Remix gebrauchen. Warum nicht in der Elbphilharmonie oder in der Berliner Philharmonie?

Electro: De Kraftwerk à Daft Punk. La Philharmonie de Paris, bis 11. 8. Info: philharmoniedeparis.fr. Katalog bei Éditions Textuel, 256 Seiten, 45 Euro.

© SZ vom 01.07.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite