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Pop:Rischel, ratter, klonk

Wolfgang Tillmans

"Was wir hier machen, ist in den meisten Ländern illegal. Aber das sollte es nicht sein. Lasst uns in Ruhe." - Cover der "2016 / 1986 EP".

(Foto: W.Tillmans/Vinyl Factory/Phonica)

Wolfgang Tillmans, einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler, hat eine Platte aufgenommen.

Von Jan Kedves

Einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler ist jetzt Sänger, oder so etwas Ähnliches. "Naa-na-la-da-da", diese Silben, nun ja, trällert der Fotokünstler und Turner-Preisträger Wolfgang Tillmans in hoher Tenorlage und klingt dabei fast frohlockend. Es ist der gut gelaunte Refrain für seinen Track "Make It Up As You Go Along". Die Bassdrum kickt, vier Töne formen eine simple rotierende Bassline, darüber schieben sich mollweiche Keyboard-Akkorde, Hi-Hats, metallische Handclaps. Das Ganze erinnert an den Wild-Pitch-House von DJ Pierre aus Chicago, wie er in den frühen Neunzigern populär war, nur hätte da niemand so frisch heraus herumgeträllert, fast wie morgens unter der Dusche "Naa-na-la-da-da".

Dieser ziemlich irre Track ist soeben auf Wolfgang Tillmans' "2016 / 1986 EP" (Fragile 01) erschienen. Es ist das Debüt des 48-jährigen Popmusikkünstlers. Und dazu könnte man nun einerseits sagen: Klar, Wolfgang Tillmans hat in seiner Karriere immer wieder Popstars fotografiert, und Musik war für ihn immer ein wichtiger Bezugspunkt, manchmal legt er sogar als DJ in der Berliner Panorama Bar auf, deren Wände mit Werken von ihm geschmückt sind - warum sollte er da nicht auch einmal selbst Musik machen?

In seinem Berliner Atelier hat er sich ein kleines Musikstudio eingerichtet und bastelt darin an Tracks herum, wenn er nicht gerade eine neue Riesenausstellung plant (wie 2017 in der Tate Modern in London) oder sich nicht gerade politisch engagiert (wie mit der "No Man Is An Island"-Plakatkampagne gegen den Brexit).

Die "2016 / 1986 EP" zeigt zunächst einmal, dass das, was man für neu hält - also Tillmans' musikalische Ambitionen - viel älter ist als vermutet. Die B-Seite der EP enthält drei hübsch hochtourige Wave-Pop-Stücke aus dem Jahr 1986, und auch auf ihnen singt Tillmans. 1986 war das Jahr, bevor Tillmans aus seiner Heimatstadt Remscheid als Zivildienstleistender nach Hamburg ging. Zwar fotografierte Tillmans sich zu diesem Zeitpunkt bereits selbst, aber es scheint, als wollte der 18-Jährige damals eigentlich am allerliebsten eine Art deutscher Boy George werden.

In den drei restaurierten Kassettenaufnahmen - "Fascinating This Time", "Stranger" und "Time Flows All Over" - beeindruckt er nicht unbedingt mit seinem Gesang. Die Melodien scheinen eher improvisiert. Und doch haben die Songs, die er mit seinem damaligen musikalischen Partner Bert Leßmann in Proberäumen in Remscheid und Wuppertal aufnahm, Charme und Drive, und eingängig sind sie alle.

Mit dieser Veröffentlichung soll also eine alte musikalische Identität zu ihrem Recht kommen. Darauf deutet auch der Name des Labels hin: Fragile - so nannte sich Tillmans in den mittleren Achtzigerjahren, wenn er als Drag-Performer unterwegs war. Es gibt das Foto "Fragile (Holzhut)" von ihm aus dem Jahr 1984, es zeigt ihn mit pastellfarbenem Make-up und einer seltsamen Holzlattenkrone auf dem Kopf.

Königin Fragile singt immer noch, und auch wenn der alte Wave-Sound auf der B-Seite mit dem House-Sound auf der A-Seite wenig gemein zu haben scheint, so verbinden sich gestern und heute auf der EP doch nahtlos. Zum Beispiel interessierte sich Tillmans von Beginn seiner Karriere an für maschinelle Reproduktionsprozesse. In seinen ersten Ausstellungen zeigte er digitale Schwarz-Weiß-Kopien von Fotografien, eine von ihnen - "Interrail" aus dem Jahr 1987 - ist auf dem Innencover der EP abgedruckt. Währenddessen offenbaren die Percussion-Sounds im neuen Track "Make It Up As You Go Along" ebenfalls ein Interesse an maschinellen Prozessen: Tillmans nahm sie in der Cantz'schen Druckerei in Ostfildern auf, sampelte sie. Rischel, ratter, klonk: So funky klingt die vollautomatische Druckmaschine Heidelberg Speedmaster XL, wenn sie dicke Wolfgang-Tillmans-Bücher druckt. Man hört hier also nicht nur House Music, sondern im Grunde auch Musique concrète. Sounds, die ihre eigene Geschichte in sich tragen. Womit man dann auch beim letzten Punkt wäre, den Tillmans mit seiner Platte zu machen scheint: Der zweite Track auf der A-Seite, "Triangle/Gong/What" aus dem Jahr 2016, besteht aus Sounds, die - wenn den Legenden zu glauben ist - ähnlich auch auf der Tanzfläche des "Front" in Hamburg zu hören waren.

Dort, heißt es, entfachten die Besucher in besonders euphorischen Momenten einen ohrenbetäubenden Lärm mit selbst mitgebrachten Triangeln, Rasseln und anderen Schlaginstrumenten. Trotz oder gerade wegen Aids feierte man in den Achtzigerjahren für das Ende der Schwulendiskriminierung. Seit 1986 hat sich vieles geändert, manches aber leider kaum. Wolfgang Tillmans kann die Veröffentlichung seiner EP kaum mit dem Drama von Orlando abgepasst haben. Umso gespenstischer wirkt es, wenn er am Ende von "Triangle/Gong/What" durch ein Megafon - fast wie bei einer Kundgebung - spricht: "Was wir hier machen, ist in den meisten Ländern illegal. Aber das sollte es nicht sein. Es gibt keine Opfer. Lasst uns in Ruhe."

Schwulenaktivismus, Clubkultur, das Rattern der Maschinen: Am Ende überrascht an der "2016 / 1986 EP" wohl weniger, dass Wolfgang Tillmans jetzt eben auch Popsänger ist, sondern mehr, wie stringent sie sich in sein bisheriges Werk fügt. Naa-na-la-da-da.

© SZ vom 22.07.2016
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