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Pop:Rätselhaft aufgeräumt

Das neue Album der Rockband "Spoon" und die Antwort auf die Frage, warum man sich beim Hören der Platte wieder traut, an die Kraft des Rock'n'Roll zu glauben.

Von Torsten Groß

Für alle, die auf die Chance warten, der texanischen Rockband Spoon mal so richtig einen mitzugeben: "Hot Thoughts" ist kein guter Anlass. Schon wieder nicht. Seit 1996 veröffentlichen Spoon regelmäßig Alben, ein schlechtes war spätestens seit "Girls Can Tell" (2001) nicht mehr dabei. Die Website Metacritic hat sogar ermittelt, dass zwischen 2001 und 2009 keine andere Band so viele gute Kritiken bekommen hat. Insofern ist es fast schon ein bisschen langweilig, wenn nun auch das neunte Album "Hot Thoughts" wieder die wunderbarste, rätselhafteste und gleichzeitig aufgeräumteste Rockmusik überhaupt enthält.

Aber stimmt das überhaupt, sind Spoon eine Rockband? Absolut. Es gibt einen Sänger und zwei Gitarren, einen Bass, ein Schlagzeug und ein Keyboard, manchmal sogar zwei. "Hot Thoughts" klingt zudem schwülstig nach Old-Time-Macho-Rock und im gleichnamigen Song widmet sich Sänger Britt Daniels zunächst genau den Dingen, die man bei so einem Titel erwartet: Ihre weißen Zähne seien ein schöner Kontrast zu einer traurigen Nacht in Shibuya. Und deswegen hat Daniels im Zentrum des Tokioter Nachtlebens mit seinen Love Hotels und Schnapsleichen "Hot thoughts all in my mind and all of the time". Obwohl er natürlich weiß: "You must be trouble for sure."

Ja, das ist klassische Rock'n'Roll-Lyrik. Aber Spoon legen gerne falsche Fährten. Und diese hier geht so: Der Song "Hot Thoughts" ist musikalisch auf derart kluge und unaufdringliche Weise sexy, dass es keine große Rolle mehr spielt, was gesungen wird. Ein glitschiger Beat, flirrend verspulte Keyboards - Spoon öffnen sich hier Funk und Gospel, wie sie es in dieser Konsequenz noch nicht getan haben. Insofern ist "Hot Thoughts" ein bisschen ihr Dance-Album, aber natürlich nicht ausschließlich. Es ist außerdem ein Krautrock-, ein Jazz- ein Elektronik- und natürlich wie immer auch ein Schrammel-Indierock-Album. Das alles und nichts von all dem. Spoon sind nicht ganz einfach zu kategorisieren.

Den Rock-Sexprotz würde man Britt Daniels ohnehin nicht abnehmen. Der Sänger und Gitarrist hat zwar ein paar schicke Anzüge im Schrank, aber besonders charismatisch ist er nicht. Neben ihm ist nur noch der Schlagzuger Jim Reno seit Beginn dabei, trotzdem nimmt man Spoon vor allem als Team war. In ihrer Außenwirkung sind sie eine leise Band, die über die Jahre kontinuierlich immer besser und vor allem in den USA auch immer erfolgreicher geworden ist. Zuletzt erreichten sämtliche Alben Spitzenplatzierungen in den amerikanischen Charts, in Deutschland blieben sie allerdings eher ein Geheimtipp.

Aber worin liegt denn nun das Spoon-Geheimnis? Das verbindende Element ist - neben Daniels' angekratzt-aufgekratzter Stimme und einem groben Rockgitarren-Rahmen - vor allem ein enormes Gespür für Dynamik.

Spoon verstehen sich meisterlich darauf, kontinuierlich Spannung aufzubauen und diese dann immer nur für kleine, selig machende Momente aufzulösen. Ständig drängt diese Musik irgendwo hin, alles bleibt in Bewegung - es ist ein bisschen so wie mit einem guten Roman, den man nicht weglegt, obwohl um sechs Uhr morgens der Wecker klingelt.

Die Band hat zwar haufenweise gute Refrains, sie machen aber nie den Fehler, allzu verschwenderisch mit ihnen umzugehen. Repetition wird als dramaturgisches Mittel eingesetzt, nicht, um das Publikum einzuseifen. Auf diese Weise steigert sich das albern betitelte "WhisperI'lllistentohearit" in die Unendlichkeit. Die Space-Hall-artigen Drum-Loops, das halluzinierende Calypso-Piano und die collagenhaften Stimmen in "Pink Up" erzeugen eine Psychedelik, die der Produzent des Albums, Dave Fridmann, bereits mit den Flaming Lips und anderen kultivierte. Sie verweisen aber auch darauf, dass Spoon ihren Bandnamen einst bei Can geklaut haben.

Und so fließt hier alles zusammen: "Can I Sit Next To You" ist abermals eine Art Indie-Funk, im Gospel "I Aint The One" heult Daniels den Mond fast so schön an wie Marvin Gaye, beim lehrbuchartig arrangierten "Tear It Down" könnte auch Billy Preston an der Orgel sitzen und dann kommt, ganz am Ende: "Us". Ein avantgardistisches Jazz-Experiment mit Glockenspiel und weinendem Saxofon, das den Geist der Arbeiten Brian Enos mit Bowie verinnerlicht hat. Es pfeift und es rauscht und es ist ein einziges Vergnügen.

Spoon vertrauen ihren Motiven, ihren Melodien und Texten. Aber trotz aller klanglichen Raffinesse wirkt bei ihnen dennoch vieles unbekleidet, schutzlos. Weil diese Musik nicht schutzbedürftig ist. Und so glaubt man beim Hören dieses Albums fast wieder an die Kraft des Rock'n'Roll.

© SZ vom 25.03.2017

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