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Pop:Noch einmal! Nur für mich!

(FILE) AC/DC co-founder Malcolm Young dies at 64 AC/DC In London

Einfach nur den Motor am Laufen halten: Malcolm Young, hier im Jahr 1979.

(Foto: Fin Costello)

Er hielt einfach nur den Rhytmusmotor am Laufen: Jetzt ist der geniale Gitarrist Malcolm Young gestorben. Er war Seele und Rückgrat von "AC/DC" .

Von Jakob Biazza

Jetzt ist er also tatsächlich ganz weg. In einer noch etwas zynischeren Welt könnte man sagen: Vollzugsmeldung. Er war ja schon länger fort. Die letzte Welt-Tournee, die im vergangenen Jahr endete, mussten AC/DC schon ohne Malcolm Young spielen, der ja nicht einfach nur ihr Rhythmus-Gitarrist war, sondern der Mann, der den unverkennbaren AC/DC-Sound, diesen Ur-Rock, erfunden hat. Ein Irrwitz eigentlich, den Mann ersetzen zu müssen auf der große Stadienrunde. Die minutenlangen Soli von Bruder Angus, der Monsterglockenschlag für "Hells Bells", die dicken, phallischen Kanonen für "For Those About to Rock (We Salute You)" - und kein Malcolm.

Der saß währenddessen schon in einem Heim in Sydney. Demenz. 62 Jahre alt war er da gerade mal. Gut möglich, dass die Alkoholexzesse, die ihn 1988 schon mal aus dem Tour-Zirkus bugsiert hatten, ihren späten Tribut forderten. Da, wo Malcolm Young sonst auf der Bühne stand, vom Publikum aus gesehen links, nahe beim Schlagzeug, wo man mit dem Hintergrund verschmilzt und kein Showman sein muss, sondern einfach nur den Motor am Laufen halten kann, da stand, wie 1988 auch schon, sein Neffe Stevie Young. Die Band befand es damals nicht einmal für nötig, darauf mit auch nur einer Silbe hinzuweisen.

Vielleicht aber war Malcolm Young, der am 6. Januar 1953 im schottischen Glasgow geboren worden war und mit zehn mit der Familie nach Australien auswanderte und 1973 die Band AC/DC zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder in Sydney gegründet hatte, auch nie wirklich da. Es gibt schließlich diese Menschen, die vollkommen zufrieden damit sind, etwas geschaffen zu haben, das größer ist als sie selbst. Im Fall der Band war es irgendwann sogar unendlich viel größer. Geschätzte 200 Millionen Platten haben AC/DC bislang verkauft. Aber die Band war natürlich viel mehr als das.

Riff, Pause, Gesanglinie, Pause, DÄ-DÄ-DÄ

AC/DC war die Band, die den Rock in seiner bis in alle Ewigkeit aufs Herrlichste glorios-stumpfen dröhnenden Spielart definierten. AC/DC destillierten die Essenz von Rock. Ihr Songs bleiben die Verdichtung eines ganzen Genres auf seine wesentlichen Bestandteile: Riff, Pause, Gesanglinie, Pause, DÄ-DÄ-DÄ, "For those about to rock". DÄ-DÄ-DÄ, "Black", DÄ-DÄ-DÄ, "Hell". Brachiale Redundanz als künstlerisches Konzept.

AC/DC ist wohl auch deshalb so irrwitzig groß geworden, weil sie der Welt immer etwas geboten hat, was es nie gab: Konstanz. Staaten mögen vor die Hunde gehen, Finanzsysteme zerbröseln (tatsächlich gibt es Theorien über die Korrelation von AC/DC-Erfolgsjahren und ökonomischen Krisen), die Digitalisierung mag die Welt und ihre Gewissheiten umherwürfeln - solange AC/DC eines ihrer minimalistisch-archaischen Riffs rausdonnerte, war doch alles gut.

Kein Wunder auch, dass ein solches Gebilde seine Akteure irgendwann zu Aufführungspersonal degradiert. Eigentlich ein Witz: Ausgerechnet AC/DC, die geerdetste Band der Welt, ist zu einer Idee geworden, bei der es auf Einzelne nicht mehr ankommt - und sei es ihr Schöpfer.

Mit der Gretsch Jet Firebird im Anschlag zimmerte Malcolm Young diesen komplett unmanierierten, kompakten Gitarren-Sound in die Welt. Songs wie Backsteinbauten. Riffs wie Dieselmotor-Stottern. Ein Genie von einem Rhythmus-Gitarristen. Wenn Rhythmus-Gitarristen zu Genies erklärt würden.

Zumindest in Kleinstdosen kennt der Rock 'n' Roll allerdings doch so etwas wie Gerechtigkeit. Man kann in ihm schon beinahe verschwunden, und trotzdem unendlich präsent sein: Es war auf eben jener jüngsten AC/DC-Tour auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg, Deutschlandauftakt, die Kanonen, die Glocke, die Soli, kein Malcolm, aber der Song "Whole Lotta Rosie". Eines dieser Young-Riffs. Eigentlich ein unfehlbarer Trigger. Sekundenbruchteile braucht das sonst nur, und Zehntausende brüllen den Vornamen des Lead-Gitarristen: "AN-GUS!" Es ist ein über Dekaden gewachsenes Spiel zwischen Band und Fans. Abweichungen sind nicht vorgesehen.

Aber natürlich gab es diesmal eine Abweichung. Malcolm fehlte schließlich, und die Hardcore-Fans hatten in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, diesmal "MAL-COLM!" zu skandieren, wenn der Song beginnt. Und kurz nur, aber doch deutlich, waren tatsächlich beide Namen zu hören. Zweimal. Dreimal. Dann setzten sich die "Angus"-Chöre durch. Die Tradition siegte. Das Geschöpf fraß seinen Schöpfer.

Malcolm Young hätte wohl nichts dagegen gehabt. Sänger Brian Johnson übermittelte der britischen Zeitung Telegraph zur Tour ohne Malcolm im Jahr 2014 jedenfalls noch dies: "Bevor ihn die Demenz wirklich mitgenommen hatte, meinte er zu uns: 'Geht einfach raus und macht Musik, Jungs, noch einmal, nur für mich.'"

© SZ vom 20.11.2017

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