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Pop:Melancholie und Stumpfsinn

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Bald unverzichtbar auf den amerikanischen Festivals: The Weeknd alias Abel Tesfaye.

(Foto: Justin Sullivan/AFP)

Der kanadische R'n'B-Sänger The Weeknd ringt musikalisch mit seiner Trennung: "My Dear Melancholy".

Von Lilli Heinemann

Der kanadische R&B-Künstler Abel Tesfaye, besser bekannt als The Weeknd, postete Ende März eine SMS-Konversation mit seinem besten Freund und Kreativdirektor La Mar Taylor auf Instagram, die sein neues Album mit einer seltsamen Gleichgültigkeit ankündigte: "Sollen wir's Freitag veröffentlichen? Mir ist es egal, um ehrlich zu sein." Dem Rest der Welt war es nicht ganz so egal: "My Dear Melancholy" schnellte nach seinem Erscheinen am folgenden Tag direkt an die Spitze der amerikanischen Album-Charts.

Im Titel von The Weeknds vierter Studio-Platte klingt bereits ein bekenntnishafter Briefcharakter an. Man könnte es als Mini-Album bezeichnen, es besteht nur aus sechs Songs, ist knapp 22 Minuten lang und kommt pünktlich zu Beginn der amerikanischen Festivalsaison, in der The Weeknd von Coachella über Lollapalooza prominent präsent sein wird.

"50 Shades of Grey" beförderte The Weeknd endgültig in den Mainstreampop-Himmel

Tesfaye begann seine Karriere 2011 mit drei viel gelobten Downbeat-R&B-Mixtapes, die er erst kostenlos online stellte und dann 2012 gesammelt bei Universal als "Trilogy" veröffentlichte. "Trilogy" ritt auf einer Welle neuer Alben von R&B-Musikern, von Frank Ocean über Miguel und Solange, die introspektive Songtexte mit allerlei elektronischen Soundschnipseleien paarten. Um seine Musik massentauglicher zu machen, holte Tesfaye danach den schwedischen Produzenten Max Martin an Bord, der für einen guten Teil der erfolgreichsten Popsongs der vergangenen 20 Jahre verantwortlich ist. Mit Martin entstanden die Synth-Pop-Alben "Beauty Behind The Madness" (2015) und "Starboy" (2016). Beide Alben verkauften sich millionenfach. Kollaborationen mit Superstars wie Beyoncé, Lana Del Rey, Ed Sheeran , Kanye West und eine Ballade für die "50 Shades of Grey"-Filmtrilogie bugsierten The Weeknd endgültig in den Mainstreampop-Himmel.

"My Dear Melancholy" schließt an die düsteren Klänge von "Trilogy" an, ist aber gefälliger; also weniger komplex und einfallsreich. Elektronische Ideen lieferten Produzenten wie Skrillex und Daft Punks Guy-Manuel de Homem-Christo, zudem war der französische Techno-DJ und Produzent Gesaffelstein an zwei Tracks beteiligt, Nicolas Jaar an einem. Es geht um reichlich beiläufigen Sex und diverse romantische Enttäuschungen. Tesfayes weinerlicher Gesang klingt, als bade er in Selbstmitleid. Mal will er die Geliebte zurückhaben, mal klingt er so, als sei er über sie hinweg. Anruf genügt und ich komme, verspricht er "Call Out My Name". Der letzte Song des Albums, "Privilege", klingt dann allerdings wieder seltsam aufgeräumt: "We said our last goodbyes / So, let's just try to end it with a smile". Lass uns doch einfach mit einem Lächeln auseinandergehen. Ach je.

Gerüchten zufolge verarbeitet The Weeknd in diesen Songs seine im Oktober 2017 beendete Beziehung mit der amerikanischen Schauspielerin und Popsängerin Selena Gomez. Seinen desolaten Gefühlszustand will er dabei offenbar mit Sex betäuben: "Cause if it's love you want again, don't waste your time / But if you call me up, I'm fuckin' you on sight". Noch einen klitzekleinen Tick ungalanter gibt's das nur noch in "Hurt You". In dem Song folgt auf die Zeilen "Girl, I'll come to put myself between your legs / Not between your heart" schließlich der Hinweis an die Ex: "And I know right now that we're not talkin' / I hope you know this dick is still an option". So geht Stumpfsinn. Mit anderen Worten: Der Mann streift doch arg bloß in seinem eigenen Universum herum und jammert dort auf niedrigstem Niveau.

Lässt man die Texte und monotonen Melodien außer Acht, kann man immerhin etwas Gefallen am exzessiven Einsatz stimmenverzerrender Synthesizer und den Sirenen-Experimenten in den beiden Songs Gesaffelsteins finden.

Am Ende ist "My Dear Melancholy" aber leider ein allzu seichtes Album. Eine Erklärung für den Erfolg von The Weeknd findet man eher in der Spotify-Statistik. Offenbar haben Nutzer des Streamingdienstes rund 2,8 Millionen Songlisten zum Thema Einschlafen zusammengestellt und auf Platz 8 der beliebtesten Songs steht da The Weekends "Fifty-Shades"-Ballade "Earned It". Gähn

© SZ vom 16.04.2018

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