Pop Introspektstase

Musik für Menschen, die nicht mehr feiern gehen, aber darüber etwas traurig sind: das dritte Album der Band Moderat.

Von Jan Kedves

Moderat, moderater, am moderatesten: Es ist schon komisch, dass sich das Adjektiv, das ein Maßhalten zwischen den Extremen anzeigen soll, selbst steigern lässt. Als ob, wer noch moderater trinkt als ein moderater Trinker, nicht im Grunde schon fast nichts tränke, und ein moderaterer Zinsanstieg nicht eher Verlust durch Inflation bedeutete. Und wie sähe im Vergleich zum moderaten Islam ein moderatester Islam aus?

Aber, nun ja, der Duden will es so. Und also lässt sich im Hinblick auf das Produzententrio Moderat, das seit einer Weile zu den erfolgreichsten deutschen Bands in der elektronischen Musik gehört, sagen: Nach dem Debütalbum "Moderat" (2009), auf dem Sascha Ring, Gernot Bronsert und Sebastian Szary erstmals in ihrer eigenen Art Rave-Ekstase und sentimental-introspektive Momente zusammenbrachten, und nach dem diesbezüglich noch moderateren Nachfolger "II" (2013) haben die drei Berliner Produzenten jetzt ihr drittes, bislang moderatestes Album "III" (Monkeytown Records) herausgebracht. Die Musik darauf: nicht zu hart, nicht zu weich, nicht zu experimentell, nicht zu anbiedernd, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Ist es gut oder schlecht? Tja, das kommt darauf an, welche Ansprüche man an elektronische Musik hat.

Pop für Leute, die nicht mehr feiern und darüber traurig sind

Zunächst ist erstaunlich, dass Moderat quasi ohne Hintergedanken 2002 zu jenem Namen kamen, der ihre Musik nun so ausgezeichnet fasst. Damals ging es eigentlich nur um die phonetische Zusammenführung der Projektnamen, die sie jeweils für sich nutzen: Bronsert und Szary firmieren im Duo als Modeselektor, Sascha Ring ist sonst Apparat. Zusammen macht das: Moderat! Aber siehe da, der Techno-Entwurf des Trios fiel genauso aus: gemäßigt. Ein Techno-Entwurf, in dem - als Grundierung sozusagen - die Neunzigerjahre in Berlin stets präsent bleiben, wie ein Tinnitus, den man sich damals während all der brutal langen, hart scheppernden Nächte in Lagerhallen und Kellerclubs einhandelte und der bis heute nicht verschwunden ist. Ein Techno-Entwurf, der aber inzwischen von weichem, hymnischem Pop überlagert wird. Pop fürs Runterkommen, oder Pop für Menschen, die längst nicht mehr feiern gehen, aber darüber ein bisschen traurig sind.

Exemplarisch für diese Idee steht auf "III" der Song "Eating Hooks", der das Album eröffnet: Er wird von Sascha Ring, dem Vokalisten des Trios, etwas weinerlich gesungen, aber eben moderat weinerlich, nicht so arg weinerlich wie Thom Yorke von Radiohead ihn gesungen hätte (er ist ein großer Fan von Moderat, hätte hier also durchaus als Gastsänger auftauchen können). Die Dubstep-Beats sind gebremst, die Basslinie wobbelt sanft, nicht heftig. Inhaltlich geht es um Meditation, Medikation und Sünde. Der perfekt dialektische Detox-Song. Er fängt den Hörer nach einem Ausgehwochenende, an dem wieder mal allerhand Gifte in den Körper gekippt wurden, auf und führt ihn - kurz bevor die Post-Party-Depression einsetzt - in eine Yogasession, bei der die Gifte wieder ausgewrungen werden, vollgeschwitzte Matte an vollgeschwitzter Matte.

Das wären dann zusammengerechnet etwa 400 000 Yogamatten, so viele Fans haben Moderat nämlich auf Facebook. Als sie Anfang vergangener Woche ihre Tour zum neuen Album starteten - durch Europa, die USA und Kanada - waren die 2000 Karten für das Auftaktkonzert im L'Olympia in Paris im Nu ausverkauft. Moderat machen mit ihrer Musik, auch wenn sie im Grunde unaufregend ist, also etwas sehr, sehr richtig. Aber was noch mal genau?

In der Antwort muss der Begriff "Mythos Berlin" fallen. Man darf nämlich nicht unterschätzen, wie international wirkungsmächtig der Ruf Berlins als Feierparadies nach wie vor ist. Dieses rastlose, irgendwie verpeilte, nah am Abgrund gebaute, geile, aber auch melancholische Berlin hat mit dem echten Berlin vielleicht weniger zu tun als mit dem Berlin, wie die Welt es aus dem Kino kennt. Aus "Berlin Calling", wo sich Paul "Ickarus" Kalkbrenner mit sanften Beats wieder aus der Rave-Psychose arbeitete. Aus "Victoria", wo neue Freunde aus einem Technokeller in ein leer gefegtes Frühmorgens-Berlin aufbrachen, der Liebe, aber auch dem Verderben entgegen. Und letztlich auch aus "Lola rennt".

Zwar spielte der Film am Tag, aber Lola rannte zu einem Techno-Soundtrack. Der klang damals, 1998, noch aufpeitschend, schrill, zwirbelnd. Heute würde Lola viel entspannter zum Moderat-Song "Running" joggen. Der kommt auf "III" gleich an zweiter Stelle und ist um eine kleine Klaviermelodie herumgebaut, die mit Techno nichts zu tun hat und nur in der Mitte - wenn all die weichen Loops und Beats und Bässe einmal für einen Moment ausgeschaltet sind - kurz aufscheint. Ziemlich raffiniert. Oder eben: moderat.