Pop Im Sog der Kirschbombe

Der Retro-Künstler Dan Auerbach ist ein Meister darin, die Pop-Geschichte neu einzuspielen - und zwar besser.

Von Jens-Christian Rabe

Vor ein paar Jahren gelang dem britischen Musikjournalisten Simon Reynolds ein Coup: Die halbe Musikwelt redete über sein Buch "Retromania". Reynolds diagnostizierte darin dem beginnenden 21. Jahrhundert unheilbare Retromanie und belegte - seinerseits fast manisch - über mehrere hundert Seiten, wie der Pop und seine Freunde nicht von der Vergangenheit lassen können. Statt um die nächste neue Musik und Kultur, gehe es nur noch um Wiedervereinigungen und Wiederveröffentlichungen. "Pop endet nicht mit einem großen Knall", so Reynolds, "sondern mit einem Box-Set, dessen vierte CD man sich nie anhören wird und mit einem völlig überteuerten Ticket für ein Konzert, bei dem die Pixies oder Pavement Song für Song ein Album wiederaufführen, das einem in seinem ersten Uni-Jahr einmal alles bedeutet hat." Das war im Jahr 2011.

Sechs Jahre später und mit dem zweiten Soloalbum "Waiting On A Song" (Warner) von Sänger, Gitarrist, Songwriter, Produzent und Black-Keys-Kopf Dan Auerbach im Ohr, muss man sagen: Der Retrowahnsinn ging damals eigentlich erst richtig los. Es wirkt fast, als habe das Buch die Verantwortlichen der Musikindustrie erst auf den Geschmack gebracht. Die Wiederveröffentlichungen und Wiederaufführungen sind längst kein Trend mehr, sondern ein zentraler Geschäftszweig.

Andererseits krankte die schöne These damals schon daran, dass sich der Pop erstens natürlich fast zu allen Zeiten akribisch an seiner Vergangenheit abgearbeitet hat. Man denke nur an die Besessenheit, mit der sich etwa die Beatles, die Rolling Stones oder Bob Dylan mit R'n'B, Rock 'n' Roll, Blues oder Folk beschäftigten, bevor und während sie erfanden, was wir heute Pop nenen. Zweitens ist es vollkommen normal, dass sich eine Kunstform, die sich schon ein paar Jahre entwickelt hat, nicht mehr im Halbjahrestakt neu erfindet - und deshalb auch mal ausführlich auf sich selbst zurückschaut. Und drittens hilft es, wenn man sich bei Kunst zur Abwechslung nicht nur dafür interessiert, was man daran schon kennt, sondern auch dafür, was sie von Vorbildern unterscheidet.

Auf die im Kielwasser der Retromania bis heute gern gestellte Schlaumeier-Frage, was denn nun eigentlich passiere, wenn dem Pop die Vergangenheit ausgeht, gab es deshalb immer schon eine gute Antwort. Sie lautete: Warum sollte sie, solange sie nicht immer dieselben ausbeuten? Zumal die Vergangenheit des Pop ja Schätze birgt, die es immer wieder verdient haben, wieder ausgegraben zu werden.

Dan Auerbach liefert mit "Waiting On A Song" nun allerdings noch ein zweite gute Antwort. Und die lautet: Wenn mir die Vergangenheit ausgeht, dann spiele ich sie einfach noch mal ein - und zwar besser.

Auf Platten der Black Keys wie "Chulahoma" hat er das schon einmal famos mit dem rumpeligen Mississippi-Hill-Country-Blues eines Junior Kimbrough durchgespielt. Der New-Orleans-Blues-Legende Dr. John produzierte er mit diesem Ansatz 2012 "Locked Down", das beste Album seiner Karriere. Und jetzt hört man das Kuhglockengetrommel und die verwehten Flöten auf "Cherrybomb" oder die genau richtig verpatschten Drums auf "King Of A One Horse Town" oder den stilecht zart verlallten Gesang auf "Never In My Wildest Dreams" oder das grandios elastische Bassgebrummel auf "Undertow" und ist sich nicht sicher, ob man das beim echten Counry, Soul, Folk und Softrock der Siebziger so schön und mit diesem dezent verstärkten Basswumms gehört hat. Eher nicht. Bei schlechteren Songs wie "Shine On Me" oder "Waiting On A Song" geht einem die handwerkliche Vollkommenheit zwar auch mal fürchterlich auf die Nerven. Man fühlt man sich dann sofort eher in einer Rummelplatz-Retro-Revue, wenn auch einer mit ausgesuchten Rock-Veteranen wie John Prine, Duane Eddy oder Mark Knopfler. Der hier und da erhobene Vorwurf, dass auf dem Album nicht zuletzt mit ihrer Hilfe alles ganz bravourös drapiert sei, die Musik im Kern jedoch ein bisschen charakterlos, ist deshalb auch nicht völlig falsch. Aber was soll man sagen? In den guten Momenten ist es eine so verflucht verführerische Charakterlosigkeit, wie es sie nur geben kann, wenn sich ein begnadeter Musik-Nerd zu einem Werk der Liebe aufmacht. Ginge es nicht um Pop, sondern um klassische Musik, wäre Dan Auerbach als Großmeister für historische Aufführungspraxis weltberühmt. Keine Angst, nur zum Vergleich. Und weil es ja auch so ist, dass der Pop in seiner mittleren Phase auch mal ausgiebig in seiner eigenen Vergangenheit schwelgen darf, wenn er dabei so fabelhaft wie hier.