bedeckt München 25°

Pop:Hüte aus Nudelsieben

Yello beim ersten Live Konzert am 26 Oktober 2016 im Kraftwerk Berlin Yello perform during thei

Tschk-tschk-aa, oh, yeah! - Yello im Berliner Kraftwerk.

(Foto: imago/Martin Müller)

Die Elektro-Pop-Pioniere Boris Blank und Dieter Meier alias "Yello" treten in Berlin zum ersten Mal live auf.

Von Jan Kedves

Als am Mittwochabend das Zürcher Electro-Duo Yello in der sonst Berliner Betonhalle namens Kraftwerk auftrat, rümpfte man erst mal die Nase. Während des knapp zweistündigen ausverkauften Konzerts roch es nämlich, ohne dass sich eine Quelle hätte ausmachen lassen, immer stärker nach Waffeln und Pommes, oder Pommeswaffeln. Was, wäre es Absicht gewesen, allerdings lustig gewesen wäre.

Denn natürlich haben Dieter Meier und Boris Blank gehörig einen an der Waffel, dass sie unbedingt jetzt, Ende Oktober 2016, nach 38 Jahren Yello-Geschichte, ihr Live-Debüt geben. Ein Duo, das nie zusammen auf der Bühne stand und sich, so dachte man, auch genau darüber definierte, also in Abgrenzung zu den Standards des Musikgeschäfts. Mit anderen Worten: Die Idee ist so unsinnig, dass sie fast schon wieder gut ist. Oder hätte sein können. Denn so richtig überzeugte einen der Auftritt von Yello dann leider doch nicht.

Und das obwohl Blank und Meier eine fünf Kopf starke Blechgruppe engagiert hatten, die - mit Posaune, zwei Trompeten und zwei Saxofonen - die sonst synthetischen Bläser-Attacken der Yello-Hits wie "Tied Up" oder "The Race" sehr gut rausdrückte. Auch der standesgemäß schwarz verlederten Metal-Gitarristen, der sein Instrument immer wieder zum scharfen Jaulen brachte, war in Ordnung. Ebenso die drei Background-Sängerinnen, die hinter dem hypnotisch murmelnden Dieter Meier - natürlich mit Schnurres, Sonnenbrille und Einstecktuch im Jackett - routiniert sich wiegende Soul-Röhren gaben.

Ja, irgendwie stand jeder Musiker an diesem Abend erstklassig absichtlich als sein eigenes Klischee auf der Bühne. Denn auch in ihrer Musik und Videokunst ging es ja, zumindest bis Ende der Achtzigerjahre, um ein cut-up-mäßiges, möglicherweise dialektisch gedachtes Nebeneinander. Absurd schnelle Raps, tief heruntergepitchte Dada-Slogans, Voodoo-Getrommel, Swing-Beat, auf Stummfilm und russischen Konstruktivismus anspielende Videoschnipsel, tschk-tschk-aa, oh, yeah. Und so dachte man, dass sogar der Waffelgeruch Teil der Gesamtirritierung sein könnte.

Doch dann kamen die neueren Stücke, die sich auf dem soeben erschienenen Album "Toy" (Universal Music) finden. In ihnen tritt nicht nur der Yello'sche Hang zum musikalischen Unernst und sonstiger Selbstironie (Nudelsiebe als Hüte!) in den Hintergrund, sondern auch Dieter Meier selbst. So stand etwa FiFi Rong im Zentrum, eine Art chinesische Lana Del Rey im roten Kimono-Negligee. Sie sang mit hauchig zittrigem Kolibri-Vibrato ein schrecklich kitschiges Trip-Hop-Liedchen über's Wolkenküssen. Und Malia, eine Jazz-Sängerin aus Malawi, intonierte "Give You The World", ein Stück, das im Shuffle-Rhythmus zwar schön nach vorne prescht, harmonisch aber eher unterkomplex ist.

Hier konnte man seine Ohren dann also getrost auf Durchzug schalten und noch einmal darüber nachdenken, was für ein großes Missverständnis es im Grunde doch ist, dass Yello immer wieder als Techno-Pioniere bezeichnet werden. Soundtechnisch mochte das mal hinkommen, eine durchknallende Bassdrum erkennt ja jedes Kind. Aber Techno, wie er in Detroit von afroamerikanischen Produzenten wie Juan Atkins in den mittleren Achtzigerjahren, einige Jahre nach Gründung von Yello, erfunden wurde, war ja zunächst das totale Anti-Pop-Programm. Yello waren im Pop-Kontext sicher Avantgarde, aber mit Techno, mit dessen Verständnis für Clubkultur oder Verweigerung von poppigen Oberflächen, hatten sie nie etwas am Bart.

Wieder einklinken konnte man sich dann gut zur Zugabe, zur Motorsporthymne "The Race" von 1988. Das bis heute tollste Yello-Stück. Ein aufgemotztes Pendant zu Kraftwerks "Autobahn", das auch die Titelmusik der Musikvideosendung "Formel Eins" war. Da gab's viel Applaus, und es war auch wirklich schön, auf der Leinwand noch einmal zu sehen, wie im dazugehörigen Video die Found-Footage-Fitzel rhythmisch geloopt werden, sodass es in der Wüste von Nevada einem aufgepimpten Drag-Race-Boliden beim Start immer wieder den dicken Turbolader durch die Haube jagt. Oh, yeah!

© SZ vom 28.10.2016
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB