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Pop:Harmonie und Hypnose

Kein Overdubbing mehr, kein nachträgliches Feilen am Computer: Der gefeierte Techno-Produzent James Holden hat jetzt eine Band: "The Animal Spirits". Kann das gutgehen?

Von Volker Bernhard

Nach gängiger Lesart entstehen die Pop-Innovationen schon seit Jahren am Computer: R'n'B, Hip-Hop und sämtliche Spielarten elektronischer Musik sind die tonangebenden Stile unserer Zeit. Die handgemachte Rockmusik vegetiert dagegen in einer Sphäre des kraftlosen Selbstzitats und steten Rückblicks auf vergangene Sternstunden. Der gefeierte britische DJ und Produzent James Holden ist dagegen seit seinem 2006 erschienenen Debütalbum "The Idiots Are Winning" für äußerst stimmige Tracks und Remixes der sogenannten IDM bekannt, der "intelligenten Dance Music". Bei seinem dritten Album "The Animal Spirits" (Border Community Recordings) versuchte sich der 38-jährige nun allerdings an einer echten Herausforderung: Er hat ein Band-Album aufgenommen, das sich nicht um die Unterschiede von digital und analog schert.

Der modernen Lebensrealität nicht unähnlich werden auf der Platte die vermeintlichen Antagonisten aufeinander losgelassen und Wechselwirkungen getestet, auf dass schillernd moderne Kombinationen neue Klänge und Perspektiven erzeugen. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Synthese aus Synthesizer-und Sample-Exzessen, der hypnotisch-repetitiven Kraft des Krautrock und der verspielten Lust am Moment des Jazz.

Holdens Vorgängerwerk "The Inheritors" stolperte voller verspieltem Elektro-Gefrickel zumeist noch chaotisch nach Vorne, changierte stetig zwischen gelungenem Experiment und Überforderung. Die neun Stücke auf "The Animal Spirits" sind jetzt treibender, fokussierter und organischer. Die einzelnen Elemente greifen ineinander. Schlagzeug, Gitarre, Saxophon oder Cornet sorgen für allerlei stilistische Querverweise und erden die omnipräsenten Synthesizer und Samples.

James Holden

Präzise Luftigkeit: James Holden.

(Foto: Laura Lewis/Warp)

Aus einem kleinen Kreis an Begleitmusikern formierte sich über die letzten Jahre eine fünfköpfige Band - geleitet von Holden im Stile eines klassischen Jazz-Bandleaders: Komposition und Aufnahme im eigenen Studio, Mixing und Mastering, Veröffentlichung auf dem eigenen Label Border Community Recordings. Holden integriert durch das Bandformat eine Dimension in sein Werk, die der Laptop-Soundbastelei naturgemäß fehlt.

Nach einem Einstieg mit beschwörendem Gesang und tief flatternden Synthesizern klingeln in "Spinning Dance" Becken und Glocken um die Wette. Unvermittelt wird dann die geradezu hypnotische Harmonie aufgebrochen - es folgt eine kaum 13-sekündige Abfahrt von ebenso großer Intensität wie Beiläufigkeit - und schon erzeugen ein hart akzentuiertes Schlagzeug und ein heftiger Bass-Synthesizer eine anhaltende Sogwirkung, die bis zum Ende des Album anhält.

Kein Overdubbing, kein Feilen am Sound mittels Computer

Es folgen eine Unmenge spielfreudiger Musik-Versuche: Bei aller Komplexität ist nichts starr, nichts überarrangiert oder überproduziert, sondern zugleich präzise und luftig in den Raum gestellt. Der Name ist Programm, schließlich wurden die Spuren in einer monströsen einwöchigen Aufnahmesession einzeln live eingespielt - kein Overdubbing, kein ausuferndes Feilen am Sound mittels Computer.

Einzig das eindringliche "Each Moment Like The First" entstammt einer früheren Session. Es ist der Mitschnitt einer Probe, bei der Holden das Stück zum ersten Mal mit Schlagzeuger Tom Page ausprobierte. Dieser besondere Moment des ersten Aufeinandertreffens von elektronischen Sounds und dem körperlichsten aller Musikinstrumente war offensichtlich derart berauschend, dass es sich auch unter Studiobedingungen mit mehreren Musikern nicht reproduzieren ließ. Das mag kitschig klingen, doch wer je in einer Band gespielt hat und im Studio leidvoll der Magie einer frühen Demo-Aufnahme hinterhermusizierte, kennt das Gefühl. Gerade in den vergänglichen Momenten verbirgt sich ja die umfassende Schönheit.

Die Bezeichnung "Animal Spirits" (zu deutsch etwa Lebensgeister, Vitalität oder Lebenskraft) prägte der Ökonom John Maynard Keynes, demzufolge sie Teil der menschlichen Natur seien. Ein Großteil der Entscheidungen zu positivem Handeln, das sich vollends im Zukünftigen entfalten würde, sei auf jene dem Subjekt eigene Qualität zurückzuführen, statt auf Vorteilserwägungen und Wahrscheinlichkeiten. Ein Gegenentwurf zum Homo oeconomicus also, der dem Denken in Zweck-Mittel-Relationen verfallen ist, gebannt in mitreißende Musik. Das letzte Stück "Go Gladly Into The Earth" ist voll hyperaktiver Verspieltheit, zum Schluss sind jedoch nur noch plätschernde Beats und ein Synthesizer-Arpeggio zu hören. Dann herrscht Ruhe, ein schnelles Ausatmen folgt - der Mensch hinter der Maschine

© SZ vom 10.11.2017

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