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Pop:Harmonie ist eine Strategie

Wie die Idee, kanonische Songs von Pophelden wie Elvis, Aretha Franklin oder den "Beach Boys" mit großen klassischen Orchestern neu aufzunehmen, in die Welt kam - und warum sie jetzt nicht mehr verschwindet.

Von Jan Kedves

DUTOIT CONDUCTS THE ROYAL PHILHARMONIC ORCHESTRA AT GRANADA_S FE

Dank Digitaltechnik kann jede alte Gesangsaufnahme in neue Orchesterspuren montiert werden: das "Royal Philharmonic Orchestra".

(Foto: Miguel Angel Molina/dpa)

Es gibt Produkte, die braucht niemand, und trotzdem sind sie erfolgreich. Niemand braucht zum Beispiel einen via Smartphone steuerbaren iKettle-Wasserkocher. Niemand braucht Goldblatt-Pralinen. Gold schmeckt nach nichts. Und niemand braucht eine Beach-Boys-Platte, auf der die Beach Boys ihre Hits mit opulenter neuer Orchesterbegleitung singen.

"The Beach Boys With The Royal Philharmonic Orchestra" (Capitol) heißt aber das Album, das gerade erschienen ist. Auf ihm ergänzen die beiden Londoner Produzenten Don Reedman und Nick Patrick die Original-Gesangsspuren von "Wouldn't It Be Nice", "California Girls", "Fun, Fun, Fun" und vierzehn weiteren ewig gut gelaunten Sommer-Sonne-Strand-Hits der kalifornischen Boygroup um neue, von großem Orchester eingespielte sinfonische Arrangements. Mit dem Segen der Beach Boys.

Aber vielleicht doch erst mal reinhören, bevor man es schrecklich findet: "Good Vibrations" eröffnet mit einem Streicher-Intro - flirrend atmosphärische Motive steigen auf und ab. Hier soll also ambivalent bleiben, ob die Sonne auf- oder untergeht, und ob es um die guten Vibrationen am Tag oder in der Nacht geht. Raffiniert. Im mehrstimmigen Refrain schrubben die Streicher fleißig Sechzehntelteppiche in die Tiefe, mit fast cinematischem Effekt, aber dezenter als bei Kino-Sound-Bombasten Hans Zimmer. Die Arrangements wurden in den Abbey Road Studios eingespielt, wo schon die Beatles wirkten. Das Royal Philharmonic Orchestra trägt einen glanzvollen Namen, was für den Appeal des Projekts vielleicht nicht unwichtig ist. Aber dazu später.

Mehr als 1,6 Millionen Mal verkaufte sich gleich das erste Elvis-Orchester-Album

Zunächst einmal ist wichtig zu wissen, dass die beiden Produzenten, Don Reedman und Nick Patrick, schon seit Jahren sehr erfolgreich auf dem Gebiet Orchester-Pop sind. Die drei Elvis-Alben "If I Can Dream" (2015), "The Wonder Of You" (2016) und "Christmas With Elvis And The Royal Philharmonic Orchestra" (2017) gingen auf ihr Konto. Priscilla Presley, Elvis' Witwe, war auch involviert. Und im vergangenen Jahr gab's "A Brand New Me: Aretha Franklin With The Royal Philharmonic Orchestra".

Das Spezialgebiet der beiden ist die findige Wiederveröffentlichung. Reedman versteht sich darauf schon lange: In der Musikindustrie ist er seit den Achtzigern eine Legende, seit er bei den Plattenfirmen Sony und Telstar als "Director of Concept Marketing" millionenfach Compilations-Serien wie "Songs For Lovers", "Hits" oder "MegaBass" verkaufte. Gemeinsam mit Patrick, der schon Jennifer Rush, die Gypsy Kings und Roy Orbison produziert hat, erkannte er, dass klassischer Pop nie klassisch genug klingen kann. Klassischer Pop, damit ist Pop gemeint, der seit Jahrzehnten gehört, geliebt und für besonders wertvoll befunden wird. Es gibt ein riesiges Bedürfnis danach, solch kanonischen Pop in neuen Luxus-Versionen zu hören. Status-Upgrade-Pop. Das erste der Elvis-Orchester-Alben verkaufte sich über 1,6 Millionen Mal. Trifft man die beiden Macher in der Londoner Zentrale des Musikkonzerns Universal, entpuppen sie sich als joviale Erfolgstypen, ohne kreative Skrupel, aber sympathisch. Best Ager mit bester Laune. Männer, deren Stereoanlagen mit den Jahren immer teurer wurden, weswegen die Musik, die sie schon immer liebten, den neuen Standards und Geschmäckern angepasst werden darf. Reedman und Patrick sind darin ihrer Zielgruppe vermutlich ähnlich. Allerdings bestreiten sie, dass es ihnen um Klassik gehe. Der Begriff sei irreführend, sagt Nick Patrick.

"Uns geht es darum, dem klassischen Pop mit orchestralen sinfonischen Arrangements eine neue Dimension zu geben. Das hat mit Klassik nichts zu tun", sagt er. "Die Musik der Beach Boys zum Beispiel ist ja in sich ja schon fast sinfonisch, wegen ihres komplexen Harmoniegesangs. Da mussten wir sehr vorsichtig sein, um den Gesang in unseren Arrangements nicht zu vergraben. Wir wollten ihn noch besser zur Geltung bringen." Reedman ergänzt: "Wir haben großen Respekt vor den Beach Boys, wir wollten nicht, dass sie denken, wir hätten ihre Musik verhunzt. Ich denke, es ist uns gut gelungen. Bei Elvis war es anders: Er war zu Lebzeiten immer unterproduziert. Er war der größte Star der Welt, mit dieser opernreifen Stimme, aber im Studio hatte er nie ein großes Orchester zur Verfügung. Er hätte es verdient gehabt. Deswegen wollten wir ihm diesen Sound nachträglich gönnen. Und ihn so auch einer neuen, jüngeren Hörerschaft nahebringen."

Reedman und Patrick komponieren nicht selbst, sie überwachen die Arbeit der Leute, die sie beauftragen. Die ummanteln den Pop teils mit eigenen sinfonischen Ideen, oder nach Anweisungen der Produzenten. Für das Beach-Boys-Album arbeiteten sie wieder mit Sally Herbert zusammen. Sie war in den Neunzigern selbst mal kurz Popstar, als Hälfte des Londoner Duos Banderas, das mit seinem Synthesizer-Pop und seinem ernsten, burschikosen Look so etwas wie die weiblichen Pet Shop Boys werden wollten. Nach einem Hit hörte man nichts mehr von ihnen. Herbert verlegte sich auf die Arbeit hinter den Kulissen, sie orchestrierte Produktionen für Stars wie Robbie Williams, die Manic Street Preachers oder Ed Sheeran.

Gegen ihren Beitrag zu "The Beach Boys With The Royal Philharmonic Orchestra" ist tatsächlich nichts einzuwenden. Wenn Reedman und Patrick meinen, dass es ein lustiger und historisch interessanter Querverweis wäre, das Album mit einem anschwellenden, halb melodischen, halb kakofonischen Orchestergetöse beginnen zu lassen (weil mit genau solch einem Getöse die Beatles 1967 ihr stark Beach-Boys-beeinflusstes "Sgt. Pepper's"-Album beendeten), dann komponiert Herbert ihnen eben genau so ein Orchestergetöse. Die Beach Boys, die in die Produktion nicht involviert waren und auch nichts neu einsingen mussten, waren begeistert: "Mir war schon immer bewusst, dass die Gesangsarrangements, die ich in den Sechzigern geschrieben habe, wie gemacht waren für eine derartige Orchester-Umsetzung", lässt Brian Wilson, der legendär perfektionistische Produzent der Gruppe, sich zitieren.

Trotzdem muss man sagen: Das Album wirkt zombiehaft. Ja, die modernste digitale Studiotechnik erlaubt es, aus alten Master-Mixen die Gesangsspuren so heraus zu präparieren, dass man sie in neuen Produktionen verwenden und abmischen kann. Die Stimmen thronen dann, lauter und klarer als früher, auf einem breitbandigen pompösen Mix. Beach-Boys-Songs sind durch so etwas natürlich nicht kaputt zu kriegen. Aber auch wenn die Orchester-Passagen live eingespielt sind, klingt das Ganze doch irgendwie arg blutleer.

Stärker noch fiel das im vergangenen Jahr bei Reedmans und Patricks Aretha-Franklin-Album auf. Dort wurde der hymnische Charakter von "Think (Freedom)" durch die Orchester-Wallungen zwar ins Feierliche gesteigert. Aber intime Songs wie "I Say A Little Prayer" (1967), von Franklin wunderbar zerbrechlich ins Mikro gebarmt, klangen mit Orchester plötzlich nur noch kitschig. Franklin selbst war von dem Projekt wenig begeistert. Es war auch nicht ihre Idee gewesen, sondern die der Plattenfirma Warner, die die Rechte an Franklins Aufnahmen aus den Jahren 1967 bis 1976 hält. Anders als jetzt die Beach Boys - und zuvor Priscilla Presley - machte Franklin auch keine Werbung für das Album. Was den Eindruck der Geisterschiff-Musik noch verstärkte.

Reedman und Patrick geben sich, wenn man sie auf das Projekt anspricht, durchaus zerknirscht. Ihr Konzept gehe mit Soul-Musik eben nicht so gut auf wie mit Pop oder Rock, das hätten sie nun erkannt, sagen sie. Wobei sie am meisten zu wurmen scheint, dass sich das Album sehr schlecht verkauft hat. Zu genauen Zahlen äußern sie sich nicht.

Mit den Beach Boys soll es nun aber wieder bergauf gehen. Und eben mit dem Royal Philharmonic Orchestra. Das stand, seit 1961 sein Gründer Sir Thomas Beecham starb, schon einige Male vor dem Aus. Auch war es kurzzeitig davon bedroht, das Anrecht auf die Bezeichnung "Royal" im Namen zu verlieren. Für das Orchester wäre das katastrophal, der Klassik-Laie dächte dann nicht mehr, dass das Royal Philharmonic Orchestra das tollste Orchester Londons sei, und wo immer es spiele, die Queen quasi persönlich etwas vom Glanz ihrer Krone auf die Darbietung abwerfe. "Ja, es wäre albern zu behaupten, dass das 'Royal' im Namen des Orchesters aus Marketing-Perspektive unwichtig ist", sagt Nick Patrick.

"Wer das Original liebt, kann ja weiter das Original hören."

Hier haben sich also drei gefunden: die Pop-Vermarkter mit den guten Kontakten in die Archive der Musikindustrie, und James Williams, der geschäftsführende Direktor des Royal Philharmonic Orchestra. Im Interview mit dem Daily Telegraph erklärte er kürzlich, die Welt der klassischen Musik müsse sich, um eine jüngere Zielgruppe zu gewinnen, von dem Wörtchen "klassisch" trennen. Besser sei es, von "orchestraler Musik" zu sprechen. Das klinge klischeefreier. Kürzlich wagte er mit seinem Orchester sogar den Schritt in die Welt der Computerspiele: In der Royal Albert Hall wurden erstmals sinfonische Bearbeitungen von Playstation-Soundtracks zur Aufführung gebracht. "God Of War", "Resident Evil": Game-Musiken wie diese sind für große Teile der jüngeren männlichen Weltbevölkerung ja längst klassisch. Weswegen sie sich bestens für die sonische Hochkultur-Aufwertung in Form einer Orchestrierung eignen.

Ein neues Orchester-Album mit der Stimme des toten Roy Orbison werde in diesem Jahr noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft erscheinen, sagt Reedman. Ansonsten werde man ja wohl noch träumen dürfen: Dusty Springfield, Michael Jackson, Johnny Cash, David Bowie? Er und Nick Patrick werfen sich die möglichen nächsten toten Kooperationspartner zu. Es muss einem ja nichts heilig sein, wenn man nur - wie die beiden - häufig genug betont, dass man mit seiner Arbeit eben nur ein Angebot machen wolle. Ein Angebot, das die Originalversion niemals ersetzen könne oder wolle. "Wer das Original liebt, kann ja weiter das Original hören, es ist immer noch da, in seiner ganzen Pracht", sagt Nick Patrick. Mit anderen Worten: Niemand wird zum Hören von etwas Überflüssigem gezwungen. Dem Erfolg steht das natürlich nicht im Weg.

© SZ vom 16.06.2018

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