Pop Geklaute Gefühle

Wenn man es einmal gehört hat, bekommt man Moritz Krämers Nuscheln nicht mehr aus dem Ohr.

(Foto: Anne Krausz)

Das sind sie, die klügsten und heitersten Songs, die je über Dienst nach Vorschrift geschrieben wurden: Das neuen Album des Berliner Sängers Moritz Krämer.

Von Marie Schmidt

So unter uns Arbeitnehmern: Ist Dienst nach Vorschrift eigentlich eine Form von Widerstand? Eigeninitiative schön stecken lassen, mit kreativem Input gar nicht anfangen, vor der Extrameile die Schuhe ausziehen und erst mal ein Bierchen aufmachen: Geht's der Volkswirtschaft noch gut, wenn alle nur das tun, wofür sie bezahlt werden, und um 17 Uhr heimgehen? Nein? Dann ist Moritz Krämers Doppelalbum "Ich habe einen Vertrag unterschrieben" (Tapete) ein Aufruf zum Widerstand gegen die Selbstausbeutung. Klingt aber gar nicht danach. Eher wie etwas, wozu viel beschäftigte Mittdreißiger Joghurt essen und sich frisch machen.

Womöglich wirkt in dem Zusammenhang aber genau dieser Sound subversiv. Der Theatermusiker, Songwriter und Sänger Krämer ist sehr gut in Indiepop, der schön nachdenklich ist, aber beim Frühstück echt nicht stört. Allerdings hat diese unauffällige Heiterkeit eben doch etwas auffällig Nervtötendes, und dazu kommt, was Krämer hier singt: Er hat sich geärgert über den hinterhältigen Teil eines Vertrags, vermutlich des Plattenvertrags, den er unterschrieben hat, weshalb wir ihn jetzt hören: "Dieser andere Teil will Geld von mir. Für was? Einfach so. Dann möchte ich lieber nicht." Die Bartleby-Moral dieser Zeile erklärt natürlich, dass Moritz Krämer trotzdem dabeibleibt und seinen Singer-Songwriter-Dienst ordnungsgemäß versieht. Seine Band macht weiter, das Piano tänzelt weiter, die Gitarre klimpert weiter, der Rhythmus treibt weiter, die Streicher tragen weiter ein bisschen dick auf, alles also schrecklich normal hier, und am Ende sind sogar zwei Platten à acht Songs fertig: "Wir können Lieder schreiben, eins nach dem anderen, die uns nicht interessieren, bei denen das Herz nicht bricht."

Möglich, dass ein gedankenloser Frühstücker die Musik jetzt ausmacht, bisschen genervt, weil das alles so leicht ins Ohr rutscht wie die Tonspur einer Versicherungswerbung. Aber Moment, da kommen auch Zeilen, die so gut sind: Die langweiligen Normallieder, singt Krämer,"packen wir ein, wir legen sie in Tüten, machen ein Schleifchen drum und schicken sie weg. Ein Stempel von der Post und viele, viele Grüße! Und der Vertrag erfüllt sich ein kleines bisschen weniger." Ah, diese Genugtuung der abhängig Beschäftigten! Botschaft ans Arbeitgeberlager: Von blöden Arbeitsbedingungen kommen keine Geniestreiche, routiniertes Mittelmaß könnt ihr kriegen, bitte sehr.

Wobei Laien mit Mittelmäßigkeit vorsichtig sein sollten, weil sie in den meisten Fällen von Espritlosigkeit kaum zu unterscheiden ist. Das sind aber nicht die Sorgen, die sich Moritz Krämer machen muss. Man kennt ihn ja für Lieder von bester Hamburger Schule, die sicher auch oft generisch ist, aber nie geistlos. Es gibt zwei Krämer-Alben mit der Band Die höchste Eisenbahn und zwei Soloalben, auf denen mindestens ein unvergessliches Lied ist. Es handelt von einem Spatzen, der vor Sehnsucht nach einem Leben als Zugvogel die Freude an seinem Spatzendasein verliert, von einem Hausdach springt und sich ein "Rippchen" bricht. Der Sänger pflegt ihn dann gesund und nimmt ihn im Flugzeug mit nach Süden.

Wenn man es einmal gehört hat, bekommt man außerdem Krämers Nuscheln nicht mehr aus dem Ohr. Eigentlich ist es eher ein Wegatmen der Konsonanten, ein Kuscheln mit den Vokalen. Sein sympathischer Hänger-Ton wird stärker im zweiten Teil von "Ich hab einen Vertrag unterschrieben", der sehr lustig und voller famoser Durchhaltesongs ist: "Da bin ich wieder", "In alter Frische", Lieder für abgehangene Popper, die zu gut wissen, wie es läuft, um nicht auch noch ein siebtes und achtes Album aufzunehmen. "Eine Ballade muss drauf sein", heißt ein fabelhaftes Bon-Jovi-Geschiebe, "geklaute Gefühle, bei denen sich der Magen umdreht".

Und dann kommt "Ich muss an Udo denken", ein Lied über Lindenbergs "Radio Song" von 1976. Darin musste sich der Sängerheld in der Musikindustrie durchsetzen, um zu einer Unbekannten durchzudringen: "Und nun hoff ich so, du hörst dieses Lied mal im Radio oder bei Freunden, in der Diskothek oder irgendwo." Krämers Meta-Meta-Song zu diesem Meta-Song übers Liedermachen ist gleich an den Chef seiner Plattenfirma adressiert (der im konkreten Fall Gunther Buskies vom kleinen Hamburger Label Tapete Records sein müsste): "Ich hoffe du bringst diese Platten ins Radio oder ins Internet oder sonst wohin. Je mehr ich davon schreibe, desto leichter fühlt es sich an, dass man einfach so ohne nachzudenken, was aufschreiben kann."

Die Content-Industrie dreht frei, das ist bedrohlich und natürlich auf die Dauer traurig: Wo sind die schönen Unbekannten hin und die kleinen dicken Spatzen? Wenn der Dienst nach Vorschrift und das Schimpfen auf den Chef mal zum Lebensgefühl geworden sind, wie kommen wir aus dieser Stimmung je wieder raus?

Moritz Krämer hat seinen Protest gegen die Vertragsbedingungen übrigens zur Platte gemacht, nachdem er das eigentlich geplante Album, Arbeitstitel "Die traurigen Hummer", schon fertig hatte. War einfach noch Zeit im Studio übrig. Indem er von der unmotivierten Pflichtübung singt, hat er sein Soll also in Wirklichkeit doppelt und dreifach erfüllt.