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Pop:Dieses entrückte Zittern

Lambchop

Touchieren, sedieren: Kurt Wagner mit seiner Band „Lambchop“.

(Foto: Oliver Gutfleisch/ddp images)

Kurt Wagner und seine Indiefolk-Band "Lambchop" spielen seit über 3o Jahren zusammen. Beim Konzert im Berliner Funkhaus spielen sie trotzdem keinen Song, der älter als drei Jahre alt ist. Was für ein Glück!

Von Jan Jekal

Unter riesigen Orgelpfeifen steht ein Klappstuhl, auf dem Kurt Wagner seine Apparatur zur Stimmenverfremdung aufgebaut hat. Die riesigen Orgelpfeifen sind immer da, gehören zum Inventar des großen Aufnahmesaals im Berliner Funkhaus im Bezirk Treptow-Köpenick, wo der DDR-Rundfunk bis 1990 seinen Sitz hatte, und nicht zum Instrumentarium von Wagners Band Lambchop. Aber das Klavier ist von ihnen, die elektrischen Gitarren, die Pedal-Steel-Gitarre, zwei Drumkits und die Apparatur zur Stimmenverfremdung auch, eine kleine Box mit ein paar Reglern, an denen Wagner diesen Freitagabend herumschraubt. Er manipuliert seinen Gesang mit verschiedenen Effekten, verfremdet sein Stimmensignal mit einem Vocoder zu einem elektronischen Dreiklang, sodass sein Singen maschinenhaft klingt, wie ein Harmoniegesang sedierter Roboter, oder er singt durch einen Auto-Tune-Effekt, ein ursprünglich zur Tonhöhenkorrektur eingesetztes Hilfsmittel, das hier den rauen Klang seiner sechzig Jahre alten Stimme erhält und sie zugleich, durch zittrige Korrekturen, destabilisiert. Für eine Country-Band aus Nashville sind das nicht unbedingt zwingende ästhetische Entscheidungen, aber Lambchop sind keine Traditionalisten.

Wagner, eine rote Schirmmütze und ein weißes Hemd tragend - die Freizeitkleidung des amerikanischen Präsidenten, die bei ihm nicht als Statement zu deuten ist - legt seine meditativen Robotergesänge über ruhigen Indiefolk, den seine Band weniger spielt, als in den großen Saal touchiert. Die beiden Schlagzeuger umspielen ein Drum-Machine-Gerüst mit polyrhythmischen Verzierungen, vom Klavier kommen lang gehaltene Akkorde. Nur leicht verstärkt schweben die Sounds durch den trapezförmigen Raum, hoch zur welligen Decke.

Ein denkbar großer Kontrast zu den stimmungsvollen Stücken ist das Geplänkel zwischen den Songs. Pianist Tony Crow erzählt mehr als einen Altherrenwitz: "Wer ist der beliebteste Typ auf der Nudistenparty? Der, der neben zwei Bechern Kaffee noch zwölf Donuts tragen kann." Was Wagner nur mit den Worten kommentiert: "Darüber könnt ihr auf dem Heimweg noch ein bisschen nachdenken."

Besser ist die Akustik. Fällt im Publikum eine Glasflasche um - und das passiert mit so erstaunlicher Regelmäßigkeit, dass im Laufe des Abends jede im Saal vorhandene Flasche mindestens einmal umgefallen sein muss - wird das helle Klirren durch den ganzen Raum getragen, ein klangliches Ereignis, das von Wagner anfangs noch vergnügt aufgegriffen wird, für ein kurzes Call-Response-Spiel, in dem er mit einem kleinen Gitarren-Ausbruch auf das Glasflaschen-Klirren antwortet, das er aber später nur noch mit gequälter Miene quittiert.

Sein linker Unterarm zittert neunzig Minuten lang. Die Finger seiner linken Hand drücken fest auf das Griffbrett der elektrischen Gitarre, lassen durch das unaufhörliche Zittern die Saiten vibrieren und die Töne leicht entrückt schwingen. Man hört es kaum, aber man sieht das Zittern; man sieht also, wie Wagner unter Strom steht, die ganze Zeit. Es ist eine Menge angestauter Energie um ihn, und das ist schon erwähnenswert, denn Wagner tourt schon sein halbes Leben mit Lambchop.

Die Spielfreude kommt sicher daher, dass es sich hier nicht um einen Nostalgie-Trip handelt, nicht um eine Jubiläumstour und nicht um ein Klassentreffen. Die sechs Männer auf der Bühne, die meisten von ihnen um die sechzig, spielen nur einen Song, das älter als drei Jahre ist. Etwas Schöneres kann man sich kaum vorstellen. Mit einer Band seit 30 Jahren zu touren und dann nur neue Songs spielen, die so gut sind, dass niemand die alten Sachen vermisst.

© SZ vom 30.04.2019
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