Polen:Donnernder Schlussakkord

Yaara Tal und Andreas Groethuysen

Yaara Tal und Andreas Groethuysen spielten an zwei Abenden Czerny. Nach dem zweiten Konzert stand Groethuysen auf und sprach sich gegen Unterdrückung, Illiberalismus und Nationalismus aus.

(Foto: Michael Leis)

Die nationalistische polnische Regierung will auch die Kultur gleichschalten und schreibt Heroismus vor. Zwei Pianisten hielten nun ein flammendes Plädoyer für die Freiheit.

Von Florian Hassel

Das Konzert für Klavier zu vier Hängen und Orchester opus 153 von Carl Czerny ist ein Werk, das Warschauer Konzertgänger selten zu hören bekommen. Und Yaara Tal und Andreas Groethuysen, das in München lebende israelisch-deutsche Pianistenduo, hat noch nie in einem polnischen Konzertsaal gastiert. So war die Warschauer Philharmonie ausverkauft, als Tal und Groethuysen dort am vergangenen Freitag und Samstag mit dem Warschauer Philharmonischen Orchester unter Jerzy Salwarowski auftraten.

Das Konzert des Beethoven-Lehrers Czerny war nicht die einzige Überraschung für Warschaus Klassikfreunde. Als Tal und Groethuysen am Samstag das zweite Konzert unter großem Applaus beendet hatten, wandte sich Groethuysen ans Publikum. "Bevor wir nach Warschau kamen, haben wir ziemlich gemischte Gefühle über dieses Engagement gehabt - und wir möchten Ihnen erklären, warum."

"Wir sehen alarmiert, dass sich Polen von der europäischen Idee abzukehren scheint."

Prominente Musiker werden oft Jahre im Voraus gebucht. So war es auch bei diesem Konzert, das der Agent der beiden Pianisten schon vor zwei Jahren absprach. Seitdem aber wurde in Polen die rechtsnationalistische Partei Recht und Gerechtigkeit (Pis) an die Regierung gewählt. Je näher der Konzerttermin rückte, desto unbehaglicher verfolgten Tal und Groethuysen Nachrichten aus Warschau. "Wir sehen uns alarmiert, dass sich Polen von der europäischen Idee, von der europäischen Familie mit gemeinsamen demokratischen Werten und freien Grenzen abzukehren scheint", sagte Yaara Tal der SZ nach dem Konzert.

Die Pianisten überlegten, die Konzerte in Warschau abzusagen. "Die Warschauer Philharmonie ist ein staatliches Orchester - wären wir einfach aufgetreten, wäre dies eine stillschweigende Zustimmung unsererseits zum Regierungskurs", sagt Tal. Doch Freunde und Bekannte rieten, in Warschau aufzutreten. Und so entschlossen sich die Musiker zum Auftritt - und zu einer kurzen Ansprache. "Aus einem Land kommend, das vor 75 Jahren eine Katastrophe über fast alle europäischen Länder gebracht hat, vor allem über Ihres, sind wir sehr besorgt, wenn die Vision eines vereinigten, solidarischen und demokratischen Europa in Gefahr ist", sagte Groethuysen.

"Es gibt keinen besseren Weg für Gesellschaften, als ihren Staat auf einem klaren und strikten Gleichgewicht der Macht aufzubauen, auf absoluter Unabhängigkeit der Presse und natürlich der Justiz. In den letzten Jahren erleben wir in einigen europäischen Ländern neue Politiken von Unterdrückung, Illiberalismus und Nationalismus. Wir hoffen, Sie verstehen unsere Sorge." Damit setzten sich die Pianisten wieder ans Klavier und spielten eine Zugabe, gefolgt von langem Applaus. Als Tal und Groethuysen danach im Foyer der Philharmonie CDs und Eintrittskarten signierten, dankten ihnen mehrere Dutzend Konzertbesucher.

Klassische Musik und ihre Foren sind gewöhnlich nicht der Ort für politische Stellungnahmen oder Proteste. In Polen aber hat die Pis-Regierung, die den Staat tief greifend umgestaltet, auch die Kultur ins Visier genommen. Kulturminister ist Piotr Gliński, einer der engsten Vertrauten von PiS-Chef Jarosław Kaczyński im Range eines stellvertretenden Ministerpräsidenten. Ob Geschichtsschreibung, Film, Theater oder Musik - jeder Bereich soll Gliński zufolge im nationalen Sinn der Pis umgestaltet werden.

Das bleibt nicht ohne Widerstand: Schon im März 2016 wurde Gliński beim Eintritt zum renommierten Osterfestival mit Musik Ludwig van Beethovens in der Warschauer Philharmonie mit Buh-Rufen begrüßt. Ebenso eindeutig fiel der Kommentar eines großen Teils des Publikums aus, als Glińskis Stellvertreterin Wanda Zwinogrodzka in der Philharmonie am 30. August vergangenen Jahres zum Schluss des Festivals "Chopin und sein Europa" einen Brief des Kulturministers verlas, in dem dieser die "nationalen Werte der Musik Chopins" betonte: Zwinogrodzka wurde danach ebenfalls von einem großen Teil des Publikums ausgebuht.

Gliński ließ die Leitung polnischer Kulturinstitute austauschen und verkündete einen neuen, patriotisch-nationalistischen Kurs in Geschichtsschreibung und Museen. Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig, konzipiert als ein Museum, das die Kriegsgeschichte auch mit ihren internationalen Aspekten betonen soll, ist Gliński nicht patriotisch genug: Noch bevor das Museum, dessen Macher gerade die Ausstellung fertigstellen, für das Publikum geöffnet werden kann, beschloss Gliński zum 1. Februar 2017 die Zwangsvereinigung des Museums mit einem anderen, noch gar nicht existierenden Museum.

Polnische Museumsmacher protestierten. Auch Polens Menschenrechtskommissar Adam Bodnar, dessen Amt in Polen den Rang eines Verfassungsorgans hat und der ein Hüter der Verfassung ist, klagte gegen die seiner Meinung nach illegal beschlossene Zwangsvereinigung. Mitte November stoppte ein Warschauer Gericht diese Maßnahme per einstweiliger Verfügung. Der Kulturminister legte Berufung ein - ob das Museum mit seiner Ausstellung freilich je eröffnet wird, ist ungewiss. Für Warschau kündigte Gliński bereits ein neues Museum der Geschichte Polens an, das zum 100. Jahrestag der polnischen Unabhängigkeit vom 11. November 1918 eröffnet werden soll.

Nicht nur die Museen sollen mehr über polnischen Heroismus berichten, auch Filmschaffende und Schauspieler sollen ihren Teil zur neuen Geschichtsschreibung beitragen. Der Regisseur Jerzy Zalewskiego drehte mit "Historia Roja" schon ein Werk nach dem Geschmack des Ministers: Der Film behandelt das Schicksal der "verfemten Soldaten" - also der polnischen Untergrundkämpfer, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Polen gegen die sowjetischen Besatzer und das von ihnen eingesetzte kommunistische Regime kämpften. Die Leitung von Polens Filmfestival in Gdynia bei Danzig war von der künstlerischen Bedeutung des Filmes nicht überzeugt und nahm ihn nicht ins Wettbewerbsprogramm auf - Gliński schimpfte daraufhin über die angebliche "Blockade des Films durch die Festivaljury", die "keinen Platz in einem demokratischen Land" habe.

"Wir stehen an der Schwelle zu einem autoritären Staat", schreiben vier Schauspieler

Solches rhetorisches Säbelrasseln beunruhigt viele polnische Kulturschaffende, zumal viele von ihnen von Zuschüssen des Kulturministeriums abhängen. Krystyna Janda, Polens bekannteste Schauspielerin und Leiterin zweier Theater in Warschau, berichtete der SZ schon im Herbst 2016, dass der Kulturminister die Zuschüsse für ihre Theater um 90 Prozent gekürzt habe und das regierungskontrollierte Fernsehen die bei ihr bestellte Regie einer Shakespeare-Verfilmung storniert habe. Janda hatte zuvor etwa gegen ein von der Pis-Regierung geplantes komplettes Abtreibungsverbot protestiert und viele Polinnen auf die Straße gebracht.

Anfang Januar riefen vier berühmte Schauspieler des Warschauer Neuen Theaters mit einer Titelgeschichte in der polnischen Newsweek-Ausgabe zu mehr Protest gegen den Kurs der Regierung auf. Unter der Überschrift "Es geht um die Freiheit!" bekundeten Magdalena Cielecka und Maja Ostaszewska und ihre Kollegen Jacek Poniedziałek und Maciej Stuhr ihre tiefe Sorge über juristisch fragwürdige Gesetze der Regierung, über wachsende Fremdenfeindlichkeit und die Trennung Polens in gute und "schlechte Polen" durch Pis-Chef Kaczyński. "Wir stehen an der Schwelle zu einem autoritären Staat", glaubt etwa Ostaszewska. Die vier Schauspieler müssen - vorerst - keine Folgen ihres Protestes befürchten: Das Neue Theater wird von der Stadtverwaltung finanziert. Noch wird Warschau nicht von der Pis regiert, sondern von der Opposition.

© SZ vom 17.01.2017
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